Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 84 (27.10.1890)
- Date
- 1890-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448103--30945-2478721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Es würde zu weit führen und den Raum Ihres geschätzten Blattes zu sehr in Anspruch nehmen, wollten wir die Einzelheiten des Lebensbildes dieses geliebten Dichters, wie es der Vortragende uns in herrlicher Weise vorführte — hier wiedergeben. Herr Rothschild verstand es in meisterhafter Weise, an der Hand von Citaten, (besonders aus dem Briefwechsel des beliebten Volksdichters mit seinem Freunde Jacob Auerbach) sich seiner schönen Aufgabe zu entledigen. Die hies. Blätter sprechen sich sehr günstig über diese vortreffliche Arbeit aus. So sagt unter Anderem das „Wormser Tageblatt": „Es war nicht eine trockene Lebensbeschreibung, durchflochten mit allerlei Reflexionen, sondern man fühlte es wahrhaft dem Redner nach, wie er sich mit Liebe und Sorgfalt in seinen Gegenstand hinein versenkt hatte". — Ganz besonders packend war die Schilderung der Jugend unseres Dichters in seinem Heimatsorte Nordstetten; dann in den Hörsälen der Universität —, wie ihm durch politisch verworrene Verhältnisse der Weg zum erstrebten Rabbinat versperrt wurde und wie er sich erst spät dem ihm angebornen Berufe eines echten deutschenVolksschriftstellers widmete. Ja, einen in der That wohlthuenden Eindruck machte es auf die zahlreichen Zuhörer, den beliebten Volksdichter — obwohl Jude — als, echten, ganzen und braven Deutschen kennen zu lernen. Um so ergreifender war es zu hören, wie auch ihn — den guten Deutschen — die traurige Bewegung — die schon unser sel. Kaiser eine Schmach Deutschlands nannte — welche die bekannte antisemitische Partei hervorgerufen — tief und schmerzlich bewegte und seinen Lebensabend verdunkelte. In Worms hat G. s. D.! der Antisemitismus wenig oder gar keine Wurzel gefaßt! Wären aber Anhänger dieser Partei unter den Zuhörern gewesen, wahrlich, sie hätten es beschämend empfinden müssen, wie ungerecht und erniedrigend diese Gesinnung ist! Gerade dieser Theil des vortrefflichen Vortrages machte einen wohlthätigen Eindruck, war ein «mp Gt£H im wahren Sinne des Wortes! Stürmischer Beifall lohnte den Redner, und die Achtung und Liebe aller Anwesenden wurde ihm in herzlicher Weise bewiesen. Möge es ihm noch oft und lange vergönnt sein, in solch segensreicher Weise zu wirken. Berlin, 9. October. Wie der Kaiser selbst inmitten seiner Reisen auch die unbedeutendsten Dinge mit bewundernswerther Schnelligkeit zu erledigen sich bemüht, davon mag ein Zeugniß das folgende Erlebniß einer hiesigen armen Wittwe ablegen. Deren Sohn hatte sich vergeblich bemüht, als Hautboist bei der Garde eintreten zu können. Trotz der besten Empfehlungen seitens des Dirigenten wollte ihn doch kein Commandeur im Corps haben, weil er Jude ist. So war der junge Mann schließlich froh, bei einem in Gl atz garnisonirenden Regiment Aufnahme zu finden, mit welchem er später nach Metz gehen mußte. Da kam die arme Mutter des Soldaten, der bereits sechs Jahre dient, auf die Idee, den Kaiser zu bitten, den Sohn nach Berlin zu entlassen. Weshalb derselbe hier nicht diene, verschwieg sie in ihrem recht und schlicht selbst verfaßten Gesuch keineswegs, gleichzeitig aber machte sie den „gnädigsten Herrn Kaiser" darauf aufmerksam, was es für sie zu bedeuten habe, wenn der Sohn hier am Orte mit der Mutter leben und mit ihr seinen Verdienst theilen könnte. So gut wie der Kaiser die Mutter verstand, ein so geringes Verständniß zeigte er für diejenigen Skrupel, welche für die Zurückweisung des Soldaten von der Berliner Garnison vorhanden gewesen. Der Brief war in das Manöverterrain nach Schleswig-Holstein gesandt worden und dennoch waren erst acht Tage seit dem Abschicken des Bittgesuchs vergangen, als der Oberst in Metz den Hautboisten S. zu sich bescheiden ließ, um ihm zu eröffnen, daß er zur Garde übergehen könne, da Se. Majestät das Nöthige veranlassen werde. S. kann zwar erst später von der Gnade des Kaisers Gebrauch machen, da er verschiedene contractliche Verpflichtungen nicht sofort brechen wollte, aber der oberste Kriegsherr hat jedenfalls unverzüglich seine Verfügungen getroffen. (Jsr. Wchschr.) Berlin. Der Direktor der Deutschostafrikanischen Gesellschaft, Konsul Vohsen dahier, hat den Kronenorden 4. Klaffe erhalten. Briese«, 20. Oktober. Das hiesige Kreisblatt schreibt: Aus den Kreisen der hiesigen jüdischen Gemeinde wird uns der nachstehende Bericht überbracht: Einen besonders erhebenden Gottesdienst hatten wir am verflossenen Montag Abend. Eine dichtgedrängte Menge von Andächtigen beiderlei Geschlechts füllte die Räume des Gotteshauses. Es hieß, daß ein Knabe mit Erlaubniß des Rabbinats und des Synagogen-Vorstandes das Abendgebet vortragen würde. Der kleine Künstler, der zwölf*) Jahre alte Sohn unseres Kantors Blaustein, verstand es, mit seiner klangvollen Knabenstimme alle Zuhörer zu fesseln und mit Bewunderung über seine wirklich guten Leistungen zu erfüllen. Besonderen Beifall erntete eine gegen Ende des Gebets von dem Knaben in Begleitung seines Vaters vorgetragene Gesangspiece. Rührend war auch die Sicherheit, mit der der Knabe vorbetete. Es sollte dies die erste Probe sein, welche der Kleine, der, wie verlautet, zum Kontorat *) Wie? ein zwölf Jahre alter Knabe, der also noch nicht niyo "O ist, hat den öffentlichen Gottesdienst geleitet, resp. in demselben als Vorbeter fungirt? Wir bitten um Aufklärung. Red.