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Der Israelit · 1890-10-23 · Heft 83 (23.10.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 83 (23.10.1890)
Date
1890-10-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1501 als der Herbst kam und die Menschen den Ertrag ihrer Felder, die Früchte ihres Fleißes einernten wollten, da zeigte es sich, daß man sich in seinen Hoffnungen und Erwartungen getäuscht hatte. Ein schwerer Winter stand vor der Thür, Kriegsgerüchte durchschwirrten die Luft und wirkten erlahmend auf alle Unternehmungen, denn nur im Frieden können Handel und Industrie sich segensreich entwickeln. Den Frieden, den wahren Frieden suchte man vergebens. Ueberall gährte es. Unter den Arbeitern, unter den Landleuten, überall herrschte Unzufriedenheit, ein günstiger Boden für solche Menschen, die Haß und Zwietracht säen wollen, um im Sturme der entfesselnden Leidenschaften egoistische Zwecke zu verfolgen. Der Antisemitismus erhob sein grinsend Haupt und warf die Saal seiner Drachenzähne zwischen friedlich neben- und miteinander lebende Menschen. Der einzig in der Geschichte dastehende Prozeß von Tisza-Eslar bildet die Einleitung zu einer Bewegung, welche ein edler Fürst „die Schmach unseres Jahrhunderts" nennt. Diese Bewegung, so schmachvoll sie ist, dringt in die höchsten Kreise und lockert den bürgerlichen Frieden des Landes. Unter dem Deckmantel einer glühenden Vaterlandsliebe wird Racen- und Religionshaß von denen gesäet, die sich Priester der Liebe nennen. Tausende und Abertausende werden durch einen Federstrich ihrer Heimath beraubt und suchen und finden eine neue Heimath in der neuen Welt, im Lande der Freiheit. Sie lernen erst dort ein menschenwürdiges Dasein kennen und erfreuen sich an den Segnungen eines für alle Unterthanen gleiches Recht enthaltenden Gesetzes. Sie trägen Handel und Gewerbe in die neue Welt, woselbst jene einen ungeahnten Aufschwung nehmen, während im alten Vaterlande beide schwer geschädigt daniederliegen und durch keine noch so hohen Schutzzölle und Zollmaßregeln belebt werden können. Das sind die Folgen jener unsinnigen, unmenschlichen Bewegung. Der Antisemitismus schadet nur den Antisemiten und denen, die den Antisemiten Heeresfolge leisten. Das zeigt die Entwickelung des Handels in den letzten Jahren. Man sucht vergeblich die Ursachen des Niederganges des Handels in der Ueberproduktion und wie all' die Ursachen heißen sollen. Die wahre Ursache liegt anderswo, liegt in dem trotz aller Gegenversicherungen fortwährend gefährdeten Frieden. Um den Frieden zu schützen, starrt Europa vor Waffen, werden Bündnisse geschlossen, und doch wagt man nicht, den Unfrieden im eigenen Lande auszurotten. Nun, gui vivra verra! Die antisemitischen Lehren hatten auch Eingang bei den Arbeitern der Union in Lübeck gesunden, und man sah mit scheelen Augen, wie sich ein 3ube non Stufe zu Stufe emporarbektete. Chajim war seit vierzehn Tagen Disponent der Fabrik und obwohl er von jeher die Arbeiter mit Güte überschüttet hatte, neideten sie, von Antisemiten verhetzt, ihm seine Stellung und versuchten alles, ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten. Selbst unter dem Comptoirpersonal saßen einige von diesen verleiteten Helden, die fortwährend am Sturze des Juden arbeiteten. Daß er am Samstag nicht auf das Bürcau kam, gab ihnen Gelegenheit, ungestört in ihrem edlen Werke thätig zu sein, und nie hatte Chajim so viel Unangenehmes, als gerade jetzt. Seine Erholung bildeten die Stunden, die er im Hause Sternfels verbrachte. Hier ruhte er von der Sorge des Tages aus, hier fand er Rath und Verständnis? für seine Bestrebungen. Ein eigenthümlichcs Verhältniß hatte sich zwischen Chajim und Elfe Sternfels, der Tochter des Hauses, entspannen. Beide liebten sich und doch hatte das entscheidende Wort sich noch nicht über die Lippen gewagt. Sie verkehrten miteinander wie Bruder und Schwester, und gerade dieser Verkehr war es, der das Gestäudniß ihrer gegenseitigen Liebe immer wieder zurückdrängte. Chajim hielt es für ehrlos, die Gastfreundschaft des Hauses mißbrauchend, wenn er, der selbst arm und ohne gesicherte Existenz war, Else seine Liebe gestehen würde, und so begnügte er sich mit einem Blick, der ihm von Zeit zu Zeit sein Glück bestätigte und störte nicht die Ruhe der Geliebten. Wohl hatten die Eltern die Entstehung der Liebe zwischen Else und Chajim gemerkt, und sie tbaten nichts, was dem Gedeihen derselben hinderlich sein konnte. Sie kannten ihr Kind und den ehrenhaften Character des jungen Mannes und wußten, daß sie beiden vertrauen durften. Es war an einem Sonntage. Chajim befand sich allein auf dem Büreau; er hatte, da er gestern ja nicht im Geschäfte war, noch einige Dinge zu erledigen, die man für ihn zurückgelegt hatte. Er arbeitete steinig und wollte, da er bald fertig war, noch einen Brief an seinen Freund, jenen Gastwirth in Wien, schreiben. Da er zu seiner Privatcorrespondenz nie Papier verwandte, welches dem Geschäfte gehörte und dessen Namen trug, öffnete er sein Privatpult, um einen Briefbogen zu nehmen. Es war keiner da. Er durchsuchte deßhalb sein ganzes Pult und fand keinen. Schon wollte er, ärgerlich darüber, das Pult wieder verschließen, als er aus einer kleinen Schieblade, die er nie gebrauchte, ein Stückchen Papier herausragen sah. Gedankenlos zog er die Schieblade auf. In derselben lag das Couvert eines in letzter Woche an ihn gelangten Briefes, das er, nachdem er den Brief gelesen, achtlos bei Seite geworfen hatte. Chajim wollte das Couvert in den Papierkorb werfen, da fühlte er, daß etwas darinnen war. Er

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