Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1890)
- Date
- 1890-09-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Kopf, als daß man ihm je eine Verstimmung hätte anmerken können, wenn ihm daran gelegen war, eine solche nicht merken zu lassen; und dieses Letztere war in diesem Augenblicke der Fall. Sie gingen noch einige Zeit in lebhafter Unterhaltung neben einander her. An einem Punkte, wo die Promenade zwei einander gegenüberliegende Straßen berührte, trennten sich unter Händedruck die beiden Lustwandler nach entgegengesetzten Richtungen, und Kirschner wanderte gedankenvoll seiner Wohnung zu, mit dem Entschlüsse, sich in den nächsten Tagen hinsichtlich seiner, jetzt in ihm verstärkten Vcrniuthung Gewißheit zu verschaffen. Einige Tage später sehen wir Max Kirschner im Wohnzimmer Carlisle's. Er und Elise befanden sich allein im Zimmer. Earlisle war im Geschäfte und Frau Earlisle hatte sich unter einem entschuldigenden Vorwände soeben in das untere Stockwerk begeben. Es war dieses allerdings nur ein Vorwand, wie er in ähnlicher Weise häufig vorkam, wenn Kirschner anwesend war, und hatte nur den Zweck, ihm Gelegenheit zum Alleinsein mit Elise zu geben. Elise saß, mit einer Stickerei beschäftigt, in einer Fensternische, Kirschner in einiger Entfernung von ihr. Er sprach über Dieses und Jenes und lenkte endlich das Gespräch auch auf Musik. „Wissen Sie, Fräulein Earlisle!" sagte er im Laufe der Unterhaltung, „so oft ich an Ihr im vorigen Herbste stattgefundenes schönes Geburtsfest zurückdenke, und das geschieht oft, tönen Ihr Clavierspiel und Ihr Gesang von damals in meiner Seele immer noch nach, obgleich seitdem schon viele Monate verstrichen sind! Sie sind wirklich in beiden, im Spielen und im Gesänge, eine Meisterin. Wer war denn so glücklich, Ihre bedeutenden Anlagen bis zu diesem Grade entwickeln und ausbildeu zu dürfen?" Elise verneigte sich erröthend, ohne von ihrer Stickerei aufzublicken, und antwortete: „Ich habe verschiedene Lehrer gehabt und habe fleißig geübt bin aber doch nicht über den Dilettantismus hinausgekommen." „Entschuldigen Sie, Fräulein! Sie sind zu bescheiden", sagte Kirschner. „Ich bin kein Laie in der Musik und glaube mir wohl ein Urtheil über musikalische und gesangliche Leistungen gestatten zu dürfen. Ich habe Ihre Leistungen in dem eben Gesagten nicht zu hoch angeschlagen. Sic machen Ihren Lehrern Ehre. Gehörte nicht auch Meseritzer zu diesen? Der soll ja ein Virtuos sein! Eliseu's Gesicht überzog sich mit Purpurröthe. „Ja," hauchte sie kaum hörbar heraus, indem sie ihren Kopf über ihre Arbeit neigte. „Ach ja, jetzt entsinne ich mich auch, Ihr Herr Papa hat mir ja mehreremal davon gesprochen und seinen Namen stets mit großen Lobeserhebungen genannt." Jetzt erröthete sie noch mehr, dabei aber umspielte einen Augenblick ein kauni merkliches freudiges Lächeln ihren Mund, der aber verschlossen blieb. Kirschner hatte sie während seines letzter» diplomatisch-schlauen Gespräches scharf ins Auge gefaßt; es war ihm nicht die leiseste Bewegung in ihrem Gesichte, sowie auch nicht der jähe Farbenwechsel in demselben entgangen. Er wußte jetzt genug. Was früher als bloße Vermuthung in ihm gelebt hatte, war ihm jetzt zur Gewißheit geworden. Er berührte jetzt diese Angelegenheit nicht weiter, sondern lenkte die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet über. Als Frau Earlisle wieder eintrat, unterhielt er sich mit dieser noch einige Zeit und verabschiedete sich dann auf eine so freundliche und liebenswürdige Weise, als ob seine Unterhaltung mit Elise nur der Berathung gegolten hätte, wann und wie eigentlich ihre nahe bevorstehende gegenseitige Verlobung gefeiert werden solle. (Fortsetzung folgt.) „Israelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Duchhundri sU bestehen bei E. F. Klrinacker, Leipzig, Hlohpiah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Kours. — Directe Francoznsendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für's Ausland l6 Reichs-Mark, an die Expedition franco einznsenden. Inhalt » Leitender Artikel: Der Gegensatz in den Gemeinden. — Literarischer Bericht. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Aus der Provinz Posen. Schivelbein. Rinteln. Schweinsun. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Prag. Stuhlweihenburg. 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