Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 81 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1472 Nachahmung dieses großen Beispiels das Heil der Industrie. Für den Augenblick, meinte er freilich, müßte man die hungernden Drechslerfamilien unterstützen, und dazu müsse man, auch wenn die Statuten es nicht gestatten, die Gelder der „Kaiser- Franz-Joseph-Stiftung für das Kleingewerbe" verwenden. In der Noth müsse man das Geld nehmen, wo man es findet. Vetter deutete die Stelle, wo man Geld finden könne, noch etwas deutlicher an. Er hielt jeine Brandrede gegen die von ihm meist so gern aufgesuchten Juden, die wir zwar aus seinem Munde schon öfter gehört, die aber durch die oftmalige Wiederholung an Geschmack nicht gewonnen hat. Nachgerade müssen die Herren wieder auf stärkeren Pfeffer sinnen; so stark der bisher reichlich verwendete war, beginnt er schon keine Wirkung mehr auf die an solche Kost gewöhnten Gaumen zu äußernj, und nicht einmal die Genoffen auf der Gallerie, welche derlei Bissen früher heiß verschlangen, finden noch Geschmack an den aufgewärmten Brocken, die man immer und immer wieder vorsetzt. Pesth, 30. Sept. Wenn man den Namen des Baron Hirsch ausspricht, so hat man damit einen der größten Wohlthäter unseres Jahrhunderts genannt. Die Summen, welche dieser Menschenfreund jährlich auf wohlthätige Zwecke wendet, belaufen sich auf Millionen und erst dieser Tage hat Baron Hirsch den ungarländischen Ueberschwemmten die Summe von 5O.OOO Gulden gespendet, wie er auch für Ungarn und speziell für Budapest alljährlich einen bedeutenden Betrag auf Werke der Barmherzigkeit wendet, welche hier durch Frau David Bischitz in ebenso umsichtiger als edler Weise verwendet werden. Wie es dieser Tage aus den in Paris veröffentlichten Enthüllungen über den Boulangismus verlautete, hat Baron Hirsch auch dem Ansuchen eines Agenten Boulanger's nachgebend, diesen mit einer bedeutenden Summe unterstützt und daraus sind ihm nun allerlei Unannehmlichkeiten erwachsen, so daß einige französische Blätter heute trotz eines kürzlich veröffentlichten Dementis melden, daß feine Ausweisung aus Frankreich bereits eine beschlossene Sache sei. Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich diese Meldung bewahrheiten wird, da die französische Regierung kaum so übereilt handeln dürfte, einen solchen Mann aus Frankreich zu entfernen; Thatsache aber ist, daß man sich heute lebhafter mit Baron Hirsch beschäftigt als je. Auch der heute hier eingetroffene Pariser „Figaro" bringt einen Artikel über diese interessante Individualität, dem wir folgende Daten entnehmen: Baron Hirsch, so schreibt „Figaro", ist in der That ein Fremder in Frankreich und kann demzufolge ausgewiesen werden; allein jene Blätter irren sich, die ihn für einen Oesterreicher oder für einen Ungar ausgeben; Baron Hirsch ist ein Deutscher. Er wurde am 9. Dezember des Jahres 1831 in München, aus der Ehe von Josef Hirsch (geboren 1805 in Würzburg) und Karoline Wertheimer (geboren 1810 in Frankfurt a. M.) geboren. Sein Vater wurde vom König Ludwig II. von Baiern am 2. April 1869 zum Baron erhoben. Sein Großvater Jakob Hirsch war bereits Bankier des baierischen Hofes. Nach' dem er das adelige Gut Gereuth angekauft hatte, wurde er auf sein Ansuchen durch ein Patent des Königs Maximilian Josef am 13. August des Jahres 1818 geadelt, um die Patrimonialgerichtsbarkeit auf seiner Domäne ausüben zu können. Der neue Edelmann erhielt ein Wappen, welches auf Goldgrund einen grünen Berg zeigt, auf dem ein Hirsch mit einem Zehnender-Geweih und rother Zunge sichtbar ist. — Der jetzige Baron Hirsch wohnte früher in Brüssel; er ehelichte am 25. Juli j des Jahres 1855 Fräulein Klara Bischofsheim,! geboren am 18. Juni 1833 in Antwerpen, Tochter des belgischen Senators Bischofsheim. Es wurde denselben am 11. Juli 1856 ein Sohn geboren, der in Belgien naturalisirt und vom König Leopold von Belgien in den Adelsstand des Königreichs erhoben wurde. Er war der erste Israelit, der den belgischen Adel erhielt. Dieser junge Mann starb am 6. April des Jahres 1887. — Das Vermögen des Barons Hirsch ist beträchtlich; man spricht von einer Milliarde, doch dürfte das übertrieben sein;! so viel steht jedoch fest, daß sein Vermögen über! 300 Millionen beträgt. Frau von Hirsch, die nach! dem Tode ihres Vaters über 20 Millionen geerbt > hatte, ist eine arme Person im Vergleiche zu ihrem! Gatten. Interessant ist der Ursprung dieses großen! Vermögens. Der Baron war in Brüssel Bankier;! zu jener Zeit hatte Langrand-Dnmonceau in Bel-I gien seine große Bank, die sich gleichzeitig mit Bant-1 und Jndustriewesen beschäftigte, gegründet, die aber! bekanntlich zu Grunde ging. Unter den zahlreiche»! Geschäften, welche durch den Sturz Langrand-1 Dumonceau's unerledigt blieben, befanden sich auch! die türkischen Eisenbahnen, deren Konzession Baron! Hirsch um einen Spottpreis ankaufte. Daher» stammt fast ausschließlich sein kolossales Vermögen.! Budapest. Vor zwei Jahren verschied der! Kaufmann Joseph Stransky. Der Verstorbene! war ein wohlhabender Mann, der sich im Schoße» der hiesigen orthodoxen jüd. Gemeinde eines große»! Ansehens erfreute und zu seinen Lebzeiten zu Gunsten! mehrerer konfessionellenHumanitäts- und Lehran-I ftalten bedeutende Schenkungen machte. DaStransk»! kinderlos blieb, wurde das ganze Vermögen seiner! Ehegattin Katharina Frankfurter eingehändigt, I die 43 Jahre mit ihm eine musterhafte Ehe geführt!