Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 86 (3.11.1890)
- Date
- 1890-11-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1548 stimmt sich nicht weniger entrüstet über die Annahme eines Gesinnungswechsels zeigen würde, so bleibt unseres Erachtens keine andere Erklärung für diese auffällige Unterdrückung der wesentlichsten Punkte des Reformprogramms übrig, als daß Herr Lehmann sich während der verflossenen drei Jahre überzeugt habe, daß für die Ausführung dieser hohen Ideale das gegenwärtige Geschlecht der Reform noch nicht reif genug sei. Er muß sicherlich erkannt haben, daß auch das Wenige, was vielleicht hie und da noch immer in irgend einem vergessenen Winkel von jüdischem Empfinden in den Kreisen der Resormbekenner anzutreffen sein könnte, erst gründlich ausgerottet werden muß, bevor das volle Licht der Reform aufgehen kann, deßwegen verlangt er zuerst das gänzliche Aussterben eines jeden hebräischen Lauts. Erinnert doch jeder Laut an das alte Judenthum, und dieses überwindet, wie Herr Lehmann selbst weiß, jeden Wahn und jede Lüge, und es gibt doch keinen beklagenswertheren Wahn und keine verderblichere Lüge als die Reform. Es würde dann mit dem Verlangen nach gänzlicher Beseitigung der hebräischen Sprache aus Synagoge und Schule nur ein Schritt gethan sein, um das ganze Programm der Reform zu verwirklichen, das ja in der völligen Auflösung eines jeden Religionsbekenntnisses — wie uns Emil Lehmann im Jahre 1887 offenbart hat — sein höchstes Ideal erblickt. Alle diejenigen aber, welche nicht in der Vernichtung des Judenthums das höchste von Juden zu erstrebende Ideal erkennen, sollten sich nicht ferner durch die hohlen Phrasen der Reform in der rechten Würdigung des wahren Wesens derselben und deren wirklicher Ziele bethören lassen. Die Reform ist die Verneinung des Judenthums — nichts anders, ohne jeglichen positiven Inhalt. Klar und bestimmt hat Emil Lehmann dieses in den Grundzügen der deutsch-jüdischen Reformpartei ausgesprochen und begründet. Wie der von ihm als der Eine „der beiden größten Männer" glorificirte Abraham Geiger schon vor 40 Jahren die Emancipation nur für die Reform verlangen, die treugebliebenen Juden aber dem Haß und Vorurtheil des Volkes und der Rechtsverkümmerung seitens des Staats auch fernerhin überantwortet wissen wollte, also tritt auch Emil Lehmann nur für die erleuchteten, edlen Reformer gegen die Judenfeindlichkeit der Gegenwart ein und weiß nur für sie den Weg des Heils und des sozlalen<Friedens zu bezeichnen. Die Reform ist aber so fahl und morsch, daß ihre Stimmführer noch immer die falsche Flagge aufhissen und für Judenthum zu streben vorgeben, trotzdem sie seit fast einem Jahrhundert den Vernichtungskampf gegen es führen, von David Friedländer bis auf Emil Lehmann. Auch wir rufen unseren Zeitgenossen zu: „schafft Wissen, weckt Begeisterung für das Judenthum, das thut uns noth!" damit ihr den Feind erkennt, der in euer Heiligthum einzudringen sucht, es zu schänden und es zu vernichten, damit ihr und eure Kinder muthig ausharrt in dem Kampfe wider die Reform und euch nicht umgarnen lasset von ihren Lockrufen, euch nicht täuschen lasset durch die frommen Phrasen, die zum Ueberdruß immer auf's neue zu Markte getragen werden. Wer sich heute noch von ihnen bethören läßt, der ist wirklich bejammernswerth naiv. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Berlin, 28. October. Gestern fand für den S. und SW. eine Versammlung des „Eentral- Vereins zur Vorbereitung der jüd. Repräsentantenwahlen statt, zu der sich etwa 100 Mitglieder und Gäste, sämmtlich aus den obersten Schichten der Gesellschaft, eingefunden hatten und nicht blos durch ihr Erscheinen, sondern auch durch lebhafte Betheiligung an der auf den Vortrag folgenden Discussion ihr warmes Interesse an den Verhandlungen bekundeten. Auf der Tagesordnung stand zunächst der Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. Heinrich Meyer Cohn über: „Unsere Lage und unsere Aufgabe." Die Lage nach Außen kennzeichnete der Herr Vortragende als eben so kritisch wie vor 15 Jahren, der Antisemitismus steht noch in so voller Blüthe wie damals; wer von einer Abnahme dieser giftigen Schmarotzerpflanze spricht, gebe sich argen Enttäuschunge» hin. Nur eins sei besser geworden; auch hier sei seit dem ereignißreichen Monat März eine Coursänderung zu verspüren, die sich zwar nicht in der Bekämpfung jener Giftblüthe von Oben her, aber in der anzuerkennenden neutralen Haltung der Staatsbehörden äußere, die Bestrebungen der Abwehr unsererseits unparteiisch gegenüberstehen werde. Als Kampfmittel scheine ihm das Hineinzerren höchster Personen gar nicht von Wirksamkeit und er sei sehr skeptisch, ob die wohlgemeinten Auslassungen des Großherzogs von Baden dem Antisemitismus irgend welchen Abbruch thun werden. Nachdem uns die Bahn von oben her nicht mehr verlegt sei, ist es unsere heilige Pflicht, selbst zur Vertheidigung unserer Religion uns aufzuraffen, wenn wir das nicht vermögen, dann seien wir nicht Werth, Juden zu heißen (Lebhafter Beifall). Die Abwehr müsse eine innere und äußere sein. Wir haben nach manchen Seiten uns noch zu vervoll-