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Der Israelit · 1890-10-16 · Heft 81 (16.10.1890) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 81 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1465 Zur Lage der Juden in Kußland. Petersburg, 20. Sept. Die heutige Nummer der „Nowoje Wremja" enthält einen heftigen Ausfall gegen das „Journal de St. Petersbourg", welcher so bezeichnend für die gegenwärtige Sachlage ist, daß es sich verlohnt, den Artikel des von Antisemitismus triefenden russischen Blattes wiederzugeben. Die „Nowoje Wremja" schreibt nämlich: Die Redaktion unseres französischen Journals ist aus den Händen des Juden Herrn Horn in die Hände des Schweizers Herrn Tripet übergegangen, jedoch scheint es, daß der jüdische Geist trotzdem in demselben verblieben ist: So z. B. hatte dieser Tage die Nordische Telegravhenagentur sehr ausführlich die Rede des Wilnaschen Generalgouverneurs übermittelt und die nicht schmeichelhafte Würdigung der herausfordernden Handlungsweise der jüdischen Nationalität wurde wörtlich von allen, selbst unseren russophilen Zeitungen abgedruckt. Eine Ausnahme bildete nur das „Journal de Petersburg", welches aus dem Telegramm den ganzen Inhalt der Rede des Generals Kachanow wegließ, nur deren Anfang brachte, in welchem besagt ist, daß die russischen Juden bestrebt sind, ihre Sonderstellung zu bewahren; dann folgt eine große Lücke und das Telegramm in unserem diplomatischen Organ endet mit der an die Delegirten der jüdischen Bevölkerung gerichteten Aufforderung, auf ihre Glaubensgenossen im Interesse des allgemeinen Wohls einzüwirken. Es wäre interessant, zu erfahren, zu welchem Zwecke eine derartige Verzerrung der Rede des Wilna'schen Generalgouverneurs vorgenommen wurde. Doch nicht etwa, um den jüdischen Publizisten des „Figaro" und der „Times" nicht zu ärgern? Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach, doch dürfte sich in der gesammten russischen Presse schwerlich ein Organ finden, das so viel Mnth besitzt, um den durch die „Nowoje Wremja" hingeworfeuen Fehdehandschuh aufzuheben. Das „Journal de St. Petersbourg" als diplomatisches Organ hielt es für unpassend, den Text der höchst undiplomatischen Rede des Generalgouverneurs von Wilna zu bringen, da diese Hcrzensergießung — so berechtigt sie auch an und für sich sein möge — durchaus nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt ist und nur den Redner kompromittirt. In offiziellen Kreisen hat auch die Ansprache Kachanow's sehr verschnupft, doch kann man ihn nicht desavouiren, denn dadurch würde die Sache noch verschlimmert. Daß das „Journal de St. Petersbourg" die Rede nicht gebracht, richtiger alles darin enthaltene Gehässige und Beleidigende sorgfältig ausgemerzt hat, — ist gewissermassen als ein Protest unseres auswärtigen Ressorts gegen dergleichen Manifestationen anzusehen, die nur den moralischen und materiellen Kredit Rußlands schädigen können. Wie ich höre, hat die Rede an vielen Stellen höchst peinlich berührt, obwohl sie andererseits in antisemitischen Kreisen enthusiastisch begrüßt wurde. Selbst die judenfeindlichen Preßorgane hielten es für angemessen, sich zu dieser Kundgebung passiv zu Verhalten. Petersburg, 26. Sept. Wie die „Nowoje Wremja" erfährt, tritt im Ministerium des Innern demnächst eine Spezialkonferenz zur Lösung der Judensrage zusammen. Die Konferenz werde zusammengesetzt sein aus Vertretern der höheren Verwaltnngsbehörden und den Gouverneuren der Provinzen, in denen die Juden ein Heimathsrecht besitzen. Die Konferenz soll das von der früheren Kommission unter dem Vorsitz Pahlens ausgearbeitete Projekt prüfen, theils annehmen und theils verwerfen. Endlich werde die Konferenz über den Handel mit Spiritus beschließen, soweit derselbe von Juden in den südwestlichen Provinzen unter angenommenen Firmen-Namen ausgeübt werde. Da Ssewaftopol in einen speziellen Kriegs- Hafen verwandelt worden ist, so wurde die Anordnung getroffen, daß sämmtliche daselbst ansässige Juden zu entfernen seien. Bis jetzt gehörte die taurische Halbinsel zu den Territorien, in welchen den Juden der bleibende Aufenhalt gestattet ist. Jetzt wird in Bezug auf Ssewaftopol eine Ausnahme gemacht. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 16. Oktober. Herr Ern. Stein in Berlin hat im Jahre 1888 einen Preis von 300 Mark zum Zwecke einer Preisaufgabe über das Thema: „Die Wichtigkeit des jüdischen Religionsunterrichts und der Schaden, welcher aus der Vernachlässigung desselben erwächst," dem Ausschuß des Gemeindebuudes übergeben. Im Einverstäudniß mit dem Spender waren die Herren Dr. Abraham Berliner, Dr. David Cassel, Rabbiner Dr. Salomon Cohn, Dr. Gustav Karpcles und Prof. Dr. Hajim Steinthal, sämmtlich in Berlin, zu Preisrichtern ernannt worden. Aus das Ausschreiben in den jüdischen Zeitungen Dcutschlauds und in den Mittheiluugen Nr. 21 des Gemeindebundes waren in der anberaumten Frist 37 Arbeiten eingelaufen, darunter 30, welche einen Ort Deutschlands als Aufgabestempel trugen, während 5 aus Oesterreich-Ungarn, 1 aus England, 1 aus Rußland eingesandt wurden. In der Sitzung der Preisrichter vom 24. April 1889 wurde einstimmig die Arbeit Nr. 21 als die beste bezeichnet.

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