Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1890)
- Date
- 1890-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1309 Man sieht, eine Fülle Material wird geboten. Ob sich die diesmalige senkrechte Aufeinanderfolge der Tage des Jahres bei dem nunmehr beschränkten Raum für Notizen bewähren wird, bleibt abzuwartcn. Neben den Trauungen und Todesfällen wünschen wir eine besondere Rubrizirung der sonstigen Casualien. Kleinere Jrrthümer haben sich auch diesmal eingeschlichen. So fehlt im Rabbinerverzeichniß Grabowski, Höxter amtirt schon seit mehr denn Jahresfrist nicht in Wöllstein; unter den Dozenten des Berliner Rabbiner-Seminars fehlt Dr. Salomon Cohn. Daß ein Lehrer in Gothenburg seine silberne Hochzeit gefeiert hat, mag für diesen Herrn wohl recht erfreulich sein, braucht wohl aber kaum der staunenden Nachwelt unter der Rubrik „Bemerkeuswerthes aus dem Auslande" überliefert zu werden. Die diesmalige Anlage derB ibliograst h i e halten wir für durchaus verfehlt. Der Herausgeber nennt 32 Bücher, die bei ihm eingegangen sind und will auch in Zukunft die Schriften nur nennen, welche ihm in Freiexemplaren übersandt werden. So innig wir auch dem Herausgeber eine recht große und recht billige Bibliothek wünschen, so darf andererseits die Oeffentlichkeit, falls überhaupt eine Bibliographie geboten wird, beanspruchen, auch von anderen wichtigen Schriften, die im Laufe des Jahres erschienen sind, etwas zu erfahren; sonst kommt es, wie dieses Mal, daß die nichtsnutzige Brochüre des Dr. Levin hoch oben prangt, und die Hildesheimer-Jubelschrift, die eine Reihe klassischer Arbeiten enthält, todtgeschwiegen wird. Also, wir wünschen alle hervorragenden Schriften oder verzichten auf die Bibliographie. Im Uebrigen ist der Kalender vortrefflich redigirt. Die Ausstattung ist prächtig und macht der Verlagsbuchhandlung von Engel alle Ehre. Und so wünschen wir diesem Vademecum für Rabbiner und Lehrer eine recht große Verbreitung. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Berlin, 18. August. Man wird sich erinnern, daß am 20. März d. I. bei der Berathung des Etats des Unterrichts-Ministeriums im preußischen Abgeordnetenhause erzählt wurde, daß aus einzelnen Gymnasien die Zahl der Schüler jüdischen Glaubens einen sehr beträchtlichen Bruchtheil ausmache. Der Kultusminister von Goßler ergänzte damals die Ausführungen durch statistische Daten. Herr von Goßler hat, wie seinerzeit gemeldet worden, nun Anlaß genommen, von den Provinzial-Schulbehörden Berichte über die Zahl der Schüler jüdischen Glaubens auf den Gymnasien und Progymnasien einzufordern. Das Ergebniß dieser Berichte ist jetzt im „Reichsanzeiger" veröffentlicht worden. Nach dieser Statistik wurden im vorigen Sommerhalbjahr die 267 Gymnasien und Progymnasien des preußischen Staats von 94,089 Schülern besucht, darunter 68.0 Prozent evangelisch, 22.4 Prozent katholisch, 0.2 Prozent sonst christlich und 9.4 Prozent jüdisch, während an der männlichen Bevölkerung die Evangelischen mit 64.2, die Katholiken mit 34.2, die sonstigen Christen mit 0.3 und die Juden mit 1.3 in Prozenten antheilig sind. Unter den Schülern