Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 72-73 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1330 er in letzter Stunde sich überzeugen mußte, daß dem Juden in Deutschland auf diesem Felde zur Zeit noch unüberwindliche Hindernisse entgegenstehen, hat er seinem Vaterlande den Rücken gewandt und ist hierhergekommen, um hier dem Ziele zuzustreben, das ihm in Deutschland unerreichbar war. Er befindet sich schon drei Jahre hier und hat sich hier schon durch seine vorzügliche Unterrichtsgabe sehr nützlich gemacht. Wir dürfen es uns zur Ehre anrechnen, einen so gelehrten, feingebildeten und durchaus liebenswürdigen Mann in unserer Chewra als Mitglied zu besitzen und bet uns beamtet zu sehen. Wenn Herr Kirschner mit dem Worte „hergelaufener" etwa einen schimpflichen Sinn verbinden will, so wird er doch wohl mit dieser seiner Ansicht hier allein stehen; denn im Grunde genommen sind wir ja Alle, ja die sämmtlichen Amerikaner, „Hergelaufene", und ich glaube doch nicht, daß sich Herr Kirschner zu den Indianern zählt, welche allerdings die einzigen Nichthergelaufenen in Amerika sind. Auch dem schimpflichen Sinn, den Herr Kirschner mii dem Worte „arm" zu verbinden scheint, wird wohl Keiner von uns beistimmen wollen. Uebrrgens kann ich versichern, daß Herr Meseritzer nicht arm hierher gekommen ist und daß, wie ich durch meinen noch in meiner Vaterstadt lebenden Bruder weiß, seine Eltern in sehr guten Verhältnissen leben. Auch brauchen wir ja nur zurückzudenken, um uns zu erinnern, daß Keiner von uns als Millionär hierhergekommen ist. Was das Anerbieten des Herrn Kirschner, das Sekretariat und das Kassengeschäft durch seinen Herrn Sohn unentgeltlich versehen zu lassen, anbetrifft, so geht meine Ansicht dahin, daß es der Würde unseres Vereins nicht entspricht, sich Barmherzigkeitsdienste erweisen zu lassen. Unser Verein ist längst aus den Kinderjahren heraus, er hat ein ganz bedeutendes Vermögen zu verwalten und sehr ansehnliche Geldbeträge sind als Ein- und Abgänge in stetem Flusse bei ihm. Da bedürfen wir einer strammen Verwaltung, welche in jedem Augenblick unserer strengsten Controlle offen steht, was bei einer Barmherzigkeitsverwaltung nicht angeht, wenn uns nicht schon in ganz kurzer Zeit der Stuhl vor die Thüre gestellt werden soll. Ich bin weit entfernt, hierdurch ein Mißtrauen gegen irgend Jemand ausdrücken zu wollen; aber es liegt in der Natur der Sache, daß bei einer solchen Barmherzigkeitsarbeit, die hier keine geringe ist, der Eifer schließlich erschlafft und die Ausführung lässiger stattfindet, und daß einem solchen Herrn gegenüber die aufsichtspflichtigen Herren sich genöthigt sehen, ihres Amtes mit allzu großer Zurückhaltung und Schonung zu warten. Dieses Alles kann den Interessen unseres Vereines nur nachtheilig werden. Außerdem muß ich bemerken, daß es mir scheint, als sei es Herrn Kirschner nur darum zu thun, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, vielleicht aus persönlicher Feindschaft, Herrn Meseritzer aus seiner Stelle zu verdrängen. Ich gebe Ihnen zu bedenken, meine Herren, daß es unserer Würde als Ehewramitglieder nicht entspricht, sich zur Ausführung eines Aktes persönlicher Feindschaft, der mit unserer Chewra in gar keiner Beziehung steht, als Werkzeug gebrauchen zu lassen." Kirschner erwiederte in aufgeregter Weise noch Einiges, das zum Theil, wegen seines Mangels an Zusammenhang, unverständlich war. Es wurde zur Abstimmung geschritten. Dreißig Mitglieder stimmten gegen und hundert Mitglieder für Meseritzer, somit war diesem nunmehr die bis jetzt provisorisch bekleidete Stelle fest übertragen. Kirschner verließ, durch die erlittene Niederlage beschämt und erzürnt, den Sitzungssaal. Die Gemeindemitglieder hatten ihren Vorsteher, ganz wider sein Erwarten, im Stiche gelassen. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens S Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel )U bestehen bei E. F. Kteinacker, Leipstg, Poßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco eiNMsenden. Inhalt (Hauptblatt): Leitende Artikel: Rückkehr. — Antisemitische Ketzereien gegen die Berliner Schulverwaltung. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Pesth. — Rußland: Kiew. Odessa. — Feuilleton: Eine bekannte Melodie. Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Lauenburg i. P Lyck. Teschen. Heilbronn. — Oesterr.Üngar. Monarchie: Wien. Prag. 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