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Der Israelit · 1890-10-16 · Heft 81 (16.10.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 81 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage;u M 81 des „Israelit 5- Ieschurun" Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 13. Oktober. Das „Mainzer Tagblatt", das Organ der hiesigen national-liberalen Partei, brachte in seiner Nr. 269 einen „die Antisemiten-Vereinc und das Judcnthum" überschriebcncu philo semitischen Leitartikel. Wir constatiren dies mit um so größerer Genugthuung, als innerhalb dieser Partei und ihrer Organe bei den letzten Neichstagswahlen in manchen Wahlkreisen eine antisemitische Gesinnung zu Tage getreten war. Alzey, im Oktober. Der bekannteAusspruch Ben Akiba's findet bei unserer Reform keine Bestätigung. Denn seit ihrer Jnscenirung sind wir gelohnt, in kurzen Zwischenräumen „nie dageweseue" lieberraschungen an ihren Führern und Leitern zu erleben. Der Gottfried von der trefenen Bouillon oder das am Sabbat [ein Pfeiflein schmauchende Nabbilein sind zwar nicht mehr im Stande, uns Rufe des Staunens zu entlocken, dagegen dürfte cs neu sein, daß ein Schochct die Kaboloh (Befähiguugszcugniß zum Schächten) erhält, der nicht ein Wort Hebräisch lesen kann. Sie fragen, wer denn dies Ungeheuerliche zn Stande gebracht habe? Wenden Sie sich, bitte, an unseren Herrn Rabbiner Dr. Rothschild, er wird Ihnen nähere Auskunft darüber geben können. Ein armer, lg'/? jähriger Lumpensammler in dem benachbarten Dorfe Pfennersheim ist der Bevorzugte, der mit der Kaboloh unseres Herrn Rabbiners in der Tasche uns mit „Koscherfleisch" beglücken tvill. Man nimmt natürlich allenthalben Anstand, diesen jungen Mann, der weder eine höhere jüdische oder nichtjüdische Schule, noch ein Seminar besucht hat, vom Schächtfachc selbstredend keine Ahnung hat, und der nicht mehr Bildung besitzt, wie der erste beste Hausbursche, die Schächtfuuktion ausüben zu lassen; dennoch soll er an einem kleinen Orte in der Nähe bereits geschachtet haben. Doch die Bäume wachsen nicht in den Himmel, i»id auch der Unwille gegen unser geistliches Oberhaupt hat einen solchen Höhepunkt erreicht, daß dasselbe sich genöthigt sah, sein Entlassungsgcsuch cinzurcichen. Wenn man auch hier nicht den orthodoxen Prinzipien huldigt, so wünscht man doch nicht, daß der Rabbiner sich rasirt oder am Sabbat der Eisenbahn die seinem Bezirke unterstellten Ortschaften aufsucht, um den Leuten von der Kanzel aus zu sagen, wie sie Gottes Gebote halten sollen. Herr Dr. Rothschild hat nun Muße, seinem Freunde Rahmer Betrachtungen über die „starre Neuorthodoxie und das Finsterniß um sich her verbreitende Muckerthum" zu liefern. Unserem Rabbinate aber wünschen wir, daß, entgegen dem bekannten Spruche, bald etwas Besseres Nachkomme, nvn. Stuttgart, 1. Oktober. Der „Staatsanzeiger" brachte in seinem amtlichen Theile die M!ttheilnng des königl. Ministeriums für Kirchen- und Schulwesen, daß die israelitische Gemeinde in Schwäbisch-Gcrnünd zur selbstständigen Kirchengemeinde erhoben und dem Rabbinatsbezirk Oberdorf eingereiht wurde. Schwäbisch-Gemünd, frühere Reichsstadt, hat im Mittelalter zweimal seine jüdische Mitbürger ausgetrieben, und bis zum Jahre 1805, wo es württembergisch wurde, durfte kein Jude die Stadt betreten; Juden, die des Wegs kamen, wurden durch eigens bestellte städtische Schergen, gegen zu erlegenden „Judenzoll" und nach Anheftung des gelben „Judenflecks" um die Stadt und ihr Gebiet geführt. Salomon Oberdörfer, Juwelier aus Kriegshaber, war der erste Jude, der (1806) nach Jahrhunderten die Stadt Gemünd betrat. Jetzt hat sich daselbst eine jüdische Gemeinde angesiedelt, die Stadt ist paritätisch, die herrschende Kirche ist katholisch, und neben der evangelischen Kirchcngemeindc besteht nun auch eine israelitische, der die städtischen bürgerlichen Kollegien unter Leitung ihres Oberbürgermeisters Dr. Seefried in liberalster Weise einen Gebetsaal und ein Unterrichtslokal überlassen haben. Strasibrrrg (Elsaß). Unser Glaubensgenosse Herr Feist ans Mannheim wurde zum ersten Director der kais. TabakSmauufaktur dahier ernannt. Herr Feist, der seither in Mannheim einen lukrativen Tabakhandcl betrieb, gab diesen auf, um die, wie man sagt, mit Mk. 30,000 p. a. dotirte Stelle zu übernehmen. O e st e r r. - U n g a r. M o n a r ch i e. Wien, 8. October. An Abwechslung fehlt es den seit einiger Zeit so zahlreich erscheinenden Besuchern der Gemeindcrathssitzuugen nicht. Ist es für gewöhnlich das neue Gemeindestatut, welches den Herren der Opposition Gelegenheit gibt, ihr Licht leuchten zu lassen, so war es heute der Antrag der Finanz-Commission, den uothleidenden Perlmutterdrechslern hilfreich unter die Arme zu greifen, welcher die Begeistcrung dieser privilegirten und patentirten Volksretter in Hellen Flammen auflodern ließ. Dr. Lueger sprach seine tiefe Bewunderung für Mac Kinley aus und erwartete von der

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