Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-09-11 · Heft 72-73 (11.9.1890) · page 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 72-73 (11.9.1890)
Date
1890-09-11
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448094--30728-2478519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

1344 truschka daS ehrsame Gewerbe eines Schneiders betreibt. Beide Familien sind sehr arm. Rifka, die Tochter des Herz Maisel liebt den Sohn des armen Schneiders und ihre Neigung wird crwiedert, aber sie sind beide arm und an eine Heirath ist vorerst nicht zu denken. Da veranlaßt ihn ein R. Jsaschar auf drei Nummern, die er in der Nacht von Hoschanoh Raboh im Talmud aufschlägt, zehn Gulden, die er sich erst leihen muß, in die Lotterie secco terno zu setzen und siehe — die Bessuro Towo (gute Botschaft) kommt, er gewinnt 48,000 Gulden. Davon giebt er seinem Nachbarn Maaser und die beiden jungen Leute werden ein Paar. Noch rührender als dieses Bild ist unstreitig das Zweite, Rabbi Abdon, dem wir unsere Illustration entnommen haben. Nach Rußland führt uns der Verfasser in das kleine Zimmer eines jener Gelehrten, deren Lebensaufgabe darin besteht, „darin (in der Thora) zu forschen bei Tag und bei Nacht." Rabbi Abdon ist alt. Einsam sitzt er in seinem Zimmer und läßt die Vergangenheit an seinem Geiste vorüber ziehen. Was nützt ihm all fein Wissen und Können? Am Rande des Grabes, nach einem langen, gottgefälligen Leben sitzt er einsam in der Mitte der Bücher, die sein ganzes Leben ausfüllten! Nicht immer war es so bei ihm gewesen. Er hatte einst ein hübsches junges Weib sein eigen genannt — lange schon betftc es die kühle Erde. Sein einziger Sohn, welcher der Erbe seiner Kenntnisse werden sollte, war fort, weit fort. War er noch am Leben? Wer wußte es! Schon als Knabe war er des Baters Stolz und dieser hatte ihn zum Rabbiner bestimmt, aber Simon fühlte keine Lust für diesen Beruf. „Die schwarze Erde, die der russische Bauer so zärtlich liebt," hatte es ihm angethan und eines Tages hatte er eine Auseinandersetzung mit seinem Vater, dem er unumwunden seine Abneigung gegen den gelehrten Beruf und seine Vorliebe für die Landwirthschast cingestand. Rabbi Abdon gedachte heute der Worte seines Sohnes, und sie erscheinen uns so bedeutsam, daß wir sie unverkürzt hier einfügen wollen. „Der Jude," rief er zuletzt, „hat sich die unglückliche Lage, in der er sich heute noch in den östlichen Ländern befindet, nicht selbst geschaffen; er wurde durch seine Verfolger in die engen, finstren Straßen des Ghetto gesperrt und von jeder Arbeit, jedem anderen Beruf ausgeschloffen, gezwungen, sich ausschließlich dem Handel zu widmen .... Heute liegt das Feld der geistigen Arbeit offen vor uns, offen jede Art menschlicher Thätigkeit. In Odessa haben erleuchtete Männer unseres Stammes sich an die Spitze einer Bewegung gestellt, welche den Inden vor allem zu der Landwirthschast, zum Ackerbau zurückführen soll, welche das Volk Israel im gelobten Lande glücklich und mächtig gemacht hat. Ich will nicht mein Leben bei den Büchern versitzen, ich will nicht handeln und feilschen in einem dunklen Gewölbe, ich brauche Luft und Licht, und ich will selbst meinen Acker bestellen wie Boas." R. Abdon blieb den Bitten seines Sohnes gegenüber verschloffen, und in derselben Nacht hatte dieser die Stadt verlassen und Tarka, seine Braut, die Tochter eines kleinen Bauern und Schankwirths war mit ihm entflohen. Lange ist cs her seit jener Nacht; heiße Thräncn rinnen über das Gesicht des Rabbi. Die Sehnsucht nach seinem Kinde ist wach. Da öffnet sich die Thüre und — der Ersehnte mit Frau und Kindern ist da. Er will den Vater holen und R. Abdon ist bereit mitzugehen. — Heute wohnt R. Abdon bei seinen Kindern und mitten unter seinen Enkeln. Ueber ihm leuchtet der blaue Himmel, um ihn