Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 72-73 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Leib nitz und Kant, eingehen könne." (Erster Brief.) Ich sage, daß die „Briefe" bei allem Enthusiasmus für wahres Judenthum dennoch das Gepräge rein sachlicher Darstellung tragen. Es ist dies thatsächlich so; und wäre es nicht der Fall, sic hätten im Jahre 1886, als Freigcistcrci mit dreister Stirn dem Altehrwürdigen sich feindselig entgegenstcllte, als der alles verneinende Ton des „ersten Briefes" zum guten Ton gehörte, und die Wogen der Reformbestrebungen hoch gingen, sie hätten zur damaligen Zeit, der Zeit religiösen Verfalls und synagogalen Umsturzes, nicht Epoche machen können! Die 19 Briefe, so erzählte mir mein theurcr Vater, hochsel. And., oft, waren ein plötzlicher Schrecken, der auf die Abtrünnigen fiel; ein wahres D'NEn p'L2 Vins, standen die 19 Briefe ganz unerwartet wie ein Schlagbaum da, vor welchem die hervorragendsten Apostel der Reform Halt machen mußten! — Wer, wer ist ihr Autor? so ging es von Mund zu Mund! lieber ein solch' geharnischtes Buch war es nicht gut möglich hinwegzuschreiten und zur Tagesordnung, besser T a ge s u nord n u n g, die damals in Israel herrschte, überzugehen! Die 19 Briefe des Hamburger Kindes waren ein mene tekel ufarssin an der Mauer des Hamburger Lrgeltempels! Wären diese 19 Briefe nichts als hohles Pathos, leerer Wortschwall, phrasenhafte Schwärmereien, oder Schimpf- und Schmachworte gegen Freisinn, sie hätten diesen gewaltigen, mächtigen Eindruck nicht hervorgerufen. So schreibt auch Hirsch sieben Jahre später in seinem Gutachteir über die Bcschneidung an Rabbi Salomon Abraham Trier: „Sprechen Sie diese Erklärung aus, hochwürdiger Herr, furchtlos und offen, aber auch leidenschaftslos und rein, ohne verwünschendes, kränkendes, verfolgendes, schmähendes Wort und Ihre Erklärung wird widerhallen und Anerkennung finden, so weit Juden die deutsche Zunge reden und verstehen, so weit Juden noch ein jüdisches Herz im Busen tragen." Fühlt der russische Jude E manz ip at io nsg e l ü st c, so seien ihm jetzt die Briefe 16 u. 17 empfohlen; er Wird einsehen, daß der Anschluß an die Staaten mit dem Geiste des Judenthums im Einklänge steht, aber: „ohne Abtragung des (Gipfels zur Flachheit unseres Lebens", wie Hirsch so schön und sinnreich sich ausdrückt. Nun sagt zwar auch „Zunz" selbst von seinem Standpunkte ans: „Haltet standhaft bei der Religion eurer Väter, stehet unerschütlert aus dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen, und lasset alles über euch ergehen, ruft der Weise — so auch Verhöhnung und Abfall. Treiben Einzelne, um zeitliche Güter zu erringen, mit dem Ewigen einen Handel, so mögen wir desto treuer an dem Judenthum festhalteu °, a u ch nicht ein einziges Gesetz darf der Gleichstellung geopfert werden" u. s. w. Doch ein Wort aus der Feder eines Leopold Zunz, das immerhin Werthschätzung verdient, weil ein großer Gelehrter es geschrieben, ist nach dieser Richtung hin nicht so wirkungsvoll, wenn wir den 18. Brief in's Auge fassen, worin so überzeugungskräftig an der Hand des rh>ra UTO rv?nn nachgewiesen wird, daß jüdische Wissenschaft ohne pulsirendcs jüdisches Leben unergiebig ist. Tie hebräische Uebersetzung Äronsohn's wird jetzt die Ideen Hirsch's seinen Landsleuten näher bringen, und sich hierdurch große Verdienste um das Judenthum erwerben. Der Kerngedanke der 19 Briefe ist folgender Satz im 4. Briefe: „Ter Genius der Menschenbildung, spricht ein Weiser ('3 ,*"ü n“J), nimmt den werdenden Menschenkeim und führt ihn vor den Heiligen, dessen Wille