Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 81 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1470 nen, die den bescheidenen, nettgekletdeten jungen Mann endlich in ihren Kreis ausnahmen. So hätte Chajim wohl zufrieden sein können, wenn ihm nicht das rastlose Streben, immer mehr zu lernen, seine Ruhe geraubt hätte. Er kaufte sich Bücher und studirte ganze Nächte, um die Lücken seines Wissens auszufüllen, um seinen Kameraden nicht nachstehen zu müssen. Sein ungeheueres Talent und sein immenser Fleiß ließen ihn die schwierigsten Aufgaben spielend lösen. In der israelitischen Gemeinde war man schon längst auf den jüdischen Aufseher der Union aufmerksam geworden und hatte ihn wohlwollend betrachtet. Eines Tages hatte Chajim Gelegenheit, einem hochangesehenen Gemeindemitglied einen großen Dienst zu erweisen. Die Folge davon war, daß er eingeladen wurde, seinen Besuch zu machen, aber längere Zeit verstrich und Chajim kam nicht dazu. Da kam das Neujahrsfest herbei. Chajim erhielt die beiden Neujahrstage frei und er war der Erste und der Letzte in der Synagoge. Als am ersten Abend die Synagoge zu Ende war, trat Herr Sternfels, der Herr, der ihm zu Dank verpflichtet war, an ihn heran und wünschte ihm, daß er in das Buch des Lebens möge eingeschrieben werden. Chajim erwiederte diesen Wunsch herzlich und beide Männer verließen zusammen die Synagoge. „Heute Abend kommen Sie nicht frei von mir," begann Sternfels, „heute Abend sind Sie unser Gast," und er schob, zum großen Erstaunen aller Anwesenden, seinen Arm unter den des Polen und erwartete so seine Frau und seine Tochter, die aus der Frauensynagoge kamen. Sie mußten eine Weile warten, denn die Synagoge war voll und der einzige Ausgang der Frauenabtheilung war eng und schmal. Endlich erschienen die beiden Damen, und Sternfels stellte den jungen Mann vor und theilte mit, daß er ihn für heute Abend eingeladen habe. Chajim gratulirte den Damen und Frau Sternfels machte ihm Vorwürfe, daß er nicht schon längst seinen Besuch gemacht habe. Der junge Mann entschuldigte sich mit Mangel an Zeit, welche Entschuldigung die Dame jedoch nicht gelten lassen wollte. „Was man will, das kann man," sprach Frau Sternfels weiterschreitend; „mein Mann hat mir so viel von Ihnen erzählt, daß ich begierig war, Sie kennen zu lernen." „Und jetzt, da Sie mich kennen, sind Sie enttäuscht", entgegnete Chajim lächelnd. „Nein, im Gegentheil", entgegnete die Dame, „ich möchte Sie näher kennen lernen, um Ihre Energie und Ihre Willenskraft, von der uns mein Mann erzählte, bewundern zu können." „Sie werden sich getäuscht finden", fuhr er fort. „Es ist nichts zu bewundern an mir. Oder finden Sie es mirakulös, wenn ein armer, russischer Jude alles daran setzt, für sich und seine Pflegeeltern ein menschenwürdiges Dasein zu erringen?" „Nicht mirakulös, aber achtenswerth und ehrenwerth. Es gelingt heutzutage dem Juden nicht so leicht, sich eine Stellung zu schaffen; wie schwer muß es Ihnen, dem Ausländer, gefallen sein!" „Mir ist nichts geschenkt worden," sprach Chajim, „und doch habe ich Glück gehabt und bin Gott dankbar dafür." „Sehen Sie, das gefällt mir von Ihnen, daß Sie die Stellung, die Sie heute einnehmen, nicht nur sich selbst, sondern auch ein klein wenig der göttlichen Hilfe zuschreiben." „Ein klein wenig, das ist zu wenig gesagt," entgegnete Chajim, „was ich bin, bin ich doch nur durch Gottes Hilfe geworden. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jefchurim" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstag-, jedeSmal in mindestens S Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel beziehen bei E. F. Kleinacker« Leipzig. Rastplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Coms. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland unb Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franko «inznstnd«. Inhalt sHauptblatt): Leitender Artikel: Die Wichtigkeit des jüd. Religionsunterrichts und der Schaden, welcher aus der Vernachlässigung desselben erwächst. — Zur Lage der Juden in Rußland. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Leipzig. Wreschen. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Temesvar. — Holland: Rotterdam. — Frankreich: Paris. — Feuilleton: Gosrith momelach. Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Alzey. Stuttgart. Straßburg. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Peslh. Budapest. — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Vermischtes. Inhalt der Extra-Beilage: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.