Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 82 (20.10.1890)
- Date
- 1890-10-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448101--30907-2478681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1481 Zur Lage der Juden in Mußsand. St. Petersburg. Ueber die russische Judenfrage ist in letzter Zeit sehr viel geschrieben worden, und an Anlaß hierzu hat es wahrlich nicht gefehlt. Seit langer Zeit wird in Rußland mit „interimistischen", gegen die Juden gerichteten Sondermaßnahmen operirt. Eine der am tiefsten greifenden war jedenfalls die „Verordnung über die Ableistung der Wehrpflicht seitens der Bekenner des mosaischen Glaubens", vom Sommer 1886. Sie war von drakonischer Strenge und man versuchte, sie dadurch zu rechtfertigen, daß nahezu 40 Procent aller wehrpflichtigen Juden sich der Ableistung dieser Pflicht auf die eine oder andere Weise zu entziehen gewußt haben sollen . . . Jene Verordnung, die u. A. bestimmte, daß die Ausfertigung von Handelsscheinen und Gewerbepatenten an Inden nur unter der Bedingung der Vorweisung eines Scheines über geleistete Wehrpflicht, bezw. eines Anmeldescheines erfolgen dürfe, besteht noch bis heute in Kraft, wie so viele andere „interimistische", die insgesammt den Juden in Rußland eine sehr unliebsame Sonderstellung zuweisen. Solche Verordnungen und Maßnahmen folgten sich einander auf dem Fuße, während eine Regierungskommission seit Jahren schon über die Lösung der Judenfrage brütete. Es war das die bald nach dem Regierungsantritt Kaiser Alexanders III., im Winter 1881/82, niedergesetzte Kommission, die nach ihrem Präsidenten, dem Mitgliede des Reichsraths, ehemaligen JustizministerGrafenPahlen, schlechtweg die„Pahlen'- sche" genannt wurde. Die Kommission arbeitete, wie alle russischen Rcgierungs- und Kommunalkommissionen, äußerst langsam und mit einem gewaltigen Apparat an Materialien, deren Beschaffung im In- und Auslande allein schon Jahre in Anspruch nahm. So kam cs denn, daß int Jahre 1886 erst das Programm der zu bewältigenden Arbeit zusammengcstellt war, welches Programm die Basis der zukünftigen praktischen gesetzgeberischen Arbeiten bilden sollte. Es bestand, wenn ich mich recht erinnere, aus zehn allgemeinen und vierzig speziellen Fragen, die verschiedene Ressorts, wie diejenigen der Finanzen, der Domänen, des Innern und so weiter betrafen und für deren Bearbeitung ebenso viele Subkommissionen aus kompetenten Leuten gebildet wurden. Unter den allgemeinen Fragen gab's solche, wie „Worin besteht die Judenfrage?" oder: „Worin bethätigen sich die schädlichen Einflüsse der Juden auf den Gebieten der Politik, der Oekonomie, der Sittlichkeit, der Religion?" Auch die speziellen Fragen setzten behufs Bearbeitung weitgehende Studien voraus; sie betrafen u. A. den „Kahal", das jüdische Selbftbesteuerungsrecht, den jüd. Getränkehandel u. s. w. Nun denke matt, daß erst, wenn alle diese allgemeinen und speziellen Doktorfragen erledigt worden, das betreffende Gesetzprojekt ausgearbeitet werden sollte, welches, ehe es dem Reichsrath, der höchsten gesetzgeberischen Institution, hätte vorgelegt werden können, noch in allen betreffenden Einzelressorts begutachtet werden mußte. Eine Riesenarbeit, deren Ende gar nicht abzusehen war. Und so behalf man sich nach wie vor mit allerlei Ausnahmegesetzen und schließlich schlief die Sache ein. Vor 1V2 Jahren wurde die Kommission aufgehoben und von ihrem Wirken ist nichts, als ein Haufen Materialien übrig geblieben und der eine und andere Entwurf, die als zu „liberal" aä aeta gelegt wurden. Zu „liberal" wohl nur deswegen, weil ein Mann von westeuropäischer Bildung an der Spitze der Kommission stand, denn im Uebrigen gehörte Graf Pahlen stets der mehr konservativen Richtung au. Er selbst hat nach dieser Letzten unfruchtbaren Arbeit sich auf seine Güter in Kurland zurückgezogen, die Hinterlassenschaft der „Judenkommisfion" aber wird demnächst einer neuen Kommission überwiesen werden, die binnen Kurzem Zusammentritt und aus hohen Vertretern aller Ministerien und Ressorts und einstweilen aus den Generalgouverneuren und den Gouverneuren der Reichsgebiete (Nord- und Südwestrußland), wo die Juden Wohnsitzberechtigung besitzen, bestehen wird. Ob auch sie viele Jahre arbeiten wird? „Material" braucht sie freilich nicht zu sammeln. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Darmstadt. Die „N. H. Volksbl." berichten: Am 15. Juni d. Js. hat bekanntlich die feierliche Einweihung des Abt Vogler-Denkmals auf dem Mathildenplatz dahier stattgefunden. Dieser feierliche Akt mußte manchen alten Darmstädter, insbesondere manchen alten Musiker an den verstorbenen berühmten Musiker Herz von hier erinnern. Derselbe war bekanntlich ebenfalls ein Schüler von Abt Vogler, der, wie er dem Einsender dieses Artikels erzählte, zu derselben Zeit den Unterricht in der Musik von ihm erhielt, in welcher G. Meyerbeer ihn empfing. Herz war berühmt als Virtuose, als tüchtiger Lehrer aus mehreren Musikinstrumenten und als Dirigent einer Musikgesellschaft, die bei den Hofbällen, bei den Concerten auf dem Chausseehaus und in dem Casino (Bürger-Verein) auf geschickte Weise lnusicirte. Auch war Herz ein vorzüglicher Componist, der die noch jetzt dahier üblichen Synagogengesänge componirte, die namentlich an den hohen Festtagen alle Theilnehmer an dem öffentlichen Gottesdienste