Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-09-18 · Heft 74 (18.9.1890) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 74 (18.9.1890)
Date
1890-09-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448095--30742-2478534
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXI. Jahrgang. Erste $ tilnnt ju M 74 öts, Jsr n rlit"&„Ieschurun" Leitend«» Artikel. flos KUdenbeKenntniß atu UersShllllllgstnge. Von Bezirksrabbiner Dr. Eh rman n in Baden (Schweiz). Es ist eine überraschende Merkwürdigkeit, daß ein Tag, der wie der Jonr Kippur, von allen gekannt und beachtet wird, doch in seiner wahren, einfachen Bedeutung so vielfach verkannt und mißverstanden bleibt. Fast scheint es, als ob diese Verkennung gerade aus dem Umstande fließt, daß eben ausnahmslos alle mit heiliger Scheu zu diesem Tage und seiner Bedeutung emporblicken. Wem der Blick umflort und getrübt ist, der wird die reine Klarheit vermissen, welche das gesunde Auge erfreut. Aber wie es Leute gicbt, die, weil sie die Sonne blendet, sich Gläser schwärzen, um den Blick zu ihr erheben zu können, so scheint es eine ganze große Zahl von Verehrern des Jom Kippur zu geben, welche seinen strahlenden Glanz künstlich verdunkeln müssen, um ihn ertragen zu können. Bei der Betrachtung der Sonne wird wohl Niemand aus den Glauben verfallen, die Sonne sei in Wirklichkeit so getrübt, wie sie durch das geschwärzte Glas erscheint. Aber wer Jahre, Jahrzehnte sein ganzes Leben lang den Jom Kippur durch ein gefärbtes Glas beobachtet hat, glaubt zuletzt, der Jom Kippur, wie er ihm vorschwebt, sei seine wahre Gestalt. Haben doch die meisten diese Brillen sich nicht selber gefärbt und aufgesetzt. Sie haben sie in der Regel von ihren Eltern oder Lehrern überkommen und haben daher meistens keine Ahnung von der Befangenheit und der ganzen Verdunkelung, welche ihrer Auffassung und Beurtheilung des Jom Kippur nothwendig anhaften muß. Daß der Jom Kippur für unsere Verirrungen Verzeihung und Versöhnung bringt, wissen Alle. Aber die Bedingungen, unter welchen uns dieses Gnadengeschenk Gottes wird, darüber sind sich Viele nicht klar und Viele wollen es nicht werden. Sie bereden sich, ein vierundzwauzigstündiges Fasten, Kasteien und Beten sei der Preis für die durch den Jom Kippur erfolgende Tilgung jeder Schuld. Wäre dem so, gewährte der eine Versöhnungstag so ohne Weiteres Verzeihung und Sühne für ein ungebundenes 364tägiges Leben und Genießen, das man am Eingang zum pn nv für 24 Stunden ablegte, um es bei seinem Ausgang wieder aufzunehmen, dann wäre der hehrste, heiligste Tag des ganzen Jahres eine Ablaß-Institution der schlimmsten Sorte, ein Freibrief für alle Zügellosigkeit und Ungebundenheit. Merkwürdig ist dabei, daß vorzugsweise Diejenigen, welche es sonst ihrem Judenthume nicht verzeihen können, daß es mit solcher Entschiedenheit überall auf die That dringt und auf die Form, in welche sie sich kleidet, nirgends aber mit der bloßen Idee und der inneren Regung sich begnügt, daß gerade Diejenigen Angesichts des Jom Kippur ganz aus der Rolle fallen. Hier genügt ihnen die äußere Form vollkommen. Sie vindiciren dem Jom Kippur einen solchen Ueberschuß heiligender und sühnender Kraft, daß sie sich mit Fasten und Beten begnügen, daß sie sich selbst ans das Herz schlagen, aber tief im Herzen bleibt alles unverändert kalt. Dagegen dringen die Meister des überlieferten Judenthums, welches man das starre, stabile, werkheilige und orthodoxe schilt, in erster und letzter Reihe auf die Innerlichkeit und lehren: xin hedd •pttf wxi, der Jom Kippur bringt nur denen Sühne, welche die aufrichtige Rückkehr zu Gott und Seinem Gesetz vollzogen haben und bringt keine Sühne denen, die den Jom Kippur nur äußerlich mitmachen, ihm aber keinen Einfluß auf das Leben gestatten und nach ihm so weiterlebcn, als ob es nie einen Jom Kippur gegeben habe. Erst der ernste, feste Vorsatz, von nun ab alles Unrecht, jede Gelegenheit zur Sünde zu meiden und seine treue Ausführung stattet den Jom Kippur mit der Kraft der Versöhnung aus. Um die -Bünde zu meiden, muß man sie kennen und sie sich vor Gott bekennen in ungeschminkter Wirklichkeit, frei von allen beschönigenden Momenten, mit welchen man so leicht geneigt ist, jedes Vergehen zu bemänteln und so die Selbstkenntniß zu erschweren. Das Judenthum kennt keine Beichte, kein Bekenntnis; der Sünden, das sich an einen anderen sterblichen, fehlenden Menschen richtet, um durch solche Vermittelung die verscherzte göttliche Gnade wieder zu erlangen, n'hvb ainsn pnsn tbv .(3: Gottes Liebe für Israel bekundet sich eben darin, daß es keines Boten und Mittlersfür den Verkehr mit seinem himmlischen Vater bedarf. Das erste Wort des ersten Priesters, wenn er im Allerheiligsten am heiligsten Tage des Jahres Gottes Sühne für fein Volk erflehte, lautete: ’riNDn 'n „O, Gott, ich bin fehlbar!" Um so entschiedener aber dringt Gottes Wort darauf, daß wir unser Unrecht uns selber bekennen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.