Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-10-13 · Heft 80 (13.10.1890) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 80 (13.10.1890)
Date
1890-10-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448099--30873-2478645
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1449 Am Simchas Thora haben wir's uns gelobt: .-iiir-ri NV «’H »3 minn twn sp’twi Laut jubeln und still freuen wir uns ob dieser Thora, denn sie ist unsere Unüberwindlichkeit und unser Licht. — O, daß wir nicht leer ausgingen von dieser heiligen Freude. O, daß der himmlische Vater Seinem Volke die Geister und Gemüther für diese Wahrheit öffnete und in allen jüdischen Herzen die Sehnsucht weckte, von dem reichen Segen unserer Feste diese Freude an der Thora hinauszunehmen in's Leben, damit wir ohne zu erröthen täglich beten und vertrauensvoll der Gewährung der Bitte entgegensehen dürften: „Wir wollen uns freuen mit den Worten Deiner Thora und Deinen Mizwos immer und ewig, denn sie sind unser Leben und die Dauer unserer Tage und in ihnen wollen wir Tag und Nacht sinnen, so entziehe uns Deine Liebe niemals, gelobt seist Du, Ewiger, der sein Volk Israel liebt." Zur Lage der Juden in Wußland. Wilna, 10. Sept. Der Generalgouverneur von Wilna, (Kachanow), wurde dieser Tage zum General der Artillerie ernannt und die Vertreter der Stadt benutzten die Gelegenheit, um demselben zu gratuliren. Unter Anderen fanden sich auch Vertreter der jüdischen Bevölkerung Wilnas ein. Anstatt nun für diese Aufmerksamkeit zu danken, wie es doch Höflichkeit und gute Sitte erforderten, hielt es der General für paffend, die jüdischen Gratulanten mit einer donnernden Philippika gegen das Judenthum zu überraschen. Kaum hatte die jüdische Deputation ihre Glückwünsche dargebracht, so sprach der General Folgendes: „In allen Städten Europas bemühen sich die Juden, im öffentlichen Leben sich nicht von den übrigen Nationalitäten zu unterscheiden. Bei uns jedoch ist es umgekehrt: der Jude sucht, entgegen allen Bestrebungen der Regierung, seine Eigenart zu bewahren. Ich will schon gar nicht von der allgemeinen jüdischen Zügellosigkeit sprechen: sie ist empörend. Euere Kinder bleiben ohne Aufsicht, sie treiben sich haufenweise auf den Trottoiren und Straßen umher, wo sie Vorübergehende und Fahrende behindern; die erwachseneren Judenkinder verursachen geradezu Tumulte. Endlich ist nirgendwo die häßliche Erscheinung zu beobachten, daß sich sogleich jüdische Massen ansammeln, wenn in irgend einer Sache Juden verwickelt sind. Neugierige gibt es überall, doch sich iu Haufen versammeln und zu handeln, um die Polizei zu hindern und irgend einen jüdischen, auf frischer That ertappten Dieb ihren Händen zu entreißen, den Thatbestand zu verwirren und die Sache zu verdunkeln — ist eine spezielle Eigenthümlichkeit der Juden. Die Fälle in Bjalystok und Wilna in diesem Jahre waren bezeichnend genug. Deßhalb nehmt zur Kenntniß und theilt Euren Glaubensgenossen mit, daß nicht ein einziger solcher Fall ungeahndet bleiben wird. Für jede Verletzung der öffentlichen Ruhe und Ordnung werden die Schuldigen bestraft werden, Ihr seid erwählte, mit dem Vertrauen Euerer Glaubensgenossen ausgestattete Vertreter des jüdischen Glaubens, folglich Personen, die sich in ihren Kreisen eines gewissen Einflusses erfreuen, so könnt Ihr auch einen moralischen Einfluß auf Euere Glaubensgenossen ausüben, um mit vereinten Kräften eine allgemeine Ordnung, zum Wohle des Ganzen, in der Stadt einzuführen." Man kann sich denken, wie den jüdischen Deputirten beim Anhören dieser Philippika zu Muthe war. Daß Gesetzlosigkeiten, Störung der öffentlichen Ruhe nicht straflos ausgehen sollen und dürfen — versteht sich von selbst. Wozu also diese Drohungen und Beschimpfung einer nach vielen Zehntausenden zählenden Bevölkerung, die verantwortlich gemacht wird für die Ausschreitungen einiger einzelnen Personen aus ihrer Mitte. Ist denn der Generalgouverneur nicht mit genügender Machtvollkommenheit ausgestattet, Ruhestörer zu strafen, daß er sich gezwungen sieht, eine ganze Bevölkerung zu beschimpfen und anzuklagend Wenn der neuernannte General der Artillerie behauptet, daß „entgegen allen Bestrebungen der Regierung der Jude bestrebt ist, seine Eigenart zu bewahren", so stimmt das mit der. Wahrheit nicht überein. Die meisten Maßregeln der Regierung, theils bereits ausgeführt, theils noch geplant, sind wahrhaftig nicht dazu angethan, die Eigenart der Juden zu entfernen. Im Gegentheil, man sucht eine Verschmelzung der jüdischen und russischen Bevölkerung nach Kräften zu verhindern. Man verschließt den Juden die Schulen und Universitäten und klagt dann über ihren Mangel an Bildung und über ihre Leidenschaft zum Schachern. Gewerbe und Handel werden den Juden erschwert, fast ganz unmöglich gemacht und daun macht man ihnen ihre Armuth zum Vorwurf, die durch Faulheit bedingt sein soll. Man gestattet ihnen, weder Land zu erwerben, noch zu pachten und tadelt sie dann, daß sie sich nicht mit Ackerbau beschäftigen wollen. Die neueste Rede des Generals Kachanow wird die Lage der Jude in Rußland noch mehr verschlimmern. Indem man dieser Ansprache von hier aus durch den offiziösen.Telegraphen die größtmögliche Verbreitung gegeben hat, wollte man offenbar die Juden noch mehr in der öffentlichen Meinung herabsetzen und die neuen zu erwartenden drakonischen Maßregeln als begründet hinstellen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.