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Der Israelit · 1890-09-11 · Heft 72-73 (11.9.1890) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 72-73 (11.9.1890)
Date
1890-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1324 Deßhalb hat Gott in Seiner Gnadenfülle mitten in der Flucht der Zeiten, Marksteine und Ruhepunkte bestimmt, die uns zur Umkehr von unseren Jrrthümern, zur Rückkehr zur Pflicht, zur Einkehr bei uns selber unablässig mahnen, sobald wir einen Zeitabschnitt zurückgelegt haben. Allabendlich, wenn die Arbeit des Tages abgeschlossen ist, bevor wir unsere Seele in Gottes Vaterhand zurückgeben, mahnt uns die Widdui unseres Nachtgebets zur Selbstprüfung. Jede abgeschlossene Woche ladet uns mit Eintritt des Sabbat zur Beherzigung des Rufes: „Gedenke des Sabbat ihn zu heiligen!" und läßt uns mit unseren Wochenkleidern, alle Wochentagsgedanken und Sorgen oblegen, damit die Heiligkeit des Sabbat einziehe und alles Profane, Niedere und Gewöhnliche abweise, mit dem uns das Leben der Woche in Berührung gebracht. Jeder Monat, der sich seinem Ende neigt, schließt als „kleiner Versöhnungstag" und jeder Neumond wird zu einer nivd p?, Zeit der Sühne für alle dem Hause Israels Entsprossenen. Aber wenn erst das Jahr zur Rüste geht, und ein neues beginnt, bilden Sühnebedürftigkeit und Rückkehr Zu Gott und Seinem Gesetz die ausschließliche Signatur der ganzen Zeit und wandeln sie in Selichoth- und Teschubotage um, bis der Jomkippur erreicht ist, der uns Versöhnung und die eingebüßte Reinheit wieder bringt. Das Einfache und doch so eigenartig Wunderbare des Teschuba-Gedankens läuft leicht Gefahr, nicht in seiner ganzen Bedeutsamkeit erkannt, ja vielfach verkannt zu werden. Namentlich in unserer rastlos vorwärts drängenden Zeitrichtung scheint das Bewußtsein dessen vielfach getrübt, was Teschuba, Rückkehr, bedeutet, wie sie erlangt wird, was ihr eigentliches Wesen ausmacht, welche Folgen sie hat für den, der ihrer Mahnung mit aufrichtigem Ernste Folge leistet, sowie für denjenigen, der sich ihrem Ruf verschließt. Die aufrichtige Rückkehr zu Gott und die dadurch bewirkte Verzeihung und Versöhnung Gottes ist wohl das größte aller Wunder, das sich in jedem Menschen jederzeit auf's neue wiederholt, den der überwältigende Gedanke der Teschuba in seiner ganzen Tiefe ergreift. Sie ist ungemein leicht und ungemein schwer. Sie ist leicht, denn es bedarf nur der Erkenntniß des begangenen Unrechts und das in Worte gekleidete Bekenntniß desselben mit dem redlichen Vorsatz, nicht mehr der Sünde verfallen zu wollen, und die Rückkehr zu Gott ist vollzogen und Seine Verzeihung ist uns gewährleistet. Und doch ist sie schwer! Schwer ist es zunächst nur zu der Erkenntniß zu gelangen, daß man unrecht gehandelt hat. Die meisten Menschen verschließen sich gegen diese Erkenntniß und schämen sich ihrer, indem sie sich dadurch etwas zu vergeben glauben. Selbst wo wir auf unser Unrecht aufmerksam gemacht und darüber zu Rede gestellt werden, suchen wir uns und andere zu bereden und wenigstens den Schein zu erwecken, wir seien im Recht. Wir verübeln es demjenigen, der uns auf unsere Schwächen aufmerksam macht, und spinnen uns in ein ganzes Gewebe von Voraussetzungen, Anschauungen, Standpunkten und wie die Spielfächelchen alle heißen, ein, um in unseren Augen gerechtfertigt zu scheinen, und die Mahnung des Mahners als unberechtigte Zumuthung bezeichnen und sie so leichter abweisen zu können. Mögen wir aber das Unrecht nicht anerkennen, welches wir so offen und ohne Zweifel geübt haben, daß es andere sogar als solches anerkennen und zur Sprache bringen, wie sollen wir darauf verfallen, unser Unrecht allein zu suchen und zu finden! Die meisten Menschen, die ihr Thun und Lassen wirklich redlich prüfen möchten, haben durch die unfehlbare Rechthaberei, welche sich alle zuschreiben, ganz den Maßstab dafür verloren, was wirklich gut und vor allem was schlecht und verwerflich ist. Weil es ein undankbares Geschäft ist, Jemanden auf seine Schwächen und Fehler aufmerksam zu machen, findet sich unter hundert Leuten, mit welchen wir verkehren, oft nicht ein Einziger, der uns nur ehrlich in's Gesicht sagt, daß uns ein Kleidungsstück schlecht kleidet, wie sollten wir da einen treuen Spiegel erwarten können, in welchem unsere sittlichen und moralischen Gebrechen klar zum Ausdruck kommen! Nähmen wir uns aber trotzdem die Mühe, nach unseren Schwächen zu suchen und gelänge es uns sie zu finden, so liegt zwischen dieser Erkenntuiß und dem in Worte gekleideten Bekenntniß derselben noch eine große Kluft, die viele nicht zu überschreiten vermögen. In einer vorüber rauschenden inneren Regung sich eines Unrechts zu zeihen, mag auch dem Leichtsinnigen hie und da möglich sein, aber zu sagen, ich habe gegen dieses und jenes gefehlt, diese Selbstanklage in hörbar ausgesprochene Worte zu formuliren, dazu gehört eben eine Selbstüberwindung, die vielen abgeht. Und doch zeugt gerade unser Sträuben dieses bekennende Wort zu sprechen, daß wir noch schwer von Selbsttäuschung befangen sind, und daß nur über das von uns selbst abgelegte Bekenntniß der Weg zur Rückkehr führt. Hätte aber Jemand alle diese Hindernisse überwunden, hätte sein Unrecht erkannt und bekannt, so steht ihm das Schwierigste noch bevor: Der Vorsatz nun für immer zu brechen nüt der Sünde, alles zu meiden, was zu ihr führen könnte, alles zu suchen, was von ihr entfernen könnte, süßen Gewohnheiten, liebgewordenen Reizen und Genüssen

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