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Der Israelit · 1890-10-20 · Heft 82 (20.10.1890) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 82 (20.10.1890)
Date
1890-10-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1483 einem Saale in einem alten Kloster beholfen, der an den hohen Feiertagen so überfüllt war, daß die Andacht sehr beeinträchtigt wurde. Der Bau wird jedoch der Gemeinde große Opfer auferlegen und sollte es uns daher freuen, wenn unsere Freunde in Nah und Fern — sobald die Aufforderung an sie ergeht — unsere allzeit hilfbereite Gemeinde zu dem frommen Werke unterstützen würden. Die Antisemiten, von welchen wir G. l. bislang verschont geblieben, haben nun auch ihren feierlichen Einzug hier gehalten. Liebermann von Sonnenberg hält morgen auf Veranlassung des hiesigen „Deutschen Vereins" einen Vortrag über: „Neue Zeiten, neue Parteien." Wir sind riesig gespannt — ob der bekannte Häuptling seine Reisekosten verdient. — Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 25. Sept. .In dem Turnsaale des Leopoldstädter Gymnasiums hat heute Abend die von dem liberalen Central-Wahlcomitö eiuberufene Versammlung der Wähler des zweiten Bezirkes stattgesunden, in welcher die Herren Professor Eduard Sueß und Gerhardus sich als Candidatcn für die bevorstehenden Landtagswahlen vorstellten. Aus der gediegenen Rede des Professors Sueß heben wir nachstehende Stellen hervor: Beinahe zur gleichen Zeit, nachdem in der Nordbahnfrage die liberale Partei unter Führung unseres alten Herbst die äußersten Anstrengungen zur Verstaatlichung derselben gemacht hatte, tauchte die erste, die deutschnationale antisemitische Bewegung hervor. Früher beschimpfte man die „Bourgeoisie', jetzt richtete man sich gegen das Judenthum. Diese Bewegung hatte einen germanisch-nationalen Hintergrund; man wendete sich gegen die „fremde Rasse". Aber diese Germanen waren selbst nur die unwillkürlichen Bahnbrecher für eine neue Partei, welche bei den letzten Wahlen unter dem vorübergehenden Namen der arischen Antisemiten erschien. Diese bekämpfte den Inden nicht als Race, sondern gls geschäftlichen Concurrenten. Erinnern Sie sich, meine Herren, an jenen offenen Brief, welcher in der Leopoldstadt vor meiner Wahl vertheilt wurde. Voll von den bösesten und völlig erlogenen Jnsinnationen, war er gezeichnet von fingirlen Namen, und sogar der Drnckort war "gefälscht. Die Gerechtigkeit gegen meine Gegner zwingt mich, zu sagen, daß die germaitische Gruppe der Antisemiten bei aller Gewaltthätigkeit und bei allem Mangel an österreichischem Staatsbewusstsein doch zu solcher Handlungsweise nicht herabgestiegen ist. Dann kam die Zeit der gefälschten Eintrittskarten, der Hetzer aus Beruf u. s. w. Die Dinge sind schnell gereift. Die Demokraten stehen wieder bei uns. Die germanischen Antisemiten suchen vergebens sich in Wien zu sammeln. Das arische Mäntelchen ist überflüssig geworden. Auf den Schultern aller dieser Parteien ist die Reaction emporgestiegen. Während in Salzburg die Bauern sich zusammenthun, sich schämen, ferner durch Capläne vertreten zu sein, und in der Mitte ihres eigenen Standes nach würdigen Vertretern suchen, treten drei geistliche Herren zugleich als Eandidaten für die Vertretung der großen, freien Bürgerschaft der Reichshauptstadt hervor, und neben ihnen erscheint eine Schaar von geistlichen Begleitern. Aber nicht milde, ehrfurchtgebietenbe Gestalten sind es. Lange wird, fürchte ich, in Wien unvergessen bleiben das Bild des Seelsorgers, welcher vor den versammelten Bürgern falsch die Heilige Schrift citirt, um durch die falsche Citation tiefer noch und heißer den Haß seiner Mitbürger anzusachen. Lange, fürchte ich, wird es nicht vergessen