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Der Israelit · 1890-10-20 · Heft 82 (20.10.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 82 (20.10.1890)
Date
1890-10-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Berlage ju M 82 -es »Israelit & Irschurim" Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 4. October. Die „Tägliche Rundschau" brachte vorgestern die Nachricht von dem Rücktritt des Ministers des königlichen Hauses von Wedell-Piesdorf. Hierzu bemerkt die „Post": Soweit unsere Informationen reichen, steht in dieser Beziehung noch nichts fest. Wenn indeß die Nachricht sich bestätigen sollte, so könnte man die Ursache nur in prinzipiellen Fragen über die Verwaltung des Ministeriums des königlichen Hauses suchen, keineswegs etwa in persönlichen Differenzen". Es verdient hierbei bemerkt zu werden, daß Herr v. Wedell- Piesdorf einer der entschiedensten Anhänger des bekannten Hofprcdigers mid der antisemitischen Strömung in der konservativen Partei gewesen ist. Karlsruhe, 13. Oct. Die konservative Landesversammlung, welche heute in der Festhalle tagte, war von ca. 2000 Personen, darunter von vielen Neugierigen, besucht. Es sprachen v. Stockhorner, Douglas, Freiherr v. Manteuffel, der Präsident der Reichstagsfraktion, Dr. Oertel-Leipzig, Stöcker, Dr. Medikus-Landau, Landrath Karl-Dresden und Dr. Stohn-Königsberg. — Gleichzeitig tagte die Versammlung des freisinnigen Wahlvereins im Eintrachtssaale, wo weit über 1000 Personen anwesend waren. Reichstagsabgeordneter Dillinger eröffnete die Versammlung und bedauerte, daß Stöcker der an ihn ergangenen Einladung nicht gefolgt sei. Hier hätte er in öffentlicher Versammlung seine Ideen Vorbringen und den Gegnern Rede und Antwort stehen können. Landtagsabgeordneter Muser charakterisirte in einsiündiger Rede die konservative Bewegung in Baden als eine antisemitische, die zu bekämpfen alle Parteien — nationalliberale wie demokratische — eine Pflicht hätten. Redner erinnerte an die Verurtheiluug des Antisemitismus durch Kaiser Friedrich und, erst im Laufe dieses Sommers, durch den Großherzog von Baden; er gedachte ferner gegenüber der verhetzenden Thätigkeit Stöcker's des bekannten jüngsten Rundschreibens des hessischen evangelischen Konsistoriums. Rechtsanwalt Frühauf gab eine vernichtende Kritik der Thätigkeit Stöckers, der es jetzt für gut finde, auf „sozialmonarchischem" Wege besser vorwärts zu kommen. Aus Ostpreußen. Zum Kapitel der Ausweisungen wird der „Kön. Hart. Ztg." Folgendes berichtet: Der seit neun Jahren hier wohnhafte jüdische Stäbefabrikant Laser Meyerowitz, welcher feit ca. 28 Jahren seinen Wohnsitz im preußischen Gebiet gehabt hat, ist durch die Ausweisung auf's Empfindlichste betroffen worden. Vor vier Jahren erhielt derselbe von der Behörde die Weisung, das preußische Gebiet zu verlassen, was er jedoch nicht that. In Folge dessen wurde von dem königlichen Landrathsamt in Heydekrug gegen Meyerowitz ein Strafmandat über 150 Mk. event. 14 Tage Gefängniß erlassen. Es fand darauf Zwangsvollstreckung statt, welche einen Erlös von 116 Mk. ergab. Nach Verlauf von 2 Monaten erhielt Meyerowitz wiederum ein eben solches Strafmandat. Da nun aber bei demselben keine pfändbaren Gegenstände vorhanden waren, so mußte derselbe vierzehn Tage Gefängniß verbüßen. Dann wurde M. unbehelligt gelassen. Er erwarb sich darauf ein Besitzthum und betrieb die Fabrikation von Stäben in ausgedehntem Maße. Im Juli d. I. erhielt nun M. wiederum vom Landrathsamt in Heydekrug ein Strafmandat über 150 Mk. In Folge dessen sahen sich die Gläubiger des M. veranlaßt, zur Sicherung ihrer Forderungen einen^dinglichen Arrest gegen denselben auszubringen, und es wurde sein auf Grundzins erbautes Wohnhaus im Werthe von 4000 Mk. und sein todtes sowie lebendes Jnvendarium im Werthe von 2000 Mk. gepfändet. Da hier M. als ein ordentlicher und strebsamer Mensch gilt, so sahen die Gläubiger von einem Verkauf ab. Nun war M. aber außer Stande, das Strafgeld von 150 Mk. zu erschwingen; deßhalb wurde seitens des Landrathsamts wegen des Strafgeldes eine Anschlußpfändung herbeigeführt und der Verkauf des sämmtlichen Besitzes des M. bewirkt. Am 2. d. M. wurde vom hiesigen Gerichtsvollzieher Bautz das Wohnhaus, welches einen Werth von ca. 4000 Mk. darstellen soll, für 950 Mk. und das todte und lebende Jnvcntarium für 450 Mk., wie es heißt, gleichfalls weit unter dem Werth, verkauft. Mithin ist das gesammte Vermögen von ca. 6000 Mk. für 1400 Mk. veräußert worden. M. und dessen Familie stehen jetzt völlig mittellos da. Wrescherr, 12. Oktober. Bei dem letzten Abiturientenexamen am Kgl. Gymnasium zu Gnesen kam der seltene Fall vor, daß ein Schüler — Moses Lewin aus Witkowo — schon nach N/2-jährigem Aufenthalte in Prima zur Prüfung zugelassen wurde. Allerdings hat L. durch sittlichen Ernst, regen Eifer und rastlosen Fleiß sich stets derart ausgezeichnet, daß er bei der jedesmaligen Versetzung eine Ehrengabe als „xraemium diligentiae et modestiae“ erhalten. Auch zuletzt war er der Primus der Prima und hat auch das Examen gut bestanden. — Dies beweist wohl zur Genüge, daß die jüdischen Schüler

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