Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 86 (3.11.1890)
- Date
- 1890-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448105--30979-2478757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1549 kommnen und zu veredeln, und wer zum Verschwinden des Antisemitismus uns die Hand bieten will, muß hier am nachhaltigsten ansetzen. Gott sei Dank halte unsere Moralität jeden Vergleich mit der unserer christl. Mitbürger aus, ja von Jahr zu Jahr zeige die Kriminalstatiftik ein Heruntcrgehen der Zahl der Vergehen auf unserer Seite und ein christlicher Herr, der Hessen bereist hat, theilte ihm mit, daß die Wucherfrage dort, soweit sie die Juden anlangt, eine sehr untergeordnete Rolle spiele und gar nicht zu Angriffen antisemitischer Tendenz ausgebeutet werden könne. (Der Herr hätte sich auf das klassische Zeugniß der einwandfreien „Kreuz Ztg." berufen können.) Aber viel lasse sich durch Abschleifung gesellschaftlicher Unmanieren, die uns noch etwa anhaften, thun und er müsse die wenig Ernst und Würde verrathenden Kindereien, mit denen man in Hessen sich Böckels erwähren will, verurtheilen, da sie eher schaden als nützen. Die bisherige Gleichgiltigkeit muß einer energischen abwehrenden Thätigkeit Platz machen. Das beste, was wir bisher den pöbelhaften Verhetzungen entgegengesetzt, wäre Aerger und Unmut. Jetzt müsse eine philosophische Ruhe uns bei der Behandlung derartiger Fragen zur Seite stehen, wenn eine ernste Bekämpfung des Antisemitismus möglich sein soll. Früher wurden zwar auch Exesse gegen Juden verübt, aber dann richtete sich gegen sie die Entrüstung und der Abscheu aller Gebildeten; seitdem aber der Judenhaß sich in parlamentarische Formen kleide und systematisch die Knechtung unserer Glaubensgenossen mit gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln anstrebe, müsse auch unsererseits systematisch vorgegangen werden. Es genüge nicht, mit Phrasen auf den Plan zu treten, wir müssen uns vor allem mit statistischem Material rüsten und wappnen, unsere Rüstkammer sei noch viel zu wenig mit solchen Waffen ausgestattet. Das sei ja eben die wirksame Kampfmethode jener Volksverderber, daß sie mit concreten, pikant ausstaffirten Beispielen, ungeheurem Material vor die Massen treten und sind auch die Thalsachen gefälscht oder erlogen, so büßen sie doch dadurch von ihrer Beweiskräftigkeit nicht ein, so lange man ihnen greifbare Einzelheiten auftische. So z. B. ließe sich unsererseits die Fabel von der größeren Wohlhabenheit der Juden durch einen Vergleich der Gesammtbesteuerung der Juden mit der unserer andersgläubige« Mitbürger aus der Welt schaffen. Warum sammelt man nicht die Zahlen von all den Summen, die Juden für die öffentlichen und privaten allgemeinen Humanitären Bestrebungen mit freier Hand und offenem Herzen zu spenden nicht müde werden, trotz der Anfechtung und Anfeindung nicht erlahmen zu geben. Sodann wandte sich der Redner den inneren Zuständen zu und gestand, daß der Antisemitismus auf die Selbstachtung und das Selbstgefühl der Juden fördernd und anregend gewirkt, sei er doch selbst aus einem Juden aus Gewohnheit zu einem solchen aus Ueberzeugung geworden und verdanke doch der Verein dieser inneren Erstarkung des Judenthums seine Entstehung, zu der der mitanwesende Herr W e i n b e r g die Initiative gegeben habe. Aber es sei erst der Anfang damit gemacht. Die Kenntnis des Judenthums müsse immer weiteren Kreisen zugeführt werden und er trage sich mit Plänen, deren Verwirklichung diese Ziele erfolgen. So solle ein Verein jüdischer junger Männer entstehen, wobei es ihn nicht störe, dem Vorgänge des christlichen Vereins junger Männer zu folgen, da wir da das Gute nehmen, woher wir es immer bekommen. Ferner solle innerhalb desselben eine Abtheilung für jüd. Gesch. und Literatur bestehen, auch die Errichtung einer Bibliothek mit Juden und Judenthum betreffenden Werken werde in Aussicht genommen. Nach dieser mit Beifallsbezeugungen aufgenommenen Rede erstattete der Gründer des Vereins, Herr Weinberg, Bericht über die Thätigkeit und Erfolge seiner bisherigen Wirksamkeit. Die Erfolge sind recht in die Augen springend, wie wohl der Gemeindevorstand nicht zum Eingeständnis zu bringen sein dürfte, daß dieselben auf die Agitation des Vereins zurückzuführen seien. So darf derselbe als Folge seiner Thätigkeit die Vermehrung der Gemeindegottesdienste an den hohen Feiertagen, die Einrichtung eines Jugendgottesdienstes und die anangebahnte Steuerorganisation des Vorstandes und der Repräsentanten ansehen. Freilich zeige man noch immer wenig Verständnis für seine Bestrebungen, wie dies auch aus der echt bureaukratischen Haltung der Gemeindebehörden hervorgehe, die sie einer in den höflichsten Formen abgefaßten Petition um Errichtung von 4 Synagogen und 4 Religionsschulen einzunehmen beliebe, indem sie seit einem halben Jahre noch keine Zeit und Gelegenheit habe finden können, eine Antwort oder auch nur einen den Empfang des Schreibens bestätigenden Bescheid zu geben. Das Bedeutsamste ist, daß der nur ein jeweiliges Interesse beanspruchende Wahlverein seinen Namen ändern wird, um auch von weiteren Kreisen einer dauernden und erhöhteren Aufmerksamkeit gewürdigt werden zu können. Nach diesen Mittheilungen entspann sich eine lebhafte Debatte, an der sich die Herren Schleyer, Gottschalk, Levi, Dr. Brand u. A. betheiltgten. A.