werden, wie ein hochwürdiger Consistorialrath sich brüstet, der Verfasser eines Gassenhauers zu sein, in welchem die Gesinnung jene niedrige Ansdrucksweise findet, welche sie verdient. Man schaudert bei dem Gedanken, welche Armuth an Gemüth hier zum Ausdrucke gelaugt. Sind das, fragen wir, die Männer, welche uns im Landtage anregen sollen, eine neue Grundlage der religiös-sittlichen Erziehung des Volkes zu suchen? Sind das die Männer, welche im Namen der Kirche die Aufsicht über das Schulwesen in Anspruch nehmen sollen? Sie nennen sich heute die christlich-sociale Partei, aber ich frage, was hat das Christenthum, was hat der Socialismus mit der Judenhetze zu thun? Cardinal Rauscher war kein Judenknecht, und das Concordat ist nicht eine Schöpfung der Liberalen, aber in seinen „Studien zum Concordat" erkennt er als eine Aufgabe der Kirche: „Allen das heilige Gesetz der Liebe einzuprägen und in Allen das Wort lebendig zu machen: Was du nicht willst, daß dir die Menschen thun, sollst auch du ihnen nicht thun, und was du von ihnen wünschest, sollst du auch ihnen erweisen." Wir befinden uns in der Nähe des Barmherzigen-Klosters. Ich stelle neben diese leidenschaftlichen Redner einen Barmherzigen Bruder, für welchen der kranke Jude eine leidende Creatur Gottes ist, wie sein Glaubensgeirosse. Das, meine Herren, das ist die Liebe, das ist das edle, welterobernde Christenthum. Viele von Ihnen, meine Herren, werden sich der Wählerversammlung erinnern, welche vor sechs Jahren, bei Beginn der eben ablaufenden Session, stattfand. Was jetzt kommt, sagte ich damals, ist die Reaction von unten. Da trat ein achtbarer Mitbürger, Herr Brandeisky, wenn ich nicht irre, damals Obmann des katholischen Casinos, in größter Erregung an diesen Tisch und verlangte von mir, ich sollte sagen, wann je die Clericalen einmal gegen die Juden gehetzt hätten. Das Christenthum hat mit der Judenhetze nichts zu schaffen, aber ich glaube nicht, daß Herr Brandeisky seine Frage an mich wiederholen wird. Das Christenthum, werden Sie mir antworten, freilich nicht, aber der christliche Socialismus. Nun, meine Herren, der Begründer des sogenannten christlichen Socialismus ist der Bischof Ketteler von Mainz. Ich habe aufmerlsam seine berühmte Schrift gelesen, welche den Ausgangspunkt dieser Bewegung bildet. Ich habe keine Sylbe über Judenverfolgung gefunden. Wie konnte es denn auch der Fall sein, da ja der Führer der großen socialistischen Bewegung der Sechziger-Jahre, mit welchem der Bischof in manchen Hauptpunkten übereinstimmte, Lassalle, bekanntlich selbst ein Jude gewesen ist. Ich stnde vielmehr, daß der weitblickende Bischof, indem er die Sklaverei des Alterlhums mit der heutigen Fabriksarbeit vergleicht, ausdrücklich für die Juden im Atterlhnm eine rühmliche Ausnahme feststellt. Die socialen Fragen haben eben mit den religiösen Fragen und auch mit dem Liberalismus das gemein, daß sie an keine Grenze der Staaten oder der Nationen sich binden, und das ist auch der Grund, warum in unseren Arbeiterkreisen die Judcnhetze niemals Beifall gefunden hat. Wenn man von einer christlich-socialen Partei spricht, muß man fragen: Was verbindet das Christenthum milden socialen Bewegungen der Gegenwart? Das Band ist das beiden zu Grunde liegende Gebot der allgemeinen Nächstenliebe. Und wenn der Änlisemitismus diesem Gebote widerspricht, was ist er dann? Cr ist die Maske der Reaction. Vor Jahren habe ich in Vicenza einer Vorstellung in einem Bolkstheater beigewohnt. Das liebende Paar wurde immer applaudirt, der hartherzige Vater ausgezischt, und der schleichende Intrigant, obwohl er vortrefflich spielte, wurde gar ausgepfiffen

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