Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 83 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448102--30932-2478707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1505 glieder gebildeten jüdischen Gemeinden würden in dem Maße rettungslos zu Grunde gehen, wie bei diesen Mitgliedern das religiöse Bedürfniß schwindet; und mit ihnen untergehen müßten all' die heilbringenden Werke, deren Pflege dieser Gemeinden Stolz seit Jahrhunderten war. Schauet euch doch um! Kennet ihr eine Gemeinde, und sei sie noch so klein, und seien ihre Angehörigen noch so bedürftig, die nicht in sich die Pflicht fühlte, dem Armen, dem Kranken zu helfen? Jene Aufgaben der werkthätigen Liebe, welche ihre Dienste noch bis über das Grab hinaus dem Nächsten weiht, wo sehet ihr sie in ausgedehnterem Maße und in vollkommenerer Weise erfüllt als hier? Der jüdische Wohlthätigkeitssinn, der so oft mit Recht gerühmte, wo anders ist er durch tägliche Hebung großgezogen worden, als in der Gemeinde? All' dieses würdet ihr der Vernichtung anheimfallen lassen, wenn ihr die kommende Generation ohne das Verständnis für den Adel dieser Aufgaben und den heiligen Boden, auf welchem sie gedeihen, aufwachsen lasset. Was von der einzelnen Gemeinde gilt, trifft in noch erhöhtem Maße auf die Gefammtheit der Gemeinden, auf die ganze Judenheit zu. Das, was uns alle zusammenhält, ist nicht das Staatsgesetz, nicht die Aussicht auf Glanz und Macht, auf Ehren und Titel, es ist allein das Bewußtsein gemeinsamer Abstammung und das kraftvolle Ueberzeugtsein von der Erhabenheit unserer Religion. Schwindet die Kenntniß der Stammesgefchichte, schwindet das religiöse Wissen aus unserer Mitte, so muß ein Zweig nach dem andern von dem einst blühenden Baume abfallen. Doch sei es drum! Mögen Jene, die das Judenthum nicht kennen, und denen ihre Zugehörigkeit zu uns als eine Fessel erscheint, diese abstreifen und anderswo ihre Befriedigung finden! Der Verlust wird schnell verschmerzt sein. Schlimmeren Schaden aber fügt ihr uns zu, die ihr ebenfalls das Judenthum nicht kennet und doch bei uns bleibt, die ihr meint, es genüge nachzuäffen, was ihr euern Vätern abgeguckt, uni ein Jude heißen zu dürfen, die ihr glaubet, man könne Gebote erfüllen, ohne sie zu kennen. Was ihr aus Mangel religiösen Wissens, aus Mangel religiöser Erziehung fehlt, damit versündigt ihr euch nicht nur an euch, sondern an der Judenheit. Denn auf euer Treiben wird hingewiesen, als sei es unser Aller Thun. Mit jedem Einzelfalle, wo ihr ein Kind ohne wahre und tiefe Kenntniß der Religion aufwachsen lasset, erhalten die Angriffe neue Nahrung, tragt ihr dazu bei, daß dem Judenthum schwere Schuld aufgebürdet und es verantwortlich gemacht werde für die. Sünden Jener, die nie seine wahren Kinder gewesen sind. Leidet das Judenthum, so bleibt auch die menschliche Gefammtheit von seinem Leiden nicht verschont. Denn in der Culturgeschichte der Welt hat das Judenthum eine heilige Mission, wie seit Jahrtausenden, so bis in die fernste Zukunft treu zu üben. Seit Anbeginn der Träger des Glaubens an einen Gott, des Idealismus und der Sittenreinheit, hat der jüdische Stamm bewußt oder unbewußt diese seine Grundanschauungen in immer umfassendere Kreise getragen. Helfer aus der Reihe anderer Stämme sind ihm in Menge erstanden, und heute huldigt die ganze Culturwelt den von ihm verkündeten Lehren. Aber die Quelle darf nicht versiegen, damit sie gegenüber der reißenden Strömung des Unglaubens, des Materialismus und der Verrohung stets auf's Neue ihre reinen und erquickenden Wasser sprudelt. Ihr wisset es ja, daß böses Beispiel schneller als gutes Nachahmung findet, und saget ihr selbst euch erst los von den Lehren, als deren Verkünder die Welt euren Stamm ehrt, wie dürftet ihr glauben, daß Andere sie befolgen werden. Nein! Der hohen Aufgabe, die eurer Glaubensgenossenschaft von der Geschichte zuertheilt worden ist, müsset ihr euch bewußt werden, müsset durch Eindringen in die Tiefen der Religionslehre Wissen und Willen stählen, damit jeder Einzelne für sein bescheidenes Theil an dem Ausbau der sittlichen Weltordnung mitzuarbeiten vermag. Zeiturrgsuachrichteu und Korrespondenzen. Deutschland. Wiesbaden, 14. Oktober. Bekanntlich hat die Kgl. Regierung für den Umfang des Reg.-Bez. Wiesbaden — „Zwecks Vermeidung ungebührlicher Thierquälereien beim Schächten" — unter d. 30. Oktober v. I. die Polizei-Verordnung erlassen, wonach „nur denjenigen Personen, welche das Schächtereigewerbe betreiben, sowie Denjenigen, welche die Approbation eines Rabbiners zum Schächten glaubhaft Nachweisen," das Schächten gestattet ist. Gestützt auf diese Verordnung, hatte der Rabbiner der Reformgemeinde dahier, Herr Dr. Silberstein, der zugleich Bezirks-Rabbiner ist, Herrn Jaffa, 2">l^ der orth. Gemeinde, denuncirt, als derselbe in der Gemeinde Biebrich schächtete, ohne von Ersterem dazu autorisirt zu sein. Unstreitbar war dabei Herr Dr. S. von der seltsamen Ansicht ausgegangen, daß der Ausdruck „ein Rabbiner" in genannter Verordnung nur auf ihn selbst sich beziehen könne, als ob außer ihm kein Rabbiner weiter exiftire; denn daß Herr I. von mehreren Rabbinern, — mindestens jedoch von einem — besitze, mußte dem Hrn. B.-Rabb. bekannt sein. Heute hatte nun das Schöffengericht Urtheil zu sprechen. Nachdem der als Zeuge geladene Rabbiner der altisr. Kultus gemeinde, Herr Dr. Kahn, die Er-