Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 84 (27.10.1890)
- Date
- 1890-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1521 keiner von ihnen etwas davon erzähle; man wolle die Sache sich entwickeln lassen. Chajim blieb, wie er es gewöhnlich that, aus dem Bureau; er konnte jedoch nicht arbeiten und freute sich, als es Zeit war, daß er das Bureau verlassen konnte. Er konnte den Tag über nichts essen und nichts trinken und schlief während der Nacht keine Stunde. Müde und übernächtigt kam er am andern Morgen auf dos Bureau. Der Direktor hatte am Sonntag noch den mit ihm befreundeten ersten Staatsanwalt aufgesucht und ihm den Vorfall erzählt. Dieser stimmte mit ihm darin überein, daß mau sich die Sache entwickeln lassen solle, und versprach, Beamte bereit zu halten, wenn man deren bedürfe. Am anderen Morgen erschien Chajim wie gewöhnlich auf feinem Platze im Comptoir. Es lag eine große Correspondenz vor, zu deren Erledigung er mit dem Direktor conferireu mußte. Kein Wort fiel, was nicht zur Erledigung der Correspondenz nothwendig gewesen wäre. Darauf begab sich der Direktor in's Cassenzimmer. Hier saß der Cassirer, ein kleines Männchen im Alter von 30—40 Jahren; er sah kaum auf, als der Direktor eintrat. Der Direktor fragte zuerst nach einigen, heute fälligen Wechseln und sprach dann.- Apropos, Herr Schickler, wir haben heute große Posten baar zu zahlen; ist auch genügend Casse im Hause?" „Ich hoffe, Herr Direktor; ich habe die am Freitag eingegangcnen 45,000 Mark von der deutschen Bank deßhalb in der Casse behalten und nicht zur Reichsbank geschickt." „Gut, machen wir einen Cassensturz." „Sehr gerne, Herr Direktor. Wollen Sie das Cassabuch nehmen, während ich das Geld zähle, oder wollen wir es umgekehrt machen?" „Nein, zählen Sie lieber das Geld." Der Direktor addirte die Posten der Debet-- und Creditseite, zog die Differenz und sprach: „Es müssen 125,348 Mark 47 Pfennige in der Casse sein." . Der Cassirer zählte und summirte, dann fragte er: „Wieviel muß in der Casse sein?" „125,348 Mark und 47 Pfennige." „Haben sich der Herr Direktor auch nicht geirrt? Es sind nur 80,348 Mark und 47 Pfennige da." „Nehmen Sie das Cassabuch, ich will den Bestand zählen." Dicke Schweißtropfen perlten auf der Stirne des Direktors, während er das Geld zählte. Also kam die Sache so, wie er vermuthet hatte. Endlich war er fertig. „80,348.47 Mark sind da," sprach er, „und wie viel sollten cs sein?" „125,348.47 Mark", entgegnete Schickler todtenbleich; „ein Manko von 45,000 Mark, das tch mir nicht erklären kann." „Haben Sie auch nichts vergessen?" „Nein, Herr Direktor." „Wann machten Sie den letzten Abschluß?" „Am Sonnabend, mit Müller." „Und es stimmte alles?" „Bis auf den letzten Pfennig." „Und Sie schloffen den Tresor wieder ab?" „Wie an jedem Abend." „Und öffneten ihn?" „Heute morgen, auch im Beisein Müller's." „Und es fiel Ihnen nichts auf, es war alles in Ordnung." „Ja, nur dieses Stückchen Papier fand ich vor dem Cassenschrank." Und er zeigte einen Fetzen Papier, den der Direktor sorgfältig bei.. Seite legte. „Und Sie wissen keine Erklärung für das Manko?" fragte der Direktor strenge. „Nein, Herr Direktor. Am Samstag Abend stimmte Bestand und Abrechnung, wie Müller mir bezeugen kann, und heute fehlen 45,000 Mark." „So muß ich sofort zur Staatsanwaltschaft schicken", versetzte kalt der Direktor. „Ich bitte darum", entgegnete Schickler. Der Direktor ging hinaus und schickte einen der Commis zur Staatsanwaltschaft. Eine furchtbare Aufregung bemächtigte sich des Personals, da Niemand wußte, was vorgefallen war. Der erste Staatsanwalt erschien selbst, begleitet von einigen Beamten. Der Direktor führte ihn sofort in das Cassenzimmer, und hier begann die Vernehmung. Sie förderte nichts anderes zu Tage, als was wir schon wissen. Darauf wurde Müller gerufen und auch er vermochte nur das, was Schick* lcr ausgesagt hatte, zu bestätigen. „War am gestrigen Tage Niemand im Bureau?" fragte der Staatsanwalt weiter. „Da muß ich den Disponenten fragen", entgegnete der Direktor. „Er hat am Sonnabend frei und ist Sonntags auf dem Bureau." „Lassen Sie ihn vorerst," entgegnete der Beamte. „Waren Sie gestern nicht im Bureau?" wandte er sich an Müller. „Doch," entgegnete dieser. „Ich hatte etwas vergessen und kam her, um es zu holen." „Wen sahen Sie da?" „Niemand als den Disponenten", versetzte er, „dieser hatte jedoch Banknoten auf seinem Pulte liegen." „Aha," entgegnete der Staatsanwalt, „da wäre ja eine Spur. Durchsuchen wir vorerst sämmtliche Räume des Bureaus. Während dieser Zeit," wandte er sich an einen Beamten, „gehen Sie in