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Der Israelit · 1890-09-18 · Heft 74 (18.9.1890) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 74 (18.9.1890)
Date
1890-09-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1356 und dieses Bekenntnis unserer Sünoen ist der erste, unerläßliche Schritt für den Weg, welcher uns wieder unserem himmlischen Vater zuführt. Das Sündenbekenntniß am Versöhnnngstage bildet daher den Mittelpunkt alles dessen, was sich vom Abend bis zum Aaend aus dem bewegten Herzen über die bebenden Lippen ringt. Sechsmal lassen es die Ordner unserer Gebete wiederkehren. Ja schon vor dem Beginne des Versöhnungstages, am Nüsttage desselben Ijaben fie es beut Minchagebet eingefügt, bevor das letzte Mahl vor dem Jom Kippur eingenommen wird. Unsere Zeit fürchtet das Fasten. Unsere Altvorderen haben das Essen, haben die Möglichkeit gefürchtet, es könnte durch das Essen eine leichtsinnige Stimmung, ja selbst eine Störung der beim Essen sunctionirenden Organe hervorgerufen werden, durch welche das Sündenbekenntniß am Kom Kippur unterbliebe. Deßhalb haben sie angeordnet, unsere Sünden uns schon zu bekennen, bevor wir uns zum letzten Mahle niedersetzen! Wie haben aber die weisen Regler unseres Lebens mit dieser bloßen Anordnung den für diesen Tag gesetzlich vorgeschriebenen, reichlicheren Genus; von Speise und Trank geadelt und ihn vor jeder mißbräuchlichen Ausartung geschützt! Die letzte Mahlzeit vor Jom Kippur nennen sie npDDD mm das Scheide-Mahl. Es bildet den letzten Akt in dem Leben und Genießen, das nun für 24 @tmi* den unterbrochen, und daun ganz neu, von Gott auf's Neue gewährt und geregelt, wieder ausgenommen und fortgeführt werden soll. Da wird uns nun zur Pflicht gemacht, vorher mit Gott und der Welt, vor allein aber mit uns selber abzurechuen und uns so die Erwägung nahe gelegt, wie leicht unseres sittliches und körperliches Wohl durch die einfachsten Funktionen des täglichen Lebens, durch das bloße Fortschreiten unseres Daseins gefährdet werden kann. Dieses Bekennen unserer Verirrungen vor dem eigentlichen Eintritt des Jom Kippur überragt an ergreifender Bedeutung vielleicht noch das Bekenntnis; am Versöhuungstage selbst. Wenn unsere Weisen den großen Gedanken der Rückkehr zu Gott unserem ganzen Leben aufprägen möchten, so geben sie uns die Regel, in jcdeni morgigen Tag den Todestag zu erblicken, und deßhalb heute zurückzukehren, da es morgen vielleicht schon zu spät ist. Wenn sie uns aber am Rüsttag des Jom Kippur unsere Sünden vor Gott bekennen lassen, weil das bevorstehende Mahl vielleicht nicht nur das letzte vor Jom Kippur, sondern überhaupt das letzte ist, weil ein einziger Bissen genügt, um, statt des Lebens, welches wir damit fristen wollen, den unrettbaren Tod zu bringen, so mahnt die bloße Veranlassung zum Sündenbekenntniß in diesem Augenblicke: „Kehre eine Stunde vor deinem Tode zurück!" Roch-ergreifender aber ist vielleicht die andere Erwägung, welche das Sündenbekenntniß vor der letzten Mahlzeit deßhalb fordert, weil eine Maßlosigkeit in Speis und Trank uns den gesetzten, ernsten Sinn und damit die Stimmung uud Fähigkeit rauben könnte, am Jom Kippur unsere Sünden vor Gott zu bekennen. Wie zeigt diese Erwägung doch die Schwäche und Hinfälligkeit der Menschen selbst in den gehobensten Momenten seines Lebens in ihrem ganzen Umfange! Fastend und betend haben wir mit dem ersten Grauen des Tages beginnend, die Selichoth-Tage verlebt, der Ernst des RoschHaschonoh hat jede Faser unseres Herzens ergriffen, die Teschuba-Woche hat uns mit jedem ihrer Tage immer höher über das niedere Getriebe des Tages gehoben, uns immer näher dem Ziele gebracht, daß Gottes Gnade nun ihr über alle unsere Fehler uud Irrungen anssprechen möge, und an der Schwelle des Versöhnungstages hält die tiefe, psychologische Weisheit unserer großen Weisen, die Möglichkeit, wir könnten bei der letzten Mahlzeit vor Jom Kippur uns leichtsinniger Weise vergessen, für so naheliegend, daß sie uns vor der Mahlzeit unser Sündenbekenntniß abzulcgen mahnt! Wir mögen leicht geneigt sein, diese Befürchtungen als für zu weitgehend zu erachten, weil uns eben nichts so freund und unbekannt ist, als wir selbst, als unser eigenes, innerstes Seelenleben. Aber was uns ein mit sieben Siegeln verschlossenes Geheimniß ist, das war unseren großen Meistern und Kennern der menschlichen Seele in voller Klarheit enthüllt. Sie leiten daher das große Sündenbekenntniß des Versöhnungstages mit dem Hinweis auf Ihn ein, der alles Geheime und alles Offenbare in gleicher Weise kennt, der die Geheimnisse der Welt, uud die geheimsten, verborgenstcn Regungen eines jeden lebenden Wesens kennt, der unser innerstes Wesen durchforscht, Herz und Nieren prüft, dem kein gesprochenes Wort entgeht, und vor dessen Blick nichts verborgen ist. *n rnn nrw Nach allem bisherigen dürste dieser Hinweis sagen wollen: nno Tidw no. Eine richtige Würdigung unserer menschlichen Fehlbarkcit, wie sie sich selbst in den weihevollsten Augenblicken geltend macht, müßte uns das Wort, in welches sich das Bekenntniß unserer Jrrthümer kleiden möchte, auf den Lippen erstarren lassen. Wir wähnen uns gut, glauben uns wenigstens so sicher auf dem Wege der Besserung, daß wir Ihn, der jedes Geheimniß kennt, als Zeugen für die Redlichkeit unserer Gesinnung anrnfcn, und ahnen nicht, wie nahe wir dem Rückfall in das alte Unrecht in dem Augen^ blicke selbst sind, in dem wir unsere Fehler beken.

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