Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 72-73 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1327 wichtigsten Einwände Vorlagen, daß die gleiche un- | gerechtfertigte Milde und übermäßige Nachsicht gegen ihn Jahre lang beobachtet worden ist, und daß die Schuldeputation sich viel zu spät entschlossen hat, ihn vom Amt zu suspendiren und das Disziplinarverfahren auf Amtsentsetzung gegen ihn einzuleiten. Die Selbstbiographie des Verfassers ist der interessanteste Theil des Buches, sie läßt uns einen tiefen Blick werfen in einen wahren Abgrund voll Schmutz. Nachdem der Verfasser an Privatschulen unterrichtet hatte, wurde er als städtischer Lehrer angestellt; es scheint, daß er als solcher sich tüchtig gezeigt hat, obgleich er neben seinem Amt noch eine umfangreiche Thätigkeit als antisemitischer Hetzagitator mit Wort und Feder entfaltete. Durch eine Bürgschaft, welche er durch Wechselunterschrist für einen Freund und Gesinnungsgenossen übernahm, *) bürdete er sich eine Schuldenlast auf, die ihn fast erdrückte. Um die Wucherzinsen, die er christlichen und jüdischen Wucherern zahlen mußte, zu erschwingen, verwickelte er sich in die bedenklichsten und verfänglichsten Geldmanipulationen. Dies wurde der Behörde bekannt, und die Schuldeputation lehnte es daher pflichtgemäß ab, ihn zum Rektor einer Gemeindeschule zu erwählen, als er seiner sonstigen Amtsthätigkeit wegen in Vorschlag gebracht wurde; denn zu Rektoren sollen nur solche Lehrer erwählt werden, gegen deren moralische Führung nicht die geringsten Bedenken vorliegen, und die sich in geordneten Fknanzverhältnissen befinden. Der antisemitische Hetzagitator wendete sich an den Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßmann, ihn um sein mächtiges Fürwort bittend, und der Jude Straßmann stand ihm, dem fanatischen Antisemiten, wirklich mit Rath und That zur Seite. Er verschaffte ihm ein zinsloses Darlehen von 1200 Mark zur Tilgung der drückenden Wucherschulden; er bewirkte, daß bei einer anderen Rektorrathswahl diese wirklich auf seinen Schützling fiel, obgleich die finanziellen Verhältnisse desselben noch in keiner Weise geregelt waren, im Gegentheil sich, trotz des unverzinslichen Darlehens, welches nur ein Tropfen auf einen heißen Stein war, noch verschlimmert hatten. Der neue Rektor befand sich in fortwährender Geldnoth; um diese zu beenden, nahm er zu sehr bedenklichen Mitteln seine Zuflucht, die er in seinem Buche mit der größten Kaltblütigkeit schildert. Er wendete sich an die verschiedensten vornehmen oder reichen Leute, um sie zur Regulirung seiner Schul¬ *) Charakteristisch für die Gesinnung des Verfassers ist die Beurtheilung, die er dem Freunde widmet, der ihn durch die betrügerische Vorspiegelungen zur Uebernahme der Bürgschaft bewogen hatte. Er nennt ihn eine hochideale Natur, einen der genialsten, durchaus selbstlosen Männer rc. den zu veranlassen. Er wußte es zu bewirken, daß sich ein Comitö von sechs hochachtbaren Herren bildete, welches ihn durch ein Anschreiben an Bekannte empfahl; mit diesem Anschreiben versehen, suchte er sich Geld von verschiedenen reichen Leuten zu verschaffen, allerdings mit nur geringem Erfolge. Er setzte sich in Verbindung mit einem höheren Beamten, der bei der Verleihung von Orden und Titeln einen Einfluß besaß, und diesen Einfluß suchte er auszunützen für einen jüdischen Bankier, um diesem den Geheimrathstitel zu verschaffen, wenn der Bankier seine Schulden bezahle. Einem reichen Fabrikanten „verschaffte" er einen Orden. Mit unbegreiflicher Langmuth und Milde schaute die Vorgesetzte Schulbehörde diesem Treiben zu; endlich aber mußte sie doch die Einleitung der Disziplinaruntersuchnng gegen den Rektor Ahlwardt beantragen. Ein ernster Verweis vom Provinzial- Schulkollegium und die Warnung, nicht neue Schuld- Verbindlichkeiten einzugehen, waren das Resultat der Untersuchung. Die milde Strafe gab dem Rektor Ahlwardt neuen Muth; er bezahlte jetzt einfach keine Zinsen mehr und behielt sich vor, seine Schulden nach seinem Belieben nach und nach abzuzahlen. — Immer schärfer und schneidender wurden die Konflikte zwischen dem Rektor Ahlwardt und seinen Lehrern; es kam endlich zu einer vollständigen Prügelei, so daß schließlich der städtische Schultnspector Herr Zedik sich gezwungen sah, den Rektor vom Amt zu suspendiren und abermalige Disziplinarnntersuchung gegen ihn zu beantragen. Dies sind in Kürze die Vorgänge, die Herr Ahlwardt in seiner Selbstbiographie schildert, natürlich in seiner Weise, indem er sich hinstellt als das Opfer einer niederträchtigen Verschwörung der Juden und Jndeuknechte, die den Zweck gehabt hat, ihn aus dem Amte zu bringen. An dieser Verschwörung sind alle seine Gegner, die Schulinspektoren und seine Lehrer betheiligt; allen wirft er vor, für ihre Zwecke die infamsten Mittel, selbst den Meineid eingeschloffen, gebraucht zu haben; aber nirgends bringt er für derartige Behauptungen auch nur den Schatten eines Beweises. Soll die städtische Schuldeputation, sollen die Schulinspektoren und die verleumdeten Lehrer gegen solche Anschuldigungen sich vertheidigen? Sie würden dem Ankläger damit eine Ehre erweisen, die er nicht verdient. Totschweigen soll man allerdings diese Verleumdungen nicht; es gebührt sich, daß sie vor dasjenige Forum gezogen werden, vor welches sie gehören — vor den ordentlichen Richter! Der Magistrat hat die Pflicht, die Schuldcputation, die städtischen Beamten und Lehrer gegen schamlose Angriffe dadurch zu schützen, daß er das gerichtliche Verfahren wegen Verleumdung gegen den Verfasser