Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1890)
- Date
- 1890-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Beilage ju M 71 des.,Isra elit" Z-„Iefchurim" Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Kurhessen, 3. Sept. Zur Intoleranz mancher Geistlichen liefern die Eschweger Blätter soeben einen neuen Beitrag. In der Kirche zu Frieda wurde am Sonntag eine Gedenktafel enthüllt, welche die Namen jener Friedaer trägt, die den Feldzug 1870/71 mitgekämpft haben. Zufällig befindet sich unter diesen Kriegern einer israelitischer Religion, dessen Namen jedoch auf Veranlassung des dortigen Pfarrers Sch. keinen Platz auf der Tafel fand! Diese Handlungsweise hat hier allgemeinen Unwillen erregt. Darmstadt, 31. August. Das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz hat soeben eine Verfügung über die Seelsorge und Einrichtung periodischer Gottesdienste in den großherzoglichcn Gefängnissen erlassen, welcher wir Folgendes entnehmen: „Die Seelsorge in den Gefängnissen wird durch Besuche und geistlichen Zuspruch, durch Gottesdienst ausgeübt. Die Ausübung dieser Seelsorge steht dem mit Genehmigung des Ministeriums von der oberen Kirchenbchörde hiermit betrauten Geistlichen der betr. Konfession zu. Im Bedürfnißfalle oder in Fällen besonderer Dringlichkeit können auch andere Geistliche der betr. Konfession zur Aushilfeleistung herbeigerufen werden. Den mit der Seelsorge betrauten Geistlichen ist freier Eintritt zu den Gefangenen ihrer Konfession und die Möglichkeit zu Einzelunterredungen mit denselben zu gewähren. Eine Ausnahme tritt nur bei solchen Gefangenen ein, für welche besondere Gründe bestehen, den freien Eintritt zu beschränken. Für die Gefangenen evangelischer und katholischer Konfession sind an allen Sonn- und Feiertagen, ebenso an den Geburtstagen des Kaisers und des Großherzogs Gottesdienste abzuhalten, den jüdischen Gefangenen ist die Abhaltung von Andachtsübungen am Sabbat und jüdischen Feiertagen in einem dazu bestimmten Lokale zu ermöglichen. Bei dem Ableben eines Gefangenen in der Anstalt soll ebenfalls ein entsprechender Gottesdienst für die Angehörigen der Konfession des Verstorbenen abgehalten werden. Sämmtliche durch diese Vorschriften entstehenden Kosten werden aus Staatsmitteln bestritten. Berlin. Der unlängst hierher aus Palästina zurückgekehrte Herr S. I. Sachs erzählt über den Bestand der Kolonien im heiligen Lande Folgendes: Die meisten Kolonien beschäftigen sich mit dem Weinbau, doch gibt es auch viele, die ausschließlich den Ackerbau betreiben. Der Weinbau verspricht in Palästina in der Zukunft sehr großen Erfolg, da der größte Theil Cisjordaniens sich mehr zu demselben eignet. Doch ist für die ärmere Klaffe der Ackerbau vorzuziehen, weil derselbe schon im folgenden Jahre Früchte bringt, während der Weinbau 4—5 Jahre ohne jeglichen Erfolg betrieben werden muß und erst im fünften Jahre dem Besitzer die Unkosten vollständig entschädigt. — Dagegen eignet sichTransjordanieu ausschließlich zum Ackerbau, kann aber bisweilen von europäischen Juden in kleiner Anzahl nicht kolonisirt werden, weil das Land dort noch unkultivirt ist und von den Beduinen unsicher gemacht wird. Doch werden mit der Zeit diese Hindernisse beseitigt und die großen und üppigen Wiesen und Fluren des i"n^ lay von jüd. Händen bebaut werden. Der jetzige Zustand der jüdischen Kolonien im heil. Lande, deren Zahl bereits 12 beträgt, ist, mit einigen kleinen Ausnahmen, ein glänzender. Besonders gut sind die Verhältnisse der unter dem Protektorate des Herrn Baron Edmond v. Rothschild stehenden Kolonien. Es sind überall große steinerne Häuser gebaut worden, die Kolonisten besitzen alle zum Wein- und Ackerbau nöthigen Geräthschaften und Gebäude. Auch geistig ist für sie gesorgt worden: sie besitzen Schulen, Synagogen, Rabbiner, Schochet 2c. Die noch einiger Stütze bedürftigen Kolonien sind: Gederah und Pethach Tickwah. Berlin, 21. August. In einer aus gestern Abend vom antisemitischen Volksvereiu einberufenen öffentlichen Versammlung sprach der Reichstagsabgeordnete Pickenbach in der üblichen verhetzenden Weise. Die Versammlung nahm einen lebhaften Verlauf. Viele Sozialdemokraten waren anwesend. Zum Schluß ging sozialdemokratischcrseits eine ironische Resolution ein, die der Vorsitzende zur Verlesung und Abstimmung brachte. Sie lautete: „Die heute bei Hensel tagende öffentliche Volksversammlung erklärt, mit allen Kräften dahin wirken zu wollen, daß die Schändlichkciten des Antisemitismus in immer weiteren Kreisen bekannt werden. Sie erblickt darin eine Schmach des gesammten Vaterlandes, daß es überhaupt Deutsche gibt, die dieser aller Kultur spottenden Agitation Gehör schenken." Natürlich wurde dieselbe gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. Magdeburg. Die hiesige Stadtverordnetenversammlung hat auf Vorschlag des Magistrats Herrn Heinrich Silbergleit ausGleiwitz, zur Zeit im mathematisch-statistischen Büreau der Rheinischen Hypothekenbank in Mannheim, zum Direktor des statistischen Bureaus gewählt.