Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 75 (22.9.1890)
- Date
- 1890-09-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448096--30768-2478561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXI. Jahrgang. Beilage M M 75 des „Israelit & 3tfd)urun“ Leitender Artikel. Eine dunkle Pistnonstelle, exegetisch und litter arhistorisch beleuchtet von Alexander Fischer. Eisenstadt, im Elul. Der siebente Vers im Pismon des polnischen Ritus vom fünften Selichottage hat den Auslegern Veranlassung zu vielem Nachdenken gegeben. Was soll der Sinn des räthselhaften Schlußsatzes „mnNinN nra (’Ni jy^zi ninanxa" fein? — Die Bemühungen der verschiedenen, mir zugänglichen Commcntare haben nur so manche Deutung, keine Verdeutlichung zu Tage gefördert. S. Hannover erblickt in mmnsn nirwi ns „Feuersgluth und Dürre" als symbolische Ausdrücke für „Sünden und Leiden." Der Zusammenhang bleibt aber trotz dieser Erklärung nach wie vor unklar, unverständlich. S. Kohen gesteht in seiner Bemerkung zu mnynsn rvnxi nx ehrlich : D'm&ön 'tms u6:m wt iwxd vb. Die Erklärung, die ihm am meisten einleuchtct, ist die des Chacham Jsaac Bernays derzufolge unter Hinweis ans Jerem. 22, 18, •*nn H nso» uh mriN 'i.n ’n« unsere Stelle das exilirte Israel sprechen ließe: „Selbst die Klarheit der Muttersprache (mnsr») hat die Diaspora mtr getrübt, ihres Verständnisses mich beraubt, und der sonst landläufige, zu Gcmüthc dringende, allerwärts begriffene und beherzigte Klageruf um Bruder und Schwester (mnx-. nx), er verhallt jetzt wirkungslos, als ertönte er in fremder, unverständlicher Sprache" (nra r«i jyVa). So ansprechend indessen diese Erklärung auch auf den ersten Blick erscheinen möge, bei näherem Zusehen wird man auch bei dieser einiger Bedenken sich kaum erwehren können. Denn der Klageruf „ninx »mi *nx wurde blos bei Traucrfeicrlichkeiten angestimmt, das Pismon aber ist ein Geber, das nur zur Andacht, keineswegs jedoch elegisch stimmen soll, und es ist nicht einzusehen, was den Pajtan veranlaßt haben sollte, im Nahmen der Ninna auch der Ktuna eine Stätte anzuweiscn. Ich möchte nun folgende Erklärung der Erwägung cmpfchlcn. Zunächst ist die correcte Lcseart scstzustellcn. Einige Editionen haben ronsnsi, andere rvmnso. Letztere Lesart halte ich für die richtige. Sodann ist einige Aufmerksamkeit auf die anderen Verse erforderlich, um den Pfad zu finden, der auch zum Verständnisse des in Rede stehenden Verses führt. Dem Pismon ist Psalm 139 zu Grunde gelegt. Diesem immer neue Redewendungen entlehnend, entrollt dasselbe in jedem einzelnen Verse ein und dasselbe Gedankenbild, wie nämlich Israel, vor dem göttlichen, im Heimathlande hereingebrochenen Strafgerichte fliehend, alsbald zur Erkenntniß komme, daß es vor Gottes Allmacht und Allgegenwart kein Entrinnen gebe, wie es, gottentfremdet, umherirrt, ohne daß irgendwo ein Schutz und Ruhe gewährendes Asyl sich ihm öffnete, wie erst die Leiden und Widerwärtigkeiten der Diaspora es auf den rechten Weg lenken, die durch die früheren Irrungen gestörte Gemeinschaft mit seinem Gotte wiederherstellen, den es nun mit dem den Refrain jedes Verses bildenden Bittrnf „nriNn unyia6 'n!" anruft, und der es auch erhört. So tönt es aus den Sätzen des zweiten Verses *): „Wohin soll ich gehen vor Deinem Geiste, wohin fliehen vor Deinem Angesichte? — Ich sehe ein: es gibt keine Zuflucht, mim myo nxs>, iit einem Winkel des Westens ebenso wenig, wie in solchem des Ostens, (das will sagen: Weder im heimathlichen Orient, noch im fremdländischen Occideni). allerwärts zieht es immer wieder zu Dir mich hin, gleichviel, mno *ijd, ob ich ein Fremder, ov ein Eingeborener, ob in der Diaspora, ob noch im Heimathlande ich lebe." Die folgenden Verse (3—6) lassen selbst im Himmel2), in der Höllejenseits des Occans^), im Dunkel der Nacht an kein Entrinnen vor Gott denken, wie auch Jona, der Schlummernde im Schiffraume 5), nicht vor Gott 1) Vgl. Ps. 139. 7.— 2) ibid. 8.-3) ibid. 9. — 4) ibid. 11. 5) rtf’SDn TOTD DTU 'ED. Vgl. Midr. Jalkttt: nji’t^Dm 7:e:e innc rux yni nox n:nn ’you 'Dl D’C&y pDX DX rrON. Die Phrase 2TU *]1ETD" scheint dem die bedrohliche Situation Jonas' darstellenden Glcichniß des Midrasch entlehnt zu sein, wie wenn der König seine Schergen entsendet, um den Flüchtling zu ergreifen und ihn gefesselt an einen Ort der Schlangen und Skorpionen zu bringen. „E"I7I" durste sonach „In Stücke haurn" bedeuten, wie Dan. 2, 5; 3, 29, und sind die Sätze 'Dl *pnBD DED "1DD zu übersetzen: Mein Inneres schaudert vor Schrecken, als drohte mir Schlangenbiß, und ob der Zerstückelung, wie sie jenem Schlummernden im Schissraume gedroht. Damit ist die Schwierigkeit beseitigt, nut welcher alle jene Ausleger sich abznfinden haben, die in enn „Blut" vermeinen und dcßhalb sich genöthigt sehen, „byV nicht als Präposition, sondern als Apokope für „nbyr auszufassen, eine Definition, deren grammatische Zulässigkeit biblisch nicht zu belegen, da die Apokope ^y sich nur als Substantiv, wie Hosea 11, 7 und als Adverb wie 2 Sam. 23, 1, nicht aber als Verbum findet.