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Der Israelit · 1890-09-22 · Heft 75 (22.9.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 75 (22.9.1890)
Date
1890-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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pfen sich untersteht, der bekundet damit, daß er weder befähigt noch berechtigt ist, in einer so ernsten und heiligen Angelegenheit, wie die Gestaltung eines religiöscns Gemeinwesens das Wort zu führen. Wenn die Reform nicht von Anbeginn an den frevelhaften Plan verfolgt hätte, das Judenthum zu vernichten und sich an dessen Stelle als den geoffenbarten Willen Gottes zu setzen, wenn sie ehrlich und redlich auf den Plan getreten wäre und erklärt hätte, daß sie die Negation des Judenthums sei, sich von ihm lossage und alle Gesinnungsgenossen zur Gründung einer neuen religiösen Gemeinschaft auffordere, dann würde der Judenheit der leidenschaftliche Kampf und der Welt das widrige Schauspiel erspart worden sein, daß die gesetzestreuen Brüder von den eigenen irrenden oder frevelnden Stammesgcnossen verfolgt und in ihren heiligsten Rechten gekränkt werden. Es würde damit allerdings der Reform die Aufgabe erwachsen sein, sich nicht nur in öder Negation des Jndenthums zu bewähren, sondern ihre Existenzfähigkeit in der Schöpfung eigener Institutionen zu dokumentiren. Sie hat dieses unterlassen, weil sie sich ihrer Impotenz bewußt war und sie hißt heute, nach fünfzigjährigem erbitterten Kampf, die Fahne des Friedens und der gegenseitigen Verständigung nur dehhalb auf, weil sie ihr Ende herannahen sieht, weil sie bereits ihre Gläubigen an den Rand des Abgrunds, des vollendeten Nihilismus geführt hat. Sie muß heute bei der Orthodoxie betteln gehen, sie kann die freventlich occnpirte Herrschaft nur behaupten, wenn die Orthodoxie ihr Heeresfolge leistet — und dazu sollte sich diese bereit finden lassen? Selbst wenn cs sich nicht um das Heiligthnm der Menschheit handeln würde, um den hehren Priesterdienst Israels, selbst wenn es die profansten Interessen wären, für welche jener lange Vertheidigungskampf geführt werden mußte, selbst dann würde cs ein wahnsinniges Sich-Selbst-Preisgebeu sein, wollte die Orthodoxie dem Lockrufe der Reform Gehör schenken und durch deren Anerkennung als gleichberechtigtes Neligionsprinzip die Wahrheit des eigenen Bekenntnisses trüben. Die Stimme des Friedens, welche von dorther herüberschallt, ist nicht die Stimme des wahrhaftigen, aufrichtigen Friedens. Wer den Frieden crnsttichst will, kann ihn nicht auf den iunern Zwiespalt gründen. Hat die Reform von der eigenen Wahrheit und Kraft ihrer religiösen Anschauung keine zu geringe Meinung, so wage sic den Versuch sich auf eigene Füßen zu stellen, so gründe sic eigene Gemeinschaften für den Ausbau ihres religiösen Bekenntnisses und gebe gleichzeitig redlichen Sinnes die Orthodoxie frei, wo sie dieselbe wider alles Recht und gegen jegliche Billigkeit und deren altererbten Besitz vertrieben und unterdrückt hat. Dann möge sie friedlich und ungestört ihre Kraft entfalten, sie kann das umso besser, je weniger widerstrebende Elemente in ihrem Gemeindewesen vorhanden sind. Will man dieses „Entzweischneiden des Tischtuchs" nennen, immerhin; wir erkennen darin lediglich eine friedliche und gerechte Auseinandersetzung. Die Reform wendet sich von dem Judcnthum ab, sie wandle ihre sich selbst gezogene Bahn, aber sie kreuze nicht die Pfade des alten Judenthums, sie beeinträchtige nicht deren Rechte, sie usurpire nicht einen Namen uud Besitzstand, der ihr nicht gebührt' Mit einer solchen vernunftgemäßen Auseinandersetzung würde der Frieden, wo er zwischen den Menschen geliebt ist, auch wiederkehren. Denn in Wirklichkeit hat lediglich die unnatürliche Verbindungzweier disparater Gegensätze zu einem einzigen Religionswesen und die Herrschsucht der Reform jenen Unfrieden erzeugt. Die Orthodoxie erblickt in der Masse der zeitgenössischen abgcfallenen Brüder nicht bcwußtvoll frevelnde Abtrünnige und hegt keinen Haß und keine Feindschaft gegen sie. Das Prinzip der Reform ist allerdings die vollendetste Apostasie, aber die Meisten der ihm Anhängendcn sind bcthörte Unwissende gleich dem nattw pm^n n^jn pa. Sie beklagt deren Jrrthum und Fehl und beherzigt die Lehre, welche die Weisen an das rmVn des mop geknüpft: miwyn itund ljoy irrya bp .nny vjdj rrrw 'yens dn Wir können in Frieden und Liebe mit den irrenden Brüdern leben, mit der Reform aber niemals ein einheitliches Rcligiouswesen bilden. Zur Lage der Juden in Nußland. Wie der Odcssaer Korrespondent des Londoner „Jewish World" mittheilt, hat Herr Raffalowitsch, der Ehef eines der ersten Geschäftshäuser von Odessa, ans Petersburg eine „vertrauliche Mitthcilung" erhalten , nach welcher das neue projcktirte Gesetz gegen die Inden anfgegcbcn sei oder anfgegcbcn werden soll. Die Quelle, ans welcher diese Mittheilnng stamme, fügt der Korrespondent hinzu, sei authentisch und bis zu einem gewissen Grade autoritativ, allein leider sprächen alle übrigen, aus amtlichen russischen Quellen fließenden Nachrichten dagegen, daß das Gesetz, welches am 1. Octobcr dieses Jahres veröffentlicht werden sollte, aufgegeben werde. Im Uebrigen sei cs besser, wenn die russischen Juden den Kampf mit ihren Unterdrückern allein auSfechten, denn jede Hilfe von Außen erbittere letztere. Die Regierung wisse, daß wenn man die Juden in Masse aus Rußland auswcise, Rußlands Handel schwer geschädigt würde. Die

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