Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 81 (16.10.1890)
- Date
- 1890-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1469 Israeliten an, sich zu assimiliren, sich zu bilden, ja sogar die höheren Schulen zu besuchen, aus welchen bedeutende Männer hervorgegangen sind. Auch waren den Israeliten alle Elementar- und Secundärschulen offen. Unter den Hochschulen standen ihnen nur die Universität und die Academie in Petersburg sür Medizin offen; die anderen blieben ihnen verschlossen wegen des dort herrschenden Kastengeistes. Im Ganzen wurden die Gewaltmaßregeln von Nikolaus durch den gemäßigten Charakter seiner Beamten gemildert. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. Gofrith womelach. Novelle von Dr. Ossip Duchowetzky. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Die Stadt Lübeck wurde 1143 durch den Grasen Adolf II. von Holstein-Schaumburg gegründet. Graf Adolf mußte 1158 die Stadt an Heinrich den Löwen, Herzog von Sachsen, abtreten, der sie städtisch eiurichtete und bald darauf das oldenburgische Bisthum dahin verlegte. Infolge der Achlerklärnng des Herzogs wurde sie 1181 kaiserlich und mit ansehnlichen Privilegien begabt, welche die Dänen, in deren Gewalt sie 1201 fiel, bestätigten. Als aber die nordalbingischen Laude sich befreiten, unterstellte sich die Stadt dem Kaiser Friedrich II., der sie 1226 für alle Zeiten zu einer freien Reichsstadt erklärte. Als solche behauptete sie sich gegen die Dänen in der Schlacht bei Bornhövcd. Der blühende Handel vereinigte die Stadt bald mit den anderen Städten Norddeutschlands zu der großen Hansa deutscher Kaufleute, deren Angelegenheiten sie seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts mit vieler Umsicht und großem Erfolge leitete. Ihre Flotten beherrschte die Ostsee und ihre Stimme entschied über die Angelegenheit der nordischen Reiche. Länger als zwei Jahrhunderte erhielt sich Lübeck auf der Höhe seiner Macht und seines Ansehens. Später aber bei Verfall der Hansa war es auch mit Lübeck's Bedeutung bald zu Ende. Seine hauptsächlichsten Erwerbsquellen liegen auch heute noch in Handel und Schifffahrt, doch hat in neuerer Zeit auch die Industrie daselbst Fuß gefaßt. So wurde durch den intimen Verkehr mit Dänemark, Schweden und Finland die Fabrikation der schwedischen Zündhölzer dahin verpflanzt und die Kunst der Herstellung dieser Maare verbreitete sich von Lübeck aus über ganz Deutschland. Das Leben in Lübeck ist für den Fremden nicht besonders angenehm, da man sich ihm gegenüber einer vornehmen Zurückhaltung befleißigt. Es hält dort sehr schwer, Eintritt in die Familien zu erlangen, und wer ohne Empfehlungen dorthin kommt, ist auf sich selbst angewiesen. Das früher patriarchalische Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeiter ist durch die alles zersetzende Kraft der neuen socialen Heilslehren ebenfalls gelockert worden, und hie und da hörte man von Differenzen zwischen den Arbeitern und den Fabrikherren. Zu einem eigentlichen Aufstande war es noch nicht gekommen, da die Fabrikanten nachgaben, die Arbeiter von ihren Forderungen abließen und man sich auf diese Weise einigte. So schien ein leidliches Verhältniß wieder hergestellt, bis die Arbeiter mit der Forderung eines achtstündigen Normalarbeitstages und eines wesentlich höheren Minimallohnes auftraten. Diesen Forderungen gegenüber traten die Fabrikanten zusammen und versprachen sich gegenseitig, dieselben unter keinen Umständen zu bewilligen und lieber drei bis vier Wochen den Geschäftsbetrieb einzustellen. So geschah es auch. Die Arbeiter strikten und die Fabrikanten schlossen die Fabriken. Das hatte man nicht erwartet. Eine dumpfe Gährung hielt die Arbeiter in steter Aufregung. und als nach drei Wochen fremde Arbeitskräfte herangezogen wurden, war die Aufregung furchtbar. Ganze Arbeiterabtheilungen belagerten den Bahnhof, andere den Umkreis der Fabriken, um die fremden Arbeiter zu veranlassen, wiederabzureisen. Die Polizei bot ihre sämmtlichen Mannschaften auf, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Nach und nach stellten sich genügend Arbeitskräfte ein, und der Betrieb konnte wieder ausgenommen werden. Dieses geschah an dem Tage, als Chajim in Lübeck ankam. Er kam, da man den polnischen Juden nicht als Arbeiter ansah, unangefochten in das Bureau der Union. Dort ließ er sich dem Direktor vorstellen und er machte solch' guten Eindruck auf denselben, daß er ihm sofort eine Aufseherstelle anbot. Er mußte in der Fabrik wohnen und hatte eine große Verantwortung übernommen. Sein bescheidenes Wesen, seine Anstelligkeit, sein gerechtes und entschiedenes Auftreten den Arbeitern gegenüber, gefiel den Herren und ehe ein Monat verging, war er derart eingearbeitet, daß er zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten seinen Dienst versah. Am Sonnabend hatte er frei, und nie sah man ihn dann in den Fabrikräumen. Dann ging er, der an Wochentagen die Fabrik nie verließ — sein Essen ließ er sich zur Fabrik schicken — nach der Synagoge, besuchte die Leute, die ihn speisten und war ein steter Gast in den Vorträgen, die der Rabbiner am Sonnabend nach der Synagoge hielt. Dort lernte er auch einige gleichaltrige junge Leute ken-