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Der Israelit · 1890-09-22 · Heft 75 (22.9.1890) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 75 (22.9.1890)
Date
1890-09-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1380 sie zum letztenmale die Hände segnend auf sein Haupt und die Häupter der Geschwister legte und dann verschied. Er sah sie dann hinaustragen in dem schmucklosen Sarge und in die Erde senken. Er sah sich an ihrem Grabe stehen, so schmerzersüllt, so trostlos, als habe seine Seele damals schon geahnt, daß mit der geliebten Todten ein Theil seines Lebensglückes mit in das Grab gelegt werde. Dann sah er die trüben Tage, in welchem der aus dem Amte geschiedene Vater von Tag zu Tag verbitterter und zänkischer wurde, und die einzigen frohen Stunden der Kinder nur noch auf den Freitag Abend beschränkt waren, wenn der Vater bei dem von ihm und ihnen gemeinschaftlich ausgeführten Gesänge seiner Compositionen in heitere Stimmung gerieth. Dann sah er sich ohne alles Verschulden durch die Ränke eines schlechten Bruders vom Vater verstoßen und aus dem Hause gejagt, und er war gegangen mit dem festen Entschlüsse der Nimmerwiederkehr! Hier gebot er dem vor seinem Geiste vorbeiziehenden Erinnerungsbildern Plötzlich halt. Ec war über sich selbst stutzig geworden. Bei dem letzten Bilde hatte er nichts von dem Zorne und der Erbitterung empfunden, die sonst mit dieser Erinnerung, und wenn sie sich auch noch so leise in ihm hervorgewagt hatte, stets verknüpft waren. Sein Herz war in diesem Augenblicke viel zu weich für solche harte Gesellen; dafür aber schlich aus demselben sehr vorsichtig eine Carlisle fast ganz fremd gewordene Gestalt, das Gewissen, hervor und berührte mit leisem Finger seine Stirn. Er schrack zusammen und versank auf's neue in Sinnen, obgleich der Gesang Meseritzer's längst verklungen und nur der halbsingende Gebetsvortrag Meixner's noch zu vernehmen war. Er merkte dieses nicht, sondern überließ sich dem neuen Sinnen in gedanklichem Selbstgespräche. „Und der Vater war alt," sagte er sich, „und war irre geführt und hiutergangen von seinem zweiten Sohne, vielleicht hat er später seinen Jrrthum erkannt und sein hartes Verfahren bereut, und er hat sich zurückgesehnt nach mir, um das mir angethane Unrecht wieder gut zu machen, vielleicht bedurfte er auch meiner Stütze; ich aber war hart und wollte nicht verzeihen und habe ihn ohne Nachricht von mir gelassen! Vielleicht lebt er noch und sein Herz ist voll Schmerz und Kummer durch meine Schuld! Und er ist doch mein Vater! Vielleicht ist er schon gestorben und sein brechendes Auge hat sich kurz vor seinem Dahinschciden noch sehnsuchtsvoll mnge)'d)aut, ob denn sein ältester Sohn nicht gekommen und an sein Bett getreten sei, damit er ihm die zitternden Hände noch einmal zum Segen ans sein Haupt lege, zum Ersätze dafür, daß er ihn bei seinem Weggange nicht gesegnet hat. Eine Nachricht von mir hätte ihm doch wenigstens die Sterbestunde erleichtern können! Und ich war hart und habe ihm nicht geschrieben und ihm nicht verzeihen wollen! Und er war doch mein Vater!" So dachte ersetzt und Alles dieses ging ihm mit Blitzesschnelle durch die Seele. Unter seinen Händen quoll ein reicher Thränenstrom hervor. Aller Augen blick'.en erstaunt nach sihm hin. Es liegt eine geheime, magische Kraft im menschlichen Blicke. Man fühlt es durch die dichteste Gesichtsverhüllung, wenn ein Mensch unverwandt anhaltend seinen Blick auf uns richtet und wird beunruhigt. Ein Schlafender erwacht, wenn ihm Jemand unverwandt in's Angesicht sieht. Auch Carlisle schien hiervon etwas zu empfinden; denn er stand plötzlich auf und verließ den Speisesaal, lange bevor das Tischgebet zu Ende war. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens S Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch Len DuchhanLei ju bestehen bet E. F. Steinacker, Leipstg, Doßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., sür'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco rinznjenben. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Der Gegensatz in den Gemeinden. — Zur Lage der Inden in Rußland. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Leipzig. Vom Rhein. Zweidrücken. Bruchsal. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Großwardein. Oroshaza. — Rußland: Tiflis.— Feuilleton: Eine bekannte Melodie. Inhalt der Beilage; Leitender Artikel: Eiue dunkle Pismonstelle. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Schlettstadt. — Rußland; Odessa: Inhalt der belletristische« Beilage: Gofrith womelach. — Verschiedenes. Inhalt der Extra-Beilagen: Spenden-Verzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.—Expedition des „Israelit" u. „Ieschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu vier Beilagen.

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