Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 84 (27.10.1890)
- Date
- 1890-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1516 vinistische (!!) Betonung der Erwählung Jsraels", abrogiren „dieZeitrechnung nach dem Mondjahre", heben alle Sabbate und Feste aus und betrachten fortan die christlichen Sonn- und Festtage als ihre Festeszeiten und lassen fortan an ihren Kindern nicht mehr die Beschneidung vollziehen. Er bekennt für sich und die Reformer, daß der Inhalt ihres Judenthums ein ganz anderer ist, als des altechten und sie nur den Namen noch davon haben, „daß Judenthum, ebenso wie Christenthum, wie die ganze Geschichte, wohl Gottes Werk und Fügung ist, daß aber ihnen weder eine göttliche Offenbarung am Sinai, noch eine göttliches Menschwerdung und Auferstehung auf Golgatha zu Grunde liegt. Er spottet des „göttlichen Gerichtstags zu Neujahr" und sehnt die Zeit herbei, „da der Jude sein Passahfest — wenn auch ohne ungesäuerte Brote — Ostern feiern wird, sein Wo chenfest am Pfingsten, sein Neujahr am 1. Januar, sein Bersöhnungssest am Bußtag, sein Erntefest am entsprechenden Sonnjtag, seinWeihefest an Weihnachten. Er verlangt für sich und die Reformer, „daß man endlich aufhöre, das Judenthum imSchächtmesser und im koscheren Kochtopf zu suchen"*) und zwar sei dieses „ebenso volkswirthschaftlich, als gesundheits- und armenpolizeilich geboten (!!)". * „Auch andere Bräuche des jüdischen Rituals, die im Laufe der Zeit weihevolle Beachtung gefunden", offenbart Lehmann Namens der Reform, „erweisen sich dem kritischen Blicke als Reliquien aus den Uranfängen der Cultur. So dasWidderhorn, dieser Urtypus des einfachsten musikalischen Instrumentes, dessen M i ß t ö n e die Romantik geschickt symbolisirt hat. Das ungesäuerte Brod ist ein Ueberbleibsel aus den uralten Zeiten der häuslichen Brotzubereitung: die Bibel erzählt, daß schon Lot in Sodom den Engeln ungesäuertes Brod vorsetzte, im Gegensatz zu Abraham, der ihnen Kuchen bot. Die Laubhütte ist ein Wahrzeichen des alten Nomadenlebens. Palme und Paradiesapfel — zu so sinnigen Symbolifirungen sie Anlaß boten — können als exotische Pflanzen unmöglich den bezeichnenden Ausdruck des Dankes für den Erntesegcn geben; das würde beim Erntefest unser Erntekranz, unser Getreide, unsre Traube richtiger thun. Die pergamentene, kunstvoll geschriebene Thora rolle mit ihren, an katholischen Kirchenbrauch erinnernden *) Der ärgste Judenfeind könnte sich nicht hohnvoller aurdrücken. Umhüllungen: dem Mäntelchen, den Glöckchen, der „Stola und dem Cingullum", ist sie heiliger, stimmt sie ernstlich weihevoller als das gedruckte Buch? Ist die Erfindung der Buchdruckerkunst nicht auch ein göttlicher Segen? „Sieh' nicht auf die Hülle, sondern auf das, was darin steht." Das ist das Judenthum des Herrn Emil Lehmann und der deutsch-jüdischen Reformpartei, das nichts gemein hat mit dem wirklichen und wahrhaftigen Judenthum. Es liegt heute nicht in unserer Absicht, das also formulirte Bekenntniß der Reform zu beleuchten, wir haben es hier nur autentisch zu constatiren und wollen auch nicht mit dem ob dieser herzerquickenden Offenheit verdienstvollen Wortführer darüber rechten, daß er in eigentümlicher Geistesverwirrung in dieser Religion der freisinnigen Juden „die Betonung und Hervorhebung des inneren, sittlichen Gehalts der Religion^, die Erstrebung des Zieles „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" erblickt, eine Verfeinerung und Läuterung, eine Ueberwiudung der Ueberreste aus altheidnischer Zeit, das Uebergewicht „der inneren seelischen Richtungen" über „die äußerlichen Anschauungen und Uebungen körperlicher Art." (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Worms, im October. Ihr geschätztes Blatt, welches sich ja zur Aufgabe macht, alle das Judenthum betreffende, besonders diejenigen Thatsachen, die demselben zur Ehre gereichen, zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, wird hoffentlich auch der folgenden Mittheilung gerne seine Spalten öffnen. Am Donnerstag, den 16. d. M. hielt Herr Lehrer Rothschild hier im Aufträge des Vorstandes des Arbeiterbildungs-Vereins (welchem selbst Glieder der gebildetsten Stände angehören), im großen Casino-Saale einen Vortrag über „Berthold Auerbach". Da Herr Rothschild noch für seinen sehr gediegenen Vortrag von vorigem Jahre über Dichter Hebel in sehr gutem Andenken steht, war es nicht zu wundern, daß der große Saal, selbst die Gallerien und der Vorplatz gedrängt voll waren. Wenn auch ein wesentlicher Theil der Zuhörer unseren Glaubensgenoffen angehörte, denen es zur besonderen Freude gereichte, ihren allgemein geachteten und geliebten Lehrer sprechen zu hören — so muß man doch annehmen, daß nahezu T/s der Zuhörer aus Nichtjuden bestand.