Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 72-73 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1329 kochte es vor Wuth. „So ein hergelaufener Schnorrer soll mir den Preis streitig machen, nach welchem ich schon Jahre lang gestrebt habe!" brummte er vor sich hin. Einen Augenblick überließ er sich der Erwägung, ob er die Parthie nicht lieber ganz aufgeben solle, da diese Verirrung des Fräuleins Carlisle ihr in seinen Augen viel von dem idealen Glanze raubte, in welchem sie ihm bis dahin erschienen war. Der Mitbewerber schien ihm gar zu wenig ebenbürtig. Diese Gedanken ließ er jedoch bald wieder fahren. Der Preis schien ihm doch zu hoch und zu werthvoll, um ihn des „hergelaufenen Schnorrers" wegen fahren zu lassen, zudem Elise ja durch ihre Jugend genügend entschuldigt sei. Das Unwürdige dieser Verirrung wird sie ja, wie er meinte, wohl bald von selbst einsehen. Darum ausharren! Das schien ihm das Richtige zn sein. Jedoch unthätig wollte er nicht bleiben. Er glaubte für den Augenblick seiner Sache am besten dienen zu können, wenn er dahin wirkte, daß Mcseritzcr nicht zn Ansehen gelange. Er begab sich zu seinem Vater in dessen Privatkomptoir und machte ihm von seinen Wahrnehmungen Mittheilung. Dieser war natürlich wenig von dieser Nachricht erbaut. „Wieso ist Mcseritzcr Sekretär und Cassierer der Chewra geworden?" fragte Max. „Ich weiß es nicht, ich habe erst aus meiner Beitragsquittuug ersehen, daß die Chewra einen andern Sekretär hat", sagte sein Vater. „Ich kenne ihn auch gar nicht. Das hat ja auch damit durchaus nichts zu schaffen." „Doch, cs hat damit zu schaffen!" erwicderte Max. „Die Chewra ist ein alter Verein, der ein ansehnliches Vermögen besitzt und dem der größte Theil der Gemeinde augehört. Es hat der Sekretär des Vereins zwar keinen großen Gehalt zu beziehen, aber cs ist gewissermaßen eine offizielle Stellung, die er rinnimmt. Man wird aufmerksam auf ihn, er kommt mit Vielen in Berührung, weiß sich beliebt zu machen, soll ein nicht unbedeutendes Wissen besitzen und gelaugt nach und nach zu Ruhm und Ansehen. Das kann ihm sehr förderlich sein, meine Pläne aber durchkreuzen." „Dem kann man abhelfen!" meinte der Vater. „Innerhalb des ersten Amtsjahres kann jedes Ehewramitglied Einsprache gegen die Wahl des Sekretärs erheben, daun muß in einer Generalversammlung über das Verbleiben oder Nichtverbleiben desselben abgeftimmt werden. Ich will einmal hören, wie lange Mcseritzcr schon im Amte ist." Er stand auf und ging in das Comptoir, um sich bei seinem Buchhalter, der Ansschußmitglied der Chewra war, dieserhalb zu erkundigen. „Er ist etwas über dreiviertel Jahr im Amte", sagte er nach seiner Zurückkehr in sein Privatkomptoir zu seinem Sohn. „Ich werde morgen schon Einsprache erheben und bin überzeugt, meine Gemeindemitglieder werden mich bei der Abstimmung nicht im Stiche lassen." Er that also. Er reichte schon am folgenden Tage seine Einsprache ein und benutzte jede Gelegenheit, innerhalb der Gemeinde gegen Meseritzer Stimmen zu werben. Meixner war Anfangs nicht wenig überrascht wegen dieser Einsprache, war aber über den eigentlichen Grund desselben im Klaren, da Meseritzer ihm gelegentlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit über die zwischen ihm und Elise und deren Eltern eiugetretenen Verhältnisse Mittheilung gemacht hatte. Meixner setzte eine Generalversammlung auf den letzten Tag des Amtsjahres Meseritzer's an und war auch bemüht, Stimmen für Meseritzer zu werben, so daß sich diesesmal innerhalb der Chewra ein Miniaturwahlkampf abspielen zu wollen schien. Der Tag der Generalversammlung erschien. Es fanden sich nur einhundertunddreißig Chewramitglieder ein. Ferdinand Kirschner hatte seine Einsprache zu begründen. Er sagte, daß cs seines Erachtens der Würde der Chewra nicht entspreche, einen vor kurzer Zeit Hergelaufenen, armen Menschen, von wer weiß woher, der nicht einmal im Stande sei, die nöthige Caution zu leisten, sondern für den ein wohlthätiger Herr aus Mitleid mit der betreffenden Summe eingetreten sei, als Sekretär und Cassierer anzunehmen. Es würde sich wohl mit der Zeit noch ein ansässiges, brauchbares Ehewramitglied zu dieser Stelle finden, der Familienvater sei und dem vielleicht durch den mit dieser Stelle verbundenen Gehalt eine große Wohlthat geschehe. Einstweilen wolle deßhalb sein Sohn die Stelle unentgeltlich versehen, wodurch der Chewrakaffe eine jährliche Ersparniß von vierhundert Dollar erwachse, was sicher ein nicht zu unterschätzender Vortheil sei. Da die Gründe Ktrschner's damit erschöpft waren, so erwicderte Meixner: „Wenn unser hochgeehrter Herr Gemeindevorsteher seinen Widerspruch gegen die Wahl des Herrn Meseritzer damit begründen will, daß derselbe ein „hergelaufener, armer Mensch von wer weiß woher" wäre, so kann ich ihm erwiedern, daß Herr Mescritzer ein hochachtbarer Mensch aus mir genau bekannter, sehr guter Familie ist, der eine und dieselbe Stadt in Deutschland mit mir seine Vaterstadt nennt. Er hat die sämmtlichen Klassen eines deutschen Gymnasiums ruhmvoll durchgemacht und bei seinem Abgänge ein glänzendes Zeugniß der Reife erhalten. Er wollte sich erst dem theologischen Studium widmen, hat aber seinen Studienplan geändert und sich entschlossen, Philologie zu studiren und sich dem höheren Lehrfache zuzuwenden. Als