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Der Israelit · 1890-10-23 · Heft 83 (23.10.1890) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 83 (23.10.1890)
Date
1890-10-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1504 den unheilvollen Folgen der Vernachlässigung dieses Unterrichts mit um so beredterer Sprache thun. Denn nicht nur eure eigene Person, auch eure Familie, auch die engeren und weiteren Gemeinschaften bürgerlicher und kirchlicher Gestalt, denen ihr angehöret, das Judenthnm, ja selbst die Gesammtheit der Culturwelt wird mitleidend von dem Schaden betroffen, der aus eurem Verhalten emporwuchert. Zunächst allerdings ihr selbst. Ihr lebet inmitten eines Volkes, dessen umfassende Mehrheit einem anderen Glauben als ihr huldigt. Indem der Staat mit seiner Macht für diesen Glauben eintritt, hat er den Unterricht in der Religionslehre zu einem Lehrgegenftande der Schule gemacht und sorgt mit aller Strenge dafür, daß jeder Bekenner der christlichen Lehre frühzeitig in ein Wissen eingeweiht werde, welches ihm als Grundlage zur Sittlichkeit dienen soll. Ihr aber, die ihr sonst so eifrig seid, es euren Mitbürgern in jeglicher Wissenschaft gleich zu thun, wolltet ihr hier, wo es eine Bildung gilt, die die eure ist, die ihr selbst einst den Völkern gebracht habet, als die einzig Unwissenden unter Wissenden wandeln? Sollen alle von eurem Erbtheile genießen, und nur ihr selbst nicht? Wie eifrig bemüht ihr euch doch sonst, nichts von dem, was zur Erziehung gehört, zu vernachlässigen; und sehet nicht die Gefahr, die euch droht, während ihr Kopf und Hand bildet, Herz und Gemüth ohne Ausbau zu lassen? Die Ideale, von welchen Dichter und Denker erzählen, nimmer wird euer Sinn sie fassen können, wenn euch nicht in der Jugend der Blick hierfür durch Erhebung über das Irdische und Sinnliche hinaus geschärft worden ist. Die reinste und hehrste Freude des Herzens, die aus dem Bewußtsein treuer Pflichtübung entspringt, sie muß euch fremd bleiben, denn fremd bleibt euch ohne Religion der Begriff der Pflicht überhaupt. Unfähig zu erfassen, welche Eigenschaften euer Nebenmensch für tugendhafte hält, werdet ihr niemals die Liebe und Achtung zu erringen vermögen, welche allein euch den Verkehr mit Anderen begehrenswerth erscheinen lassen kann. Unzufrieden mit euch selbst, mit der ganzen Welt, müsset ihr ein trostloses und einsames Leben führen; denn nur auf der Gleichheit der Sitten baut sich der Verkehr auf. Die erste und engste Gemeinschaft, welcher ihr angehöret, ist die Familie. Erstanden durch die Grundsätze der Liebe und der Sittlichkeit hat das Familienleben durch die jüdische Religionslehre Weihe und Heiligung erhalten. Von den zehn Grundgeboten, welche den Ausgangspunkt dieser Lehre bilden, predigen nicht weniger als drei diejenigen Tugenden, aus deren Uebung das Familienglück erblüht. Ja noch mehr! Während die anderen Gebote in kategorischer Form nur Pflicht oder Verbot verkünden, knüpft sich allein an den Spruch, der Elternliebe lehrt, die Verheißung, daß mit dieser Pflichterfüllung Dauer und Glück des Daseins verbunden sei. In der That, wie hätte das jüdische Volk die Jahrhunderte schwersten Druckes und rastloser Verfolgung überdauern können, wenn es nicht im Innern der Häuser, im Schooße der Familie den unerschöpflichen Quell von Lebenskraft und Lebensglück bewahrt hätte! Selbst unsere Widersacher haben rückhaltlos dies anerkannt, und an die Reinheit und Innigkeit des jüdischen Familienlebens hat sich noch nie der giftige Hauch der Verleumdung gewagt. Wolltet ihr diesen Hort preisgeben? Das, was euch vor Millionen anderer Erdenbürger auszeichnet, soll es euch verloren gehen? Unwiederbringlich hin wird es sein, sobald der Jugend nicht die Lehren der Kindesliebe und der Sittenreinheit mit dem heiligen Ernste religiöser Unterweisung eingeflößt werden. Weiter und weiter dehnen sich die Kreise aus, in denen euer Wirken zu Tage treten soll. Von den kleinen Verbänden an, denen ihr euch freiwillig zugesellet, damit sie durch vereinte Kraft höhere Ziele erreichen, bis hinauf zu der erhabenen Gemeinschaft des Vaterlandes sind sie alle auf dem Boden der Sitte erwachsen, und nur Menschen, die vom Bewußtsein der Tugend und der Pflicht durchdrungen sind, können ihnen in Wahrheit und mit Erfolg dienen. Schon von den einfachsten socialen Pflichten gilt dies. Nicht das Gesetz allein darf eures Handelns Beweggrund sein; sondern solche Schulung muß euer Geist und Sinn erfahren haben, daß seine Wünsche mit den Geboten, seine Abneigungen mit den Verboten der Rechtsordnung in Einklang stehen. Daß Tugend Recht und Recht Tugend sei, das mag ja bei eingehendem Denken die Vernunft philosophisch entwickeln können; dem Kinde aber, das dieser Lehren gleichfalls früh benöthigt ist, werdet ihr es nimmer anders, als durch die Autorität der Religion einprägen können. — Und nun gar erst, wenn es euer Streben ist, in diesen Verbänden einen Platz zu erwerben, an welchem euch Ehre und Anerkennung zu Theil werden soll! Nur solchen Menschen, deren Blick über die selbstischen Wünsche hinaus zu dem Idealen sich zu heben vermag, kann es gelingen, zu dem Aufbau dieser sittlichen Gesammtheiten beizutragen; wem von Jugend auf die geistigen Sphären, welche die religiöse Unterweisung erschließt, in Nebel gehüllt blieben, der wird nach diesen Zielen vergeblich streben. Der Mangel des Religionsunterrichtes entzieht dem öffentlichen Wähle eure Kraft und euch die Freude, an dem öffentlichen Wohle Mitarbeiten zu können. Eine Art der Gemeinschaft ist es vor Allem, welcher anzugehören die Vernachlässigung des Religionsunterrichts euch unfähig macken würde. Die von staatlichem Zwange freien, meist nur durch die Opferwilligkeit und das religiöse Bedürfniß der Mit-

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