alle Wesen fördert und fragt: „Dieser Keim, was soll ihm werden im Leben? soll stark oder schwach, klug oder einfältig, reich oder arm er werden?" ob aber gut oder bös, das fragt er nicht' denn Alles wird durch Gottes Hände, nur nicht die Gottesfurcht, nur nicht die treue Erfüllung der Pflicht mit dem Gegebenen." „Wollen wir darum den Menschen danach messen, was kaum halb in seinen Händen ist — und nicht vielmehr danach, was Gott allein in seine Hände gelegt — und das darum ganz allein Seine Größe zu sein vermag? Die Menschenbestimmung — so begriffen, ist dann auch von Jedem in jeder Zeit, mit jedem Maß von Kräften und Mitteln, in jeder Lage erreichbar." Wie tiefdurchdachte Worte - und wie trostreich für unsere Brüder am Newastrome und am Gestade des schwarzen Meeres, wenn sie dessen inne werden, was denn eigentlich des Israeliten Aufgabe ist, lvc lche Ideale er anzustreben habe; leichter wird ihnen der Gang durch das öde Jammerthal ihrer Leiden sein! Und dies alles ist - nach den nun einmal bestehenden sprachlichen Verhältnissen des sogenannten N c u h c b r ä i s ch e n, d a s des W o h l g e s ch m a ck e s und des Klassischen nicht selten entbehrt. — recht deutlich nnd klar, sinnig und innig in der h e b r. Uebersetzung w i e d e r g e g e b e n. Wir wollen in Erwägung ziehen, daß eine Uebertragung hinter dem Driginalterte immerhin etwas Zurückbleiben darf, und daß es selbst für den geschicktesten Uebersetzer schwierig wäre, gleichen Schritt mit Hirsch zu halten, aus dessen Worten das Feuer der Religionsbegeisterung lodert. Liest mau die 19 Briese, so denkt man unwillkürlich an Kant's Worte: „Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen sollte, so w ü r d e sie die Mendc l s s o h n' s ch e w ä h l e n." Zu Hirsch's Kern gehört Hirsch's Hülle. . Unerwähnt darf bei Besprechung der 19 Briefe — weil allzuwichtig in heutiger Zeit - - nicht bleiben, was Hirsch von vornherein bemerkt: „Aber, das ist eben der Fluch der Zeit und der Hemmschuh alles Standcswirkens, daß Das, was Gemeingut sein soll, Standescigcnthum geworden, und die Lebensrcgel für Alle man zur Ordensregel zu machen geneigt ist, und spricht: „Ja der muß so sein, muß so sprechen, das fordert sein Stand, —- sein Brod. - Traurige Niedrigkeit der Zeit, die es ganz gewöhnlich findet, daß ein Mann für sein theuerstes Selbst, für seine innere Ucbcrzeugung sich Brod ermäkelt, und die Alles entschuldbar findet, wenn es nur Brod giebt, Brod." Zum Schluß theile noch zur Nachahmung meinen gesinnttngsgcnöfiischen Amtsbrndern mit, daß ich mit den Primanern unseres hiesigen Königl. Gymnasiums die 19 Briefe als Lehrgcgenstaud durchgenommen habe. Eine die wichtigsten Fragen des Jndenthums so eingehend behandelnde Lectüre muß denn doch mit der Zeit Liebe für Religiöses in den Herzen der jungen Leute erwecken. Tstrowo, Ellul 5650. Rabb. Tr. E. Pleßner. Inssnf und Snleicha. Romantisches Heldengedicht von Firdusfi. Aus dem Persischen zum ersten Male übertragen von Tttokar Schlecht«-Wfsehrd. Wien 1889. Carl Gcrold's Sohn. Von dem großen Firdufsi, dem Homer Persiens, welcher vor 900 Jahren lebte, ist das bedeutende Epos ..Schahnameh" durch wohlgelungene Uebersetzung dem Auslande zugängig gemacht worden. Dagegen hat Firdussis „Juffuf und Snleicha" bislang noch einer Uebertragung geharrt. Tie gegen die Autorschaft dieses Werkes geltend gemachten Zweifel sind in uenestcr Zeit widerlegt worden und es kann als feststehend angenommen werden, daß Firdussi in der That der Verfasser ist. Er hat die Geschichte Jofephs^mit vielen Erzeugnissen seiner Phantasie zu einer epischen Dich-