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Der Israelit · 1890-10-20 · Heft 82 (20.10.1890) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 82 (20.10.1890)
Date
1890-10-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1484 und mit Aepfeln beworfen. „Sehen Sie," sagte mein Begleiter zu mir, „für unser heißblütiges Volk ist die Bühne das Leben selbst. Es sieht nicht den Künstler, sondern die Handlung. ES fragt nicht, wie der Künstler die Rolle spielt, sondern welche Rolle er spielt." In Italien, meine Herren, überträgt man die Empfindungen des Lebens aus das Theater. Bei uns ist es umgekehrt. Bei uns überträgt man die Empfindungen des Theaters auf das Leben. Man sieht in so mancher Versammlung unserer Mitbürger nur den Künstler und nicht die Handlung. Man fragt nur, wie er seine Rolle spielt, und nicht, welche Rolle er spielt. Man fragt, ob der Redner laut, ob er fließend, ob er hinreißend spricht, ob er einen guten Sack voll Versprechungen bei sich hat; man fragt nicht, ob sein Versprechen ausführbar, ob seine Rede wahrhaft, ob sie zum Frieden führt, ob überhaupt das letzte Ziel des Redners erkennbar ist. Als ein alter Freund unserer Stadt muß ich sagen: Es ist ein schlechtes Spiel, welches jetzt mit unserer Bevölkerung getrieben wird. Wollte man aufrichtig sein, so müßte man sagen, daß eine Umkehr auf der bisherigen reactionären Bahn der Volkswirthschast, soweit sie für einen einzelnen Staat möglich ist, die erste Vorbedingung einer geschäftlichen Besserung für Wien ist. Was hat uns die fortschreitende Jsolirung der Staaten gebracht? Den rumänischen Handelskrieg, den Ruin unserer Perlmutter-Industrie, das theuere Fleisch, Ringe an allen Orten. Und dasselbe wäre in anderer Form die Folge einer Jsolirung der einzelnen Stände der Gesellschaft. Jede Art von Jsolirung ist der Tod gerade der lebensvollsten Zweige wirthschastlicher wie geistiger Arbeit. Und nun ein Schlußwort, meine Herren. Ich habe den Juden Lassalle und den Bischof Ketteler angeführt. Ihre Schriften sind mehr als zwanzig Jahre alt. Sie waren heftige Gegner des damaligen Liberalismus. Ich bin ein sehr bescheidenes Mitglied der liberalen Partei, aber ich habe viel aus diesen Schriften gelernt. Ich habe auch gelesen, was kürzlich der junge Kaiser von Deutschland fo vortrefflich gesagt hat. Der Staat allein, so beiläufig war der Gedanke, kann die socialen Schäden nicht heilen, Alle Bürger des Staates müssen sich dazu die Hände reichen. Die rege Theilnahme aller Staatsbürger an diesen Fragen muß auch für uns in Oesterreich der beherrschende Gedanke sein. Ich wende mich an meine Herren christlichen Wähler. Lassen Sie die Irrungen, welche wir heute erleben, eine Lehre zur Eintracht sein für alle Zukunft. Und Sie, meine Herren israelisischer Confession, bedenken Sie, daß es nicht hinreicht, die Ausschreitungen des Antisemitismus zu bekämpfen durch die Polizei. Selbst müssen Sie ihn besiegen, indem Sie Ihre Gegner beschämen durch eine strenge Controls Ihrer selbst, durch edle Denkungsweise und durch die Häufung achtenswerther Thaten. Erst wenn in der Lebensführung aller bevorzugten Classen Wiens das Verständniß für die Schwierigkeiten der heutigen gesellschaftlichen Ordnung und das werkthätige Mitgefühl dauernd zum Ausdrucke gelangen, wird man sich jenem Zustande genähert haben, den jeder treue Bürger der Stadt aus tiefster Seele herbeiwünschen muß." Pefth. Professor Dr. Sigmund Sonnenfeld aus Budapest, der mit Genehmigung des Unter* richtsmtnisters sich behufs literarischer Studien auf ein Jahr nach Paris begibt, hat vom Baron Hirsch die ehrenvolle Aufforderung erhalten, während dieser Zeit die Leitung der humanitären Institutionen des genannten Philanthropen zu übernehmen. Dr. Sonnenfeld begibt sich gegen Mitte November in die französische Hauptstadt. Schweden. Stockholm. Die Zahl der Juden in Schweden beläuft sich auf circa 4600 gegenüber 4'/z Millionen Gesammtbevölkerung. Die Mehrzahl derselben wohnt in Stockholm und Gothenburg, wohin dieselben gegen Ende des vorigen Jahrhunderts aus Polen einwanderte. Bis 1870 waren dieselben, wie in anderen Staaten, Ausnahmsgesetzen unterworfen, wenngleich ihre Stellung noch immer besser war, als jene ihrer Glaubensgenossen in den östlichen Staaten. Seit 1870 genießen die Juden alle bürgerlichen und politischen Rechte und stehen ihnen alle politischen Carriören offen. Der Obercommissär der Polizei in Stockholm, Rubensohn, und das Parlamentsmitglied Frenkel, sind Beide Juden. Etwa vierzig Juden stndiren an der Universität von Upsala, mehrere in Lund und an der medicinischen Schule von Stockholm, aber Niemand fühlt sich beunruhigt, daß der Procentsatz der jüdischen Studenten den Proeentsatz der Inden so sehr übersteigt. Während der verhältnißmäßig kurzen Zeit seit ihrer Ansässigkeit haben die Juden sich vollständig assimilirt, sie sprechen schwedisch wie die Eingebornen, ohne fremdländischen Accent. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben sich viele Polen angesiedelt, welche noch ihren deutschen Jargon sprechen, aber ihre Kinder werden in den öffentlichen Schulen unterrichtet und lernen nur schwedisch. Die Beziehungen der Christen zu den Juden sind ganz befriedigende, obwohl alte Vorurtheile nur langsam überwunden werden. Es besteht jedoch absolut keine Animosität gegen Juden. Türkei. Salonichr, 10. Oktober. Soeben erhielt unser Chacham Baschi vom Gesandten der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, Herrn Hirsch, die erfreuliche Nachricht, daß außer den bet ihm schon eingelaufenen zehntausend Francs neuerdings fünfzehntausend Francs zur Vertheilung an die hierdurch den Brand Verunglückten eingetroffen sind. Dabei werden die Sammlungen in den Vereinigten Staaten ununterbrochen fortgesetzt. Feuilleton. Gofrith nwmelach. Novelle von Dr. Osstp Duchowetzky. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Man hatte die Wohnung des Herrn Sternfels erreicht und deßhalv konnte das Gespräch nicht fortgesetzt werden. Chajim weigerte sich nicht länger, heute Abend der Gast der Familie zu sein und trat

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