wehen die Halme und Gräser, klingen die Sicheln, die Lieder der Schnitter und er sitzt mitten in dem Segen mit seinem Talmud — ein Patriarch. Das dritte Bild „Lewana" versetzt uns in die Türkei. Auch hier ist es jüdisches Leben, welches der Verfasser in meisterhafter Weise schildert. Kiddusch Lewana errettet einen armen jüdischen Sclaven aus der Sclaverei und macht ihn zum Herren seiner Gebieterin, die — doch der Leser verzeihe uns, wenn wir nicht weiter erzählen. Man lese selbst. Wenn die vorgeführten Bilder auch nicht stets der Wirklichkeit voll entsprechen, so sind wir dem Verfasser doch dankbar für die Liebe, mit welcher er sie gezeichnet hat und wir sehen den folgenden Lieferungen mit Spannung entgegen. Unseren gcsch. Lesern aber können wir die Anschaffung dieses Prachtwerkes gerne empfehlen. B . . , . r. pDL nnJN. „Neunzehn Briefe über Judenthum (in hebräischen Lettern) von Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. Main. Hebräisch übersetzt nebst einer ausführlichen Biographie des Autors im Hebräischen verfaßt von Moses Salomon Aronsohn aus Kowno, 1890. Wilna, Gebrüder Romm." Ein nach wissenschaftlicher Bildung strebender russischer Jude kam einst zu Moses Mendelssohn mit der Bitte, „der Philosoph möchte doch seinen Sohn, den er ihm vorstellte, in die heiligen Hallen aristotelischer Philosophie einführen. Ganz und gar unvorbereitet, meinte der Vater, würde der Weltweise sein Kind in der Philosophie nicht finden, da es aus secundären Quellen, d. h. aus hebräischen Werken, in der Heimath bereits soviel geschöpft hat, um an der Hand eines Mendelssohn dem Ursprünge der Weisheit mit einiger Leichtigkeit näher geführt werden zu können." Mendelssohn, der mit seinem Scharfblicke die Situation als das im ersten Augenblicke erfaßte, was sie in Wirklichkeit schließlich gewesen war, wandte sich an den Sohn selbst mit der Frage: „Wie weit hast du es denn schon in der Philosophie gebracht, mein Kind?" Völlig arglos, naiv und durchaus unbefangen, erwiederte der Lernbegierige: „Ich kann schon am Schabbos schreiben! Rabbi Moses!" Wie und auf welche Weise Mendelssohn Erzieher und Zögling verabschiedete, kann uns gleichgültig sein. Doch die Episode an und für sich ist heute noch recht sehr charakteristisch für die bildungsfreundlichen und bildungsfähigen Kreise unserer Glaubcnsbrüder im Reiche Peters des Großen. Ohne Abfall vom idealen und werkthätigen Judenthum kann leider der Durchschnittsrusse sich in unseren Tagen noch keine Bildung, viel weniger noch Gelehrsamkeit denken. Tritt er von den „vier Ellen der Halacha" in den erweiterten Gesichtskreis der sogenannten „Hatzkala", fängt er nur an ausschließliches Talmudstudium als eine einseitige Beschäftigung zu betrachten, so hält er sich fest davon überzeugt, daß Wissenschaft mit traditionellem Judenthum unvereinbar sei. Zieht er hiermit gleichzeitig die traurige soziale und politische Stellung der Juden Rußlands in Betracht, erfüllen ihn Emancipationsträume in dem „geräumigen Kerker", den dieses unermeßliche Reich für unsere Brüder bildet, mit Wehmuth, so glaubt er nur dadurch sich einigermaßen frei fühlen zu können, wenn er das Joch der Torah und Mizwa von sich abschüttelt. Darum war es ein glücklicher Gedanke, die 19 Briefe unseres Hirsch, hochsel. And., durch Uebertragung in die hebräische Sprache den Juden Rußlands zugänglich zu machen, sie ihrem Verständnisse näher zu führen. Sind es ja eben diese 19 Briefe, die, wenn auch mit religiösem Feuer, doch objektiv, nüchtern und mit würdevoll ler, imponirender Ruhe, darthun, daß man bei stammender Begeisterung für unsere ehrwürdigen Urkunden, nichtsdestoweniger „für die Schönheiten eines Virgils, Ta ssos, Shakespeares, Sinn und Herz haben, und in die konsequenten Schluß bauten eines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.