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Der Israelit · 1890-09-22 · Heft 75 (22.9.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 75 (22.9.1890)
Date
1890-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1379 diesem Amte zwar kein Einkommen irgend welcher Art verbunden, zuweilen sogar viel Müde und Arbeit; aber es ist doch ein Ehrenamt, und für einen ehrgeizigen Menschen ist es ein süßes Bewußtsein, in einer größeren Gemeinschaft als der Erste betrachtet zu werden und zu gelten. Er wußte jetzt, daß bei Anspruch auf Wiederwahl er Meixner mit in Rechnung zu bringen haben wird. Er suchte sich daher demselben bei jeder Gelegenheit zu nähern und sich freundschaftlich zu ihm zu stellen. Meixner verhielt sich in dieser Hinsicht durchaus nicht abweisend. Er hatte die Mescritzer'sche Angelegenheit, Kirschuer gegenüber, durchaus nicht persönlich, sondern nur rein sachlich aufgefaßt; nur die Erregung des Augenblickes war es, die ihm bei der Bcrhandlung einige scharfe Ausdrücke iu den Mund gelegt hatte. Heute, in der Ehewraversammlung, dem Schlachtfelde, auf dem er seine Niederlage erlitten hatte, wollte Kirschuer dem Meixner eine besondere Ehre erzeigen, um ihm dadurch einen Beweis seiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben. Er hoffte, daß Meixner aus Erkenntlichkeit ihm dafür nicht nur bei der Gemeindevorstandswahl nicht entgegenarbeiten, sondern sogar für ihn thätig sein werde. Es ist bei solchen Festlichkeiten nämlich üblich, daß nach beendigter Mahlzeit das „N'worcch-lelohcnu- Bcnschen", das heißt: Das Vortragen des Tischgebets nach einer Mahlzeit, an welcher mindestens zehn religiösmündige, männliche Personen theilgcnommcn haben, zürn Besten eines wohlthätigen Zweckes unter den Tischgästen versteigert wird, wenigstens ist dies in Amerika allgemeiner Brauch. Es wird dortselbst auch dadurch oft ein sehr nennensweriher Betrag erzielt. Wer das ersteigert, thut dies gewöhnlich in der Absicht, einen Andern mit dem Bortrage des Tischgebetes zu beehren, was für eine große Auszeichnung gilt. Diescsmal war Ferdinand Kirschncr der Höchstbictende und erstand dieses Vorrecht für den bei den Chewramahlzeitcn noch nie erzielten Preis von sechsundncunzig Dollars. Als der Zuschlag erfolgt war, erhob sich Kirschuer und rief Meixner zu: „Herr Meixner! ich erlaube mir, Sie mit dem „N'worechlelohenu-Benschcn" zu beehren." Das war eine Wahlbestechung, die nicht unter das Strafgesetz fällt! Meixner war ganz überrascht und sagte, sich erhebend: „Herr Kirschuer! ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für die Ehre, die Sic mir erweisen; ich weiß wahrlich nicht, wodurch ich mich derselben würdig gemacht hätte." „Würdig gemacht V‘ crwiedcrtc Kirschncr. „Wenn Sie es nicht wissen, weiß ich es und wissen es die sämmtlichen Chewramitglieder. Ehre, dem Ehre gebührt!" Meixner erhob sich abermals und sagte: „Meine Herren! Wir haben eine „S'ude schel Mizwah" abgehalten, das heißt, eine Mahlzeit, deren Grund ein religiöser ist, bei einer solchen ist es üblich, vor dem Tischgebete den 126. Psalm zu singen; da ich aber nicht singen kann, so.erlauben Sie wohl, daß ich unseren Herrn Sekretär, den geehrten Herrn Meseritzer, welcher ein vorzüglicher Sänger ist, ersuche, den „Schir hammalans" statt meiner zu singen!" Alle riefen: „Ja, ja, gewiß!" Bei der Erwähnung Meseritzer's stieg Ferdinand Kirschuer das Blut zu Kopf. Er sprang in heftiger Zornesanwandelung in die Höhe und war im Begriffe, etwas zu sagen, da fiel ihm aber plötzlich die Gemeindewahl ein, an die er in diesem Augenblicke nicht gedacht hatte, und er setzte sich schnell wieder nieder, ohne einen Laut von sich zu geben. Meixner hatte dieses bemerkt und fragte ihn: „Herr Kirschncr! Wollten Sie etwas sagen?" „Nein, nein, nichts, gar nichts! Nur zu!" antwortete dieser. Meixner ersuchte Meseritzer, den „Schir hammaalaus" statt seiner zu fingen, welchem Wunsche dieser auch alsbald nachkam. Alle rückten überrascht, wie auf Eommando, die Köpfe in die Hohe, als Mcsrritzer zu singen begann. Sie horchten erstaunt und mit Entzücken auf diese herrliche Stimme und auf diese wunderbar schöne Melodie. Einen ganz eigenthümlichen Eindruck machte dieser Gesang aber auf Earlisle. Als die ersten Töne erschollen, zuckte er erschrocken heftig zusammen und sein Gesicht überzog sich mit Todesblässe. Er bog sich vor und sah Meseritzer mit weitaufgerifsenen Augen unverwandt tu’3 Angesicht, bis er fühlte, daß seine Augen sich mit Thränen füllten. Da stützte er seine beiden Ellbogen auf den Tisch und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und blieb regungslos so sitzen. Der Gesang Meseritzer's hatte plötzlich alte Erinnerungen in ihm wach gerufen. Eine von ihm längst in das Reich der Vergessenheit gesenkte und mit aller Anstrengung dort festgebannte Welt war ganz unerwartet in seinem Innern zur Auferstehung gelangt und zog langsam vor seinem geistigen Auge vorüber. Er sah sich als Kind im Hause seiner Eltern, von deren Liebe und Sorgfalt umgeben; er sah die hehre Gestalt seiner Mutter, die mit frommen Sinne über die Erziehung der Kinder wachte und auf ihre Bildung bedacht war; er sah sich zum Jünglinge heranreifen, durch das treue Mutterauge vor jedem Fehltritte bewahrt und vom strengen, aber gutmeinenden Vater zur Frömmigkeit geleitet. Dann sah er seine Mutter auf dem Krankenbette liegen, wie

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