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Der Israelit · 1890-09-11 · Heft 72-73 (11.9.1890) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 72-73 (11.9.1890)
Date
1890-09-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1325 auf einmal zu entsagen und wirklich als neuer Mensch ein neues Leben zu beginnen. Das erfordert das ganze Ausmaß sittlicher Kraft, unablässige Aufmerksamkeit auf jede Regung unseres Inneren und alle Aeußerungen unserer Thätigkeit, einen festen, starken Willen, kurz den ganzen Menschen in allen Beziehungen seines Sterbens und Gewissens. Eine einzige schwache Minute kann das Werk eines ganzen Lebens in Frage stellen! Der junge Vorsatz zum Guten soll nun Wache halten, über die alte, eingesessene Leidenschaft, die zurückgedrängt und gefesselt, täglich, stündlich auf die Wiedereinsetzung in ihre alten Rechte lauert. Dieser fortgesetzte Kamps gegen die Sünde und ihre Reize erscheint hart und schwer, weil er niemals aufhört, weil wohl wir schwach werden können. nicht aber die Leidenschaft, die ihr verlorenes Besitzthmn mit der alten Macht umlagert und aus den Augenblick wartet, in welchem unsere Unachtsamkeit ihr unser Inneres, Allerheiligstes wieder öffnet. Und doch ist der reine, feste, menschliche Wille stärker als die bestrickende Macht der Sünde. Wenn Gott uns zur Rückkehr ruft, so ist diese Rückkehr auch möglich, so sind wir nicht den Fangarmen verfallen, welche die Leidenschaft gegen uns ausstreckt. Sie fassen nur denjenigen, der von ihnen gefaßt sein will. „Laß' Dir nicht den Gedanken kommen," sagt in diesem Sinne Nambam in seinen Hilchot Teschubo, „an das, was die Thoren unter den Völkern der Welt und viele Unwissende unter den Kindern Israels glauben, als habe Gott über den Menschen es bereits von seiner Entstehung an verhängt, ob er recht oder schlecht werden soll. So nicht. Sondern Jedermann hat die Fähigkeit, gerecht wie unser Lehrer Moscheh und schlecht wie Jerobeam zu werden, ebenso kann jeder ein Thor, ein Mitleidiger oder ein Grausamer, ein Geizhals oder ein Freigiebiger werden, und so ist's mit allen Charakteranlagen. Niemand zwingt den Menschen, kein Verhängniß schwebt über ihm, und nichts zieht ihn nach einem der beiden Wege, die vor jedem liegen. Sondern der Mensch selber, aus freiem Entschluß, wendet sich dem Weg zu, den er will. Das hat Jirmijahu gesagt: „Aus des Höchsten Ausspruch erfolgt nicht das Böse und das Gute." Das heißt: der Schöpfer verhängt nicht über den Menschen, daß er gut und nicht daß er schlecht werden soll. — Ist das Letztere der Fall, dann hat der Sündige sich selber ruinirt. Er mag deßhalb wohl weinen und klagen über seine Vergehungen und über das, was er an seiner Seele damit verbrochen hat. In diesem Sinne heißt es an jener Stelle weiter: „Worüber mag der lebende Mensch sich härmen? Daß er Mann wird über seine Sünden." Weil wir eben die freie Wahl hatten und aus freien Stücken alles Schlechte thaten, deßhalb liegt uns die Pflicht der Rückkehr ob, ist es an uns, das Schlechte zulasten, „denn wir haben jetzt noch die freie Wahl." Es sind herrliche, goldene Worte, mit welchen in dem 7. Capitel desselben Tractates die aufrichtige Rückkehr zu Gott und ihre beglückenden Folgen geschildert werden: „Weil dem Menschen seine freie Entschließung gewährleistet ist, muß er sein Streben auf Teschuba richten, mit dem Munde seine Sünden bekennen, und von den Händen alles Unrechte abschütteln; damit er einst als Baal Teschuba stirbt und das Glück genießt an dem Leben der künftigen Welt theilzunehmen. — Möge man immer in dem Glauben leben, jetzt sei der Tod nahe, ja vielleicht übereile einen der Tod im nächsten Augenblick und man würde dann mit seinen Sünden belastet sterben, wenn man nicht sofort zurückkehre. Glaube nicht, zur Rückkehr sei es Zeit bis man alt ist, vielleicht stirbt man ohne alt zu werden. Deßhalb hat Schelomo gesagt: Alle Zeit seien Deine Gewänder weiß. — Glaube nicht, Teschuba wäre nur erforderlich, wegen solcher Sünden, deren Begehung mit einer That verbunden ist, wie z. B. geschlechtliche Ausschweifungen, Raub, Diebstahl u. dgl. So sicher diese Teschuba erfordern, so gewiß verlangen auch schlechte Gesinnungen unsere Rückkehr. Zorn, Haß, Neid, Spott, Sucht nach Geld, Ehre und Wohlleben, alle erfordern Teschuba. Ja, diese Sünden zu meiden, fällt schwerer als diejenigen, die durch eine That begangen werden, denn wer einmal in sie versunken ist, kann sich nur schwer von ihnen losreißen. Möge Niemand glauben, der reuig zu Gott wieder Zurückgekehrte stehe im Range tief unter den Frommen, wegen der Verbrechen und Sünden, die er nun einmal begangen. Im Gegentheil, Lieb und theuer ist ein solcher dem Schöpfer, als habe er niemals gesündigt, ja er hat einen großen Lohn zu gewärtigen, denn er hat die Süßigkeit der Sünde gekostet und hat trotzdem von ihr gelassen und seine Leidenschaft bezwungen. Sagen doch die Weisen, die Stelle, welche Baale Teschuba einnehmen, können nicht einmal die vollendeten Frommen inne haben, d. h., diejenigen, die schon einmal gefehlt haben, stehen höher als die, welche niemals gesündigt, weil es ihnen schwerer fällt, ihre Leidenschaft zu bezwingen, als jenen. Alle Propheten haben zur Teschuba gemahnt, und Israel wird nicht erlöst werden ohne Teschuba, wie dies bereits die Thora versichert, daß schließlich Israel Teschuba übt am Ende seines Exils und daß dann sofort die Erlösung folgt. So heißt es: Wenn alle diese Dinge über Dich gekommen

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