Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 80 (13.10.1890)
- Date
- 1890-10-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1448 ganz besonderen Fürsorge sind, daß keine Menschenseele verkümmert und keine aufblüht, deren Schicksal nicht in diesen Tagen von Gott bestimmt und vorgezeichnet wurde, das muß uns zum unverlierbaren Bewußtsein, bis zur vollen Ueberzeugung klar geworden sein, wenn wir nicht leer ausgegangen sein wollen von allem dem, was die heiligen Feste an der Schwelle des Jahres uns in so reicher Fülle brachten. Zittern wir Angesichts der rauhen Wintertage für die leibliche Gesundheit unserer Kleinen, fühlen wir uns den Unbilden der Witterung und allen unberechenbaren Einflüssen gegenüber in unserer ganzen Ohnmacht, was könnten wir dann besseres thun, als die Pfänder unserer Liebe Gottes liebender Allmacht zu unterstellen und Seinen mächtigen Schutz für sie zu erflehen. Könnten wir aber wirklich Gottes Schutz für unsere Kinder erbitten, wenn wir sie nicht auch gleichzeitig dem Willen Gottes, Seinem Wort und Seinem Gesetze zuführen? Wenn wir in Wahrheit nicht leer ausgehen, wenn wir von den Vorsätzen und Entschlüssen, welche die Festtage bei uns gereift, wirklich die bedeutsamsten ihrer Verwirklicknmg entgegenbringen möchten, so müßte sich diese Wendung zum Bessern in allererster Reihe bei der Erziehung unserer Kinder vollziehen. S i e müßten wir rückhaltlos der Thora wieder zuführen, hier müßte der erste Knoten geschürzt werden in dem Bande, das uns mit Gott und unserer großen Vergangenheit verbindet. Viel und schwer ist seit Jahrzehnten in dieser Richtung bei uns gesündigt worden, so daß eine Generation heranwächst, die in allem Wissen und Können erfahren und bewandert, aber in ihrem eigensten, heimischen Geistesschatz vollständig unwissend dasteht. Unseren Kindern das Wort Gottes, das Gesetz ihres Lebens nicht länger vorenthalten, ihnen die Lust und Liebe für seine Aneignung zu wecken, ihnen selbst darin mit wackerem Beispiele voranzugehen, sie einzuführen in das jüdische Pflichtenleben, und die Freude treuer Pflichterfüllung, Simcha schel Mizwah, wieder lebendig bet ihnen zu machen, das wäre die Pflicht ihrer Aufgabe sich bewußter Eltern, die nicht leer ausgehen, die den Segen unserer Festtage mit hinaus in's Leben retten möchten. Die winterliche Zeit, welche uns mehr als jede andere auf Gottes Schutz hinweist, weist uns auch mehr an das Haus und die Familie, vor allem an die Kinder. Die langen Winterabende ihnen widmen, statt sie zu vertändeln, den innigeren Verkehr zur Erziehung unserer Kinder und zur eigenen Fortbildung zu benützen, das wäre ein solcher Entschluß, zu dessen Ausführung die augenblickliche Gegenwart mahnt. Wenn die Möglichkeit, für ein bescheidenes Leben die Mittel zu erschwingen, von Tag zu Tag schwerer wird, und wir bange zu Gott nach Hilfe ausschauen, so ist es doppelte Pflicht, unser ganzes Erwerbsleben so voll und ganz Ihm unterzustellen, wie wir unser leibliches Wohl und Wehe unter Seiner fürsorgenden Allmacht wissen. Und wenn auch alle in dieser Jagd nach den Mitteln des Lebens, das Leben selbst, das reine, makellose, charactervolle Leben und Streben preisgäben und von der List und Schlauheit, von der Rücksichtslosigkeit und Verschlagenheit, Hilfe und Wohlstand erwarteten, der auf Gott gerichtete Blick des treuen Israeliten müßte ihn zurückschrecken lassen von allen Mitteln und Mittelchen, die derjenige verabscheut, welcher gesprochen: „Der Ueberrest Israels darf kein Unrecht thun!" — Durch die treue Heilighaltung seines Sabbat müßte es jeder wackere Jude in dieser Zeit bekunden, er lege sein Geschäft, seinen Erwerb, die Sorge für den Unterhalt seiner Familie zu Füßen desjenigen, der uns in der Wüste vierzig Jahre in Hütten wohnen, und unser tägliches Brod uns auf so wunderbare Weise finden ließ. Diese Ueberzeugung hat unser Hüttenfest bei uns beleben wollen, und was Hütten wir für unser Leben einen unermeßlichen Reichthum gewonnen, wenn wir diese Wahrheit aus unseren Hütten mit hinaus in unser tägliches Schaffen und Wirken nehmen! Selbst die Wolken, die sich an unserem Horizont finster ballen, könnten uns das Vertrauen nicht rauben auf Denjenigen, dessen Sterne an dem Feste unserer Freude durch unser Laubdach glänzten. Und wenn selbst unsere Hütten stürzten und die Blüthen und Früchte unseren Händen entfielen, die Freude mit der Thora, Simchas Thora, bliebe uns, und würde sich in ihrer ganzen Seligkeit erst bewähren, wenn sie uns Hütte und Früchte, Hab und Gut, Heim und Blut zu ersetzen wüßte. — So aber steht Simchas Thora nur in den Kalendern, lebt aber nicht in den Herzen, und es beschränkt sich auf eine eintägige Feier, was das ganze Leben ausfüllen sollte. Deßhalb läßt die sinnige jüdische Sitte am Simchas Thora die Thora schließen und sofort wieder von neuem beginnen, um dieses Beispiel für das Leben aufzugreifen und zu beherzigen. Als am Simchas Thora alle Thora-Rollen der heiligen Lade entnommen waren, zündete dieselbe Sitte in der ihres Inhalts entleerten heiligen Lade ein Licht an und ließ damit die Wahrheit in alle jüdischen Kreise leuchten: Der Hechel bleibt dunkel, so lange er die Thora in sich schließt, denn so lange erfüllt er seinen Zweck nicht. Wenn aber die Thora in's Volk tritt und von ihm getragen und hochgehalten wird, dann erst steht die heilige Lade in ihrem wahren Lichtglanze da.