Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 83 (23.10.1890)
- Date
- 1890-10-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. (Stfte Krllllgr ju M 83 des „Israelit 8- Ieschunm" Leitender Artikel. Die WilytigKeit des jSd. Religisns-Wterriihts und der Schaden, welcher aus der Vernachlässigung desselben erwächst. Von Arnold Budwig. (Schluß statt Fortsetzung.) Wenden wir uns zu jenem Theile des Religionsunterrichtes, welcher als der zeitlich erste an den Sinn des Kindes herantritt, zur biblischen Geschichte. Unser Zeitalter der Bildung weiß den Werth eines jeden Geschichtsunterrichts gebührend zu schätzen, und was von der Geschichte im Allgemeinen gilt, das läßt sich in erhöhtem Maße von der biblischen und der auf sie folgenden jüdischen Geschichte darthun. Ist es doch das Schicksal der eigenen Vorfahren, das uns hier erzählt wird, empfinden wir doch jedes Leid, jede glückliche Fügung um so inniger. Mit eindringlicherer Sprache reden diese Erzählungen zu unserem Herzen, weil es unser eigenes Geschlecht ist, von dem sie erzählen. Selbst in den Jahrhunderten tiefster Bedrückung ist die Geschichte der Vorfahren der feste Stützpunkt gewesen, an welchem sich das Selbstvertrauen der jüdischen Glaubensgenossenschaft emporrichten durfte. Leuchtenden Auges vernahm der Knabe, daß auch seine Väter den Pflug geführt haben, daß auch seine Ahnen in den Makkabäertagen Wunder der Tapferkeit gethan, daß auch seinem Volke Könige und Sänger entsprossen sind. Auch jetzt noch, wenn die Widersacher sich erheben, um mit leeren Beschuldigungen euer ganzes Geschlecht anzugreifen, wenn sie alle Gründe der Vernunft zurückweisen, wo anders findet ihr die Rüstkammer für die Bekämpfung jenes Wahnes, als in eurer Geschichte? Gegenüber der Wucht der Thatsachen werden die Lügengespinste nicht bestehen können. — Und wie leicht wird die Erlernung gerade dieser Geschichte dem Kinde! Wie wohlthuend berührt der einfach fromme Erzählerton der Bibel das jugendliche Herz! Wahrhaftigkeit und Anmuth des Inhalts wetteifern da mit Schönheit und Natürlichkeit der Form, und nicht nur belehrend und erhebend für Sinn und Gemüth, auch veredelnd für Anschauung und Ausdruck soll dieser Unterricht wirken. Im Keime schon ersticken soll er jene Lust zum Uebermaß in Empfindungen, wie in Worten, welche uns so vielfach noch anhaftet. Das Aschenbrödel unter den Lehrgegenständen des jüdischen Religionsunterrichts ist heutigen Tages die hebräische Sprache. Viele selbst von denen, welche die Bedeutung des Relionsunterrichts im Allgemeinen anerkennen, wollen sie aus diesem Unterricht entfernt und auf das Gymnasium, als die Lehrstätte altsprachlicher Wissenschaft verwiesen sehen. Es sind das dieselben Männer, welche in Verfolgung der gleichen Anschauung die hebräische Sprache auch aus dem Cultus entfernen und die Laute der Muttersprache für sie einführen zu müssen glauben. Dennoch sollen, dennoch dürfen wir diese ureigenste Sprache unserer Gebete nicht preisgeben. Denn wenn wir, sobald wir zur religiösen Andacht uns anschicken, dem Staube und Wüste des Alltagslebens uns zu entringen streben, wenn wir reinere Gedanken in uns emporsteigen lassen, wenn wir uns sogar in eigene, dem Gebete geweihte Gewänder hüllen sollen, müssen wir dann nicht auch einer eigenen, durch ihre Bestimmung heilig werdenden Sprache pflegen, sobald wir zu Gott unsere Stimme erheben wollen? Gerade weil das Hebräische nicht mehr unsere Verkehrssprache ist, wird es für den Ausdruck der reineren Empfindungen, wie das Gebet sie verlangt, geeignet. Doch um so wichtiger und bedeutungsvoller ist es, daß das Kind frühzeitig die Sprache, welche ihm so weihevollen Inhalt vermittelt, kennen lernt. Dann wird schon der Klang der eigenartigen Laute ihm die Erinnerung an die Heiligkeit dessen, was in diesen Lauten geschrieben und geboten ist, wachrufen. — Und gar die tiefere Kenntniß der Sprache, welch' herrliche Schätze für Geist und Herz erschließt sie euch! Von den wunderbaren Wahrheiten und Dichtungen der biblischen Bücher bis hin zu den kostbaren Schöpfungen der mittelalterlichen Sänger, welche die „heilige Sprache" zur Verkünderin ihrer Poesien erwählten, wie unvergleichlich lieblicher klingt all' das in den Urlauten, als selbst in der trefflichsten Uebertragung! Es liegt ein geheimnißvoller Zauber in jenen Worten, gleich dem Klang einer anmuthenden Stimme. Entfernt ihr euch, so werdet ihr den Sinn der Rede wohl verstehen, aber der Schmelz, der so eigenartigen Reiz auf euch übte, ist verflogen. Dekaden von Geschlechtern hindurch haben die Lehren der jüdischen Religion innerhalb der israelitischen Glaubensgenossenschaft, und selbst weit über die Grenze derselben hinaus Segen gestiftet, und nun wolltet ihr sie achtlos preisgeben? Bedenket es wohl, und wenn die erhabene Bedeutung des Religionsunterrichtes nicht eindringlich genug zu euren Herzen sprechen sollte, vielleicht wird es die Scheu vor