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Der Israelit · 1890-11-03 · Heft 86 (3.11.1890) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 86 (3.11.1890)
Date
1890-11-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1454 schreite. Ich möchte ein Mädchen finden, welches so edel Wäre, mir um meiner selbst willen die Hand zum ewigen Bunde zu reichen. Ich habe ein solches Mädchen gefunden, ich liebe es mit der ganzen Kraft meiner Seele und stehe jetzt zagend und flehend vor ihr und frage sie: Willst Du es wagen? Willst Du dem elternlosen Manne die Sorge für Deine Zukunft anvertrauen und ihn, der Dich über alles liebt. Deiner Liebe würdigen? Else, an Dich richte ich jetzt, in der Scheidestunde, die bange Frage: Willst Du mein Weib werden? Willst Du mich zum Glücklichsten aller Menschen machen? — Du schweigst? O, habe ich Dich beleidigt, so verzeihe; wenn Du die Größe meiner Liebe kennen würdest, so hätten Dich meine Worte nicht beleidigen können. Ich gehe jetzt; lebe wohl; mir geht es, wie unserm großen Lehrer Moses: Schauen dürft ich wohl mein Glück — doch dürft ich's nicht besitzen. „Reiche mir Deine Hand nocheinmal; nocheinmal zum Abschiede und dann lebe wohl für ewig." Er ergriff Elsens Hand, die sie ihm zögernd reichte. Noch einen heißen Kuß drückte er darauf, dann wandte er sich zur Thüre, um zu gehen. Else konnte kein Wort Hervorbringen. An der Thüre sah Chajim sich noch einmal um. Dicke Thränen rollten über die Wangen des jungen Mädchens, aber sie konnte nicht sprechen. Sie wollte ihm Nacheilen, aber die Füße waren wie an den Boden gefesselt. Da überschritt Chajim die Schwelle — und mit einem lauten Aufschrei fiel sie zurück. Chajim hatte den Schrei gehört und öffnete abermals die Thüre. Als er Elsa regungslos auf dem Sopha liegen sah, eilte er auf sie zu und richtete sie auf. Da schlug sie nach einer Weile die Augen auf und sah Chajim mit einem Blick an, der ihm mehr sagte, als alle Worte. Fast konnte Chajim nicht an sein Glück glauben und jetzt, da der Bann gej brochen war, floß ein Redestrom von Herz zu Herz, | erquickend und beglückend. So saßen sie Hand in Hand und dachten nicht daran, daß die Zeit in ihrem Lause keine Rücksicht auf das Glück der Sterblichen nimmt. Plötzlich öffnete sich die Thüre, Herr Sternfels steckte den Kopf in's Zimmer, ohne daß es von den Liebenden gemerkt wurde, denn die Liebe macht ja blind, stumm und taub. Er rief seine Frau, und beide standen unbemerkt in dem Rahmen der offenen Thüre und horchten auf das Geflüster der Liebenden, ohne jedoch ein Wort des Gesprächs zu verstehen. Plötzlich wandte sich Else, durch den Zugwind aufmerksam gemacht, nach der Thür, und als sie ihre Eltern dort sah, eilte sie, über und über erglühend, auf ihre Mutter zu und umarmte sie in Thränen lächelnd. Das war ein Abschied! Chajim schied erst, als der Morgen schon graute, von Else und deren Eltern. Ihm blieb nur noch kurze Zeit bis zum Abgang des Dampfers, der ihn nach Rußland bringen sollte. — Das Tagesgestirn erhob sich in majestätischer Pracht aus den Fluthen des Meeres; ein schlanker Dampfer zog, stolz wie ein Schwan seine Kreise und entfernte sich aus dem von Schiffen wimmelnden Hafen. Auf dem Verdeck stand, an das Geländer gelehnt, ein junger Mann, der mit thränenden Augen zur Stadt hinüber sah. Ihm war zur Heimath die Fremde geworden. Die Fremde? Ist unser ganzes Erdenleben nicht eine fortwährende Wanderschaft, von der wir erst an der Pforte des Grabes heimkehren? Ist nicht das Grab die Pforte, durch welche wir in unsere wahre Heimath eingehen, in jenes Land, wo der Schmerz und die Klage schweigen, Haß und Niedertracht fliehen müssen, wo Derjenige als Herrscher thront, „durch dessen Wille die Welten entstanden, durch dessen Wille sie einstens vergehen werden. Er führt Sein Volk und leitet es durch Nacht zum Lichte, durch die Knechtschaft zur ewigen Freiheit." (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, sür'S Ausland 16 ReichS-Mark. Man adonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel beziehen bei E. F. Sternacker. Leipzig. Doßptnh 18. — Inserate 25 Pfennige die dreigefpaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. öftere., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition frqn« einznfende». Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Die Bankrutterklärung der Reform. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Berlin. Wiesbaden. Schwerfens. Leipzig. — Oesterr. - Ungar. Monarchie: Aus Böhmen. — Egyten: Alexandrien. — Amerika: New-Pork. — Feuilleton: Gosrith momelach: Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Noch einmal Straßburger Fibel und Lesebuch für israelitische Volksschule. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse.__ Verantwortliche Nedaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'fchen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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