Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 84 (27.10.1890)
- Date
- 1890-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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bestimmt ist, vor der Oeffentlichkeit ablegen durfte. Es ist zu hoffen, daß bei gewissenhafter Fortbildung aus dem Knaben dereinst ein tüchtiger Kantor wird, die Bemühungen und Unterweisungen seines Vaters in der religiösen Sangeskunst also vom Erfolge begleitet sein werden. O e st e rr. -u n g a r. Mona Ich i e. Wien, 9. October. Manchem der hungernden Perlmutterdrechsler, welche in Folge der verheerenden Wirkungen der Mac Kinley-Bill brotlos geworden sind, wird vielleicht das Wasser im Munde zusammenlauscn, wenn er das DonnerworL vernimmt, welches Herr Lueger gestern in den Wiener Gemeinderath schleuderte: „man müsse in der Noth das Geld nehmen, wo man es findet"; aber daß auch nur Einer von ihnen davon, sowie von den sämmtlichen Reden der Gesinnungsgenossen Lueger's satt werden wird, ist mit Grund zu bezweifeln. Jni Gegentheil, diese gestrige Debatte mit ihren Kolophoniumblitzen und ihrem Theaterdonner, mit ihrer an den Haaren herbeigezogenen Tendenz, einen Nothstand, der das Mitgefühl herausfordert und nach Abhilfe schreit, für die erbärmlichsten Parteizwecke zu fructtficiren, ist eine muftergiltige Probe von der Art, wie die Volksrettung von der Partei betrieben wird, welche sich des Siege? über die Wiener Wählerschaft rühmt. Nichts ist natürlicher, als daß der Gemeinderath einer Krise gegenüber, welche Tausende von Arbeitern innerhalb des Stadtgebietes brotlos zu machen droht, nicht theilnahmslos bleibt, und es ist nur selbstverständlich, daß an dem Tage, an welchem die Perlmutter-Arbeiter zur Berathung ihrer Lage zusammengetreten waren, auch im Gemeinderathe zwei Anträge gestellt wurden, welche dessen Aufmerksamkeit auf diesen Nothstand lenken. Die Commission, der diese Anträge überwiesen wurden, hat auch mit der gebotenen Beschleunigung ihre Vorschläge erstattet und beantragt, was eben innerhalb des beschränkten Wirkungskreises einer Gemeindevertretung zu thun rnöglich ist: Bottrung eines Barbetrages zur Linderung der dringendsten Noth, Heranziehung der Franz - Josephs - Stiftung, Aufforderung der Vororte-Gemeinden zur Cooperation, Unterstützung der Petition der Perlmutter- Arbeiter bei der Regierung. Gewiß, eine recht schwache und unzulängliche Hilfe, für die es nur die Eine Rechtfertigung giebt, daß die Kraft des Gemeinderathes nicht weiterretcht. Aber hat etwa die antisemitische Opposition bessere, weiterreichende Gegenvoranschläge gemacht? Hat sie sich nur die Mühe genommen, auf das Bedürsniß der Nothlage einzugehen? Man lese die Reden der Herren Gregorig, Lueger und Vetter mit Aufmerksamkeit, man durchforsche sie noch so genau, und man wird in dieser Tiraden-Spreu auch nicht das winzigste Korn finden, aus welchem die Nothleidenden Nutzen ziehen könnten. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Hilfe oder einen Fingerzeig zur Besserung hat von dieser Partei Niemand erwartet und Niemand verlangt. Aber was die gestrige Debatte auszeichnet und sie würdig macht, niedriger gehängt zu werden, das ist die Methode, wie diese Erwählten des „Volkes" die Thränen des Elends zu sammeln versuchten, um sie auf ihre Mühle Zn leiten, und wie sie flugs nach dem Petroleum griffen, um damit den wirthschaftlichen Brand zu löschen. Die tiefen Studien des Herrn Gregorig haben ergeben, daß an der Krise der Perlmutter-Industrie nicht die Mac Kinley-Bill, sondern die jüdischen Fabrikanten schuld sind, welche die österreichische Concurrenz zu Grunde gerichtet haben. Im Gegentheile, Mac Kinley sei ein großer Mann, meinte Herr Lueger, und Oesterreich brauche einen solchen. Nicht die österreichische, sondern die jüdische Maare sei schlecht, fand Herr Vetter zu bemerken, ein amerikanischer Jude habe die Drechsler ausgesogen. Die unsägliche Albernheit dieser Reden wird noch weit übertroffen von der Niedrigkeit der Absicht, die ihnen zu Grunde liegt. So gering wir die wirtschaftliche Einsicht der Herren Gregorig und Vetter taxiren, so viel darf ihnen doch zugetraut werden, daß sie wissen, es handle sich in der Krise der Perlmutter-Industrie nicht um Opfer der Concurrenz, sondern um eine Prohibttiv-Maßregel der amerikanischen Republik, die eben jegliche Concurrenz ausschließt. Die Industrie klagt darüber, daß es keinen Export mehr gibt, und Herr Gregorig sagt ihr. sie sei vom Exporteur ausgesogen worden! Die Absicht ist nur zu klar. Wenn Herr Lueger in einem Augenblicke, wo Tausende von Arbeiter-Familien brotlos sind, das Wort hinwirft, man müsse das Geld nehmen, wo man es finde, und Herr Vetter die Zeit kommen sieht, in welcher die Armeen die reichen Juden vor der Faust des hungernden Volkes werden schützen müssen, so sind das Fingerzeige, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, und wenn diese hinausgeschleuderten Feuerbrände nicht zünden, so kommt es nur daher, daß das Volk tausendmal klüger ist, als diejenigen, die sich seine Vertreter nennen. Die Partei der Anti-Liberalen mag Gott danken, daß ihr armseliges Handwerk, für jedes Unglück die Juden verantwortlich zu machen und jede Leidenschaft, die aus den wirtschaftlichen Gegensätzen entspringt, auf die Juden abzulenken, mit dem Fluch der Unfruchtbarkeit behaftet ist. Denn wenn jemals der Uuglückstag aubrechen sollte, an welchem die Massen sich die Lehre Lueger's aneignen würden, daß man in der Noth das Geld nehmen müsse,