Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 72-73 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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-XM. Jahrgang. Erste Beilage;n,M 72 & 73 bts „3sraplit & Ieschurun" Zeitungsnachrichten und Gorrespondeuzen. Deutschland. Mainz. Gegenüber der von der „Nord. Allg. Zeit." angezweifelten Echtheit des von uns veröffentlichten, den Antisemiten so unbequemen Briefes der Hochs. Kaiserin Augusta, erklärt die „Tägl. Rundschau", daß sie die Abschrift des Originals nur mit Hinzufügung eines Komma und eines Semikolons, im Uebrigen aber unverändert abgedruckt hätte. Möchten, wie die „Jsr. Wochenschr." schreibt, die Antisemitenblätter auch die denkwürdigen Worte der vom ganzen Volke so geliebten Preußenkönigin Louise, der Urgroßmutter unseres Kaisers, in Zweifel ziehen? Sie stehen ausgezeichnet im 2. Bande des von Conrad Rahn herausgegebenen „Preußische Fürsten und ihre Frauen", S. 139, und lauten: „Des Königs Minister sind hart, sobald es sich um die Juden handelt. Mein Gott, nichts als Witzeleien! O, es ist unnöthig, die armen Leute noch weiter zu kränken. Es liegt sehr, sehr viel Demüthigendes für den menschlichen Stolz in dem Leben eines Juden. Es schneidet in's Herz, wenn man an den. Ton denkt, den sich Christen oftmals gegen Juden erlauben. Wir sehen in den Juden auch die Menschheit in ihrem ungeschminkten Zustande. Sie sind eben ihren Völkersitten treu geblieben — und es ist ein trauriger Gedanke um das Bewußtsein, daß wir Christen diesen Zustand verachten und sie zu uns hinüberziehen wollen. Von der grauen Morgendämmerung des Mittelalters bis jetzt war das Judenleben eine Kette mit Gesetzen umiäumt.. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für die Juden zu einem Ort voller Fallstricke und Gefahren. Herr Minister, verhärten Sie das Herz meines künftigen Gemahls nicht!" u. s. w. Lauenburg i. P. Der Böck el'scheReichsherold triumphirt darüber, daß der Antisemitismus in Hessen die Anerkennung und Unterstützung der „hohen Aristokratie" gesunden habe, indem Freifrau von Thüngen in Zeitlofs eine antisemitische Aufschrift an ihren Garten habe anbringen lassen, und ebenso erhebt das Wern er'sche „Reichsgeldmonotzol" ein Gejohle darüber, daßF ü rst L i ch mit einer Prinzessin den „ersten antisemitischen Jahrmarkt" zu Langsdorf (Oberhessen) besucht habe. Ich bin in der glücklichen Lage, diesen Triumph zu dämpfen und zu berichten, wie man in den „Allerhöchsten aristokratischen Kreisen in Hessen" über Böckel und sein Treiben denkt, so daß er leicht daraus ersehen kann, daß es mit seinem „Jahrmarkt" bald zu Ende ist. Ich stehe schon seit mehreren Jahren mit einem hervorragenden hessischen Grafen, dessen Namen ich ich vorläufig verschweige, der aber ein sehr naher Verwandter Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs von Hessen ist, in freundschaftlichen Beziehungen. An diesen erlauchten Herrn habe ich vor wenigen Wochen ein Schreiben gesandt, in dem ich Böckel und seine Thätigkeit in Hessen gehörig beleuchtete und meine Bitte dahin äußerte, Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog von Hessen vomJnhalt meines Schreibens Mitthetlnng zu machen. Ich erhielt folgendes Antwortschreiben eigenhändig vom Grafen geschrieben- Geehrter Herr Rabbiner! Ihre Zeilen kann ich erst heute beantworten, da ich einige Wochen von hier abwesend, und Ihre Zeilen erst jetzt bei meiner Rückkehr hi.rher vorfand. Ich glaube, daß das Treiben des Dr. Böckel, resp. des Antisemitismus hier überschätzt wird, und in der Form wie er in der letzten Zeit verschiedentlich aufgetreten von allen Wo hl denkenden verurtheilt wird. Ich stehe der Sache ganz fern und bin eben nicht im Stande, ein begründetes Urtheil über die ganze Bewegung abzugeben; die Art und Weise, wie sie aber in letzter Zeit hier in Hessen gehandhabt wurde, ist entschieden verwerflich, wenn wohl auch nicht zu leugnen ist, daß von Seiten Ihrer Glaubensgenossen manchmal Veranlassung zum Mißtrauen gegen dieselben gegeben wird. Sr. Königl. Hoheit der Großherzog wird ein solches ungerechtfertigtes Gebühren des s. g. Antisemitismus sicher in seinem Lande nicht dulden und die Großh. Staatsregierung ist sich der Verantwortung, wenn sie eventuell einzuschreiten hat, voll bewußt, ohne daß es den Anschein hat, als ob sie eine Partei auf Kosten der anderen in Schutz nehme. Der Großherzog weilt noch für längere Zeit in Rußland, nach seiner Rückkehr werde ich Gelegenheit haben, ihm von Ihrem Schreiben Kenntniß zu geben. Mit der Versicherung, daß ich mich gefreut, bei dieser Gelegenheit von Ihnen wieder etwas zu hören, zeichne ich Ihr aufrichtig Ergebener — Graf von — Indem ich meinen Heimathgenossen diese Zeilen mittheile und ihnen dadurch eine baldige Erlösung von dieser „Landplage" in Aussicht stelle, mahne ich sie aber auch andrerseits an jene Stelle obigen Briefes, die es ihnen von Neuem zur Pflicht macht, keine antisemitische Hetzereien zu provoziren,