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Der Israelit · 1890-10-16 · Heft 81 (16.10.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 81 (16.10.1890)
Date
1890-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1464 aller Tugend. Keine überirdische, keine irdische Wesenheit Lheilt mit ihm die Ehre. Weit, unergründlich weit ist der Abstand zwischen göttlichem und menschlichem Wesen nach der jüdischen Anschauung; kein Prophet, kein Mittler hilft die Brücke bilden — aber um so höher ist darum die sittliche Aufgabe, die das Judenthum seinem Bekenner stellt, indem es von ihm fordert, Gott ähnlich zu werden. Je ferner das Ziel, desto edler das Streben. Indem nun die Religion von den Eigenschaften Gottes spricht, lehrt sie euch alle Tugenden kennen, stellt sie als nachahmenswerth hin und vermittelt euch die Kenntniß von dem Werthe geistiger Güter. Sie schafft euch Ideale, in deren Erstrebung ihr ein neues, vorher kaum geahntes Glück findet. Doch nicht bloß rein empfinden lehrt euch die Religion, sie zeigt auch, wie ihr diesen Empfindungen durch die That Ausdruck geben könnet und sollet. Dem göttlichen Begriff der Tugend stellt sie den menschlichen der Pflicht zur Seite. Die Religion ist es, welche durch die Pflichtenlehre schon in dem Kinde das dunkle Ahnen einer großen sittlichen Weltordnuug erwachen läßt. Nicht nur für sich allein, sondern mit Anderen und auch für Andere zu leben, ist der Mensch berufen; darum ist die Unterweisung die höchste zu nennen, die ihn lehrt, wie er dieses Leben zu gestalten, was er zu thun, was zu meiden habe, damit er sich, seinen Nächsten, der Welt und ihrem Schöpfer gerecht werde. Jahrtausende sind über die Erde dahingezogen, seitdem unserem Volke das kostbare Geschenk der Thora wurde. Mit dem Aufgebote tiefsten Denkens und edelsten Einpfindens haben die großen Geister aller Nationen gestrebt, die Menschheit zu bessern, ihr eine Sittenlehre zu schaffen; aber kein noch so weiser Denker hat es vermocht, die erhabenen Gebote der Thora zu übertreffen. Demüthig haben sie vor ihren Sprüchen sich beugen und bekennen müssen, daß in ihr die Grundlage höchster und reinster Sittlichkeit für alle Zukunft gegeben sei: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" — schon dieses eine Grundgebot der jüdischen Religion, das uns von Gott durch unseren Lehrer Moses im 19. Capitel des dritten Buches verkündet worden, ist ein so erhabenes, so überwältigendes Zeugniß edelsten Menschenthums, daß es genügt hat, um ganze Völker dem Heidenthum zu entreißen. An dieses Gebot der Nächstenliebe, das nach einem Worte des weisen Hillel die ganze jüdische Lehre in sich schließt, knüpfen die zahlreichen Satzungen an. Ihre Fülle ist zu groß, als daß wir alle einzeln hier betrachten könnten; doch die „Heilige Schrift" selbst hat in den zehn Geboten ihren Kern zusammengefaßt. Ihre kurze und eindringliche Sprache ruft uns zu: „Ehret die Eltern! Achtet das Leben und das Eigenthum des Nebenmenschen! Seid keusch! Seid wahrhaftig!" Kennt ihr noch einen Wissenszweig, dessen Lehren diesen an Bedeutung gleichen? Oder meinet ihr wirklich, es sei mehr wcrth, lesen und schreiben zu können, als zu wissen, wie man dem Nächsten zu begegnen habe? Sprache und Schrift, die ihr so hoch achtet, daß ihr nicht früh genug ihre Kenntniß den Kindern einprägen könnt, was sind sie denn Anderes, als die Form, in welcher ihr den Verkehr mit euern Mitmenschen findet: Und während ihr nun die Form so eifrig pflegt, wollt ihr den Inhalt euren Kindern vorenthalten? Doch nicht auf das Verhalten gegen Menschen beschränkt sich die Pflichtenlehre; in ergebenem Aufschauen zum Schöpfer der Welt unterweist sie euch auch in den Pflichten, die ihr gegen Gott zu erfüllen habt. Sie lehrt die Dankbarkeit, eine Pflichtübung, welche ihr am Allerletzten bei den Eurigen werdet vermissen wollen, eine Tugend, welche mehr als alle übrigen geeignet ist, den Gesinnungsadel des Menschen im hellsten Lichte zu zeigen. Sie lehrt die Heiligkeit und mit ihr die große Zahl der religiösen Bräuche. Achtet sie nicht gering, diese Bräuche, betrachtet sie nicht als leere Form! Die Seele suchet kennen zu lernen, die in dieser Form lebt, und die hohe Bedeutung der jüdischen Religionssatzungen wird in ihren kostbaren Wahrheiten sich euch erschließen. Wenn es ein Gut aller Völker geworden ist, daß wir die Reihe von sieben Tagen zu einer Einheit zusammenfassen und sie als Zeitmaß anwenden, wenn heut die gesammte Culturwelt das Gesetz anerkennt, daß auf mühselige Arbeit eine Frist erquickender Ruhe folgen muß, wem verdanken wir dies, als dem jüdischen Religionsgebote von der Heiligung des siebenten Tnges? Die jüdischen Feste, findet ihr sie nicht auch in der Natur als eine Zeit der Ernte, der Freude, der Ruhe wieder? Wollt ihr die Bedeutung des Brachjahres für den Ackerbau, des Jubeljahres für.'den Grundbesitz verkennen? Lehren die Speisegesetze nicht Reinheit und Sorgfalt? Hat nicht die Lebensweise, die in der Befolgung aller dieser Gebote wurzelte, die Körper der jüdischen Stammesgenossen seit Jahrtausenden gestählt und sie widerstandsfähig gegen alle Unbilden der Natur wie des Schicksals gemacht? Empfindet es auch nicht hart, daß der Gebote so viele sind, und daß sie sich mit den Einzelheiten der Lebensweise anscheinend so kleinlich befassen! Je höher die Cultur eines Volkes, einer Gesellschaftsgruppe, eines Einzelnen steigt, um so mehr wächst die Zahl der Pflichten, die er auf sich nimmt. So soll auch hier die Gebundenheit der Lebensart euch um so weiter von der Ungebundenheit trennen, welche die Eigenart der Uncultur ausmacht. (Fortsetzung folgt.)

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