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Der Israelit · 1890-09-22 · Heft 75 (22.9.1890) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 75 (22.9.1890)
Date
1890-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1376 lande gegen uns gerichtete feindliche Bewegung. Dieselbe hat das eingeschlummerte jüdische Bewußtsein wieder geweckt und gekräftigt und reinigend und läuternd nach verschiedenen Richtungen gewirkt. Auch schlechte Werkzeuge fertigen oft gutes' und brauchbares. Die Erreger und Führer dieser judenfcindlichen Bewegung sannen ans unser Verderben, aber Gott wird es zu unserem Heil sein lassen. orwi nmc1? n“t£n njn Dratwi „Ihr habt cs böse gemeint, Gott aber gut (I. B. M., 50, 20)." Makellose Lebensführung, sittliche Veredlung werden feindlicher Rede und That stets am wirksamsten begegnen. Aber auch manche Aeußerlichkeiteu, welche geeignet sind, uns verächtlich erscheinen zu lassen und uns gar oft Spott und Hohn znziehen, müssen weichen, damit wir auch hierin vor Gott und Menschen rein und tadellos erscheinen. Ich meine besonders die mannigfachen Mißbräuche, welche wir uns in unserer Umgangssprache zu Schulden kommen lassen. Indem wir in meist unrichtiger und geschmackloser Form die Sprache der heiligen Schrift und unsere Landessprache durcheinandcrmengen, versündigen wir uns in gleicher Weise an dem Geiste dieser Sprachen, an unserer und unserer Religion Würde und an den Geboten des Anstandes und der Schicklichkeit. Die Sprache ist das Kleid des Gedankens. So aber ein Mensch sich hüllen würde in Kleidungsstücke, welche verschiedene Nationaltrachten oder Geschmackrichtungen angehören —, würde er da nicht dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Und nnv wollten dasselbe mit der Einkleidung unserer Gedanken thun und uns dadurch versündigen an uns selbst und zugleich an der Reinheit und dem Wohllaut der deutschen und an der Keuschheit und einfachen Hoheit der hebräischen Sprache! Man ist jetzt mehr denn früher bestrebt, den Besitzstand der deutschen Sprache zu wahren und zu mehren und gerade wir sollten diesen Bestrebungen nicht auch eutgegenkommen. indem wir einer reinen Sprache uns befleißen? Die Zeiten und Verhältnisse, unter welchen unser Sprachgemengscl entstand, sind Gottlob vorüber, und darum wollen wir auch unserer Zeit hierin den schuldigen Tribut nicht länger vorenthalten und nur deutsch sprechen. Und wenn wir noch das hebräische rein und richtig sprächen! So aber wie wir diese Sprache, die uns doch so heilig sein sollte, sprechen, verzerren und verrenken wir dieselbe in so geschmackloser und gesetzwidriger Weise, daß der unkundige Hörer nur ein abfälliges Urtheil über sie fällen kann. Die Sprache, in der uns unsere höchsten Religionslchrcn offenbart wurden, in der wir zu Gott beten, mißbrauchen wir zu häßlichen, unangemessenen Ausdrücken; die Sprache der Thora wird zum Dolmetsch niedriger Denkweise, zur Magd der Märkte. Und welchen Eindruck muß es auf Unkundige machen, wenn wir in ihrer Gegenwart und Gesellschaft Ausdrücke gebrauchen, die ihnen unverständlich sind? Werden sie sich nicht von uns abgestoßen fühlen und daraus ein Recht herlciteu, uns als Fremde zu betrachten und von ihrer Gesellschaft auszuschließen? Es ist ein Zeichen mangelnden Schicklichkeitsgefühls, wenn wir als Deutsche unter Deutschen nicht reindcutsch reden. sondern unsere Gedanken zu verhüllen trachten. Wahre Duldung besteht in der Anerkennung auch der Ungleich - heiten, so dieselben berechtigt sind. Niemand aber wird behaupten wollen, daß d icse Ungleichheit ein Recht auf Duldung habe. Darum laßt uns dieses Erbstück früherer uns auferlegten Abgeschlossenheit ablegen eingedenk der talmudischen Mahnung: „Immer befleiße sich der Mensch einer reinen Sprache!" Bruchsal, 18. September. Anläßlich seines 5Ojährigen Lehrerjubiläum erhielt Herr Hauptlehrer Marx von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog von Baden die goldene Verdienstmedaille. Herr Marx ist ein sehr religiöser Mann und allgemein beliebt. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien. Der Doktorand der Medizin Mathias Kraknz und der Hörer des Thierarznei-Jnstituts Karl Boswnld einerseits, der Polier Wilhelm Sikora andererseits stehen zwar auf sehr verschiedener Bildungsstufe, doch Eins hält sie zusammen und ist der Kitt ihrer innigen Freundschaft: die größte Errungenschaft des XIX. Jahrhundert, genannt — Antisemitismus. Ihr Bündniß zeigte sich am Abende des 17. August l. I. Zu dieser Zeit kehrten die beiden hiesigen Advokaten Dr. Max Ornstein und Dr. Ferdinand Brüll vom Sängerfeste ans dem Prater heim. Als sie die Ecke der Salzthorgasse passirtcn, kamen sie an drei jungen Leuten vorüber, von denen Einer ansrief: „Der tragt eilt' Trumm Zwicker, er is gewiß ein Trumm Jud!" Die beiden Advokaten ignorirten diese freche Ansprache und wollten wcitergehen. Da stellte sich ihnen dasselbe Mitglied des Bundes in den Weg, trat dicht an Dr. Brüll heran und wiederholte den unverschämten Zuruf. Dr. Brüll gab ihm zur Antwort, es sei Gott sei Dank in Wien noch nicht so weit gekommen, daß man sich von Antisemiten Derartiges gefallen lassen müsse. Auf das hin versetzte ihm Jener einen Fanslschlag ins Gesicht, so daß dem Advokat Hut und Zwicker zu Boden fiel. Letzterer hielt den Attentäter fest, während Dr. Ornstein einen Wachmann herbeibrachte. Dieser kam gerade dazu, als der Exzedent dem Dr. Brüll neuerlich einen Schlag versetzte. Er nahm ihn -fest und cskortirte ihn zum Polizeikommissariate; seine beiden Freunde und Gesinnungsgenossen folgten. Es wurde festgestcllt, daß der Arrettrte Wil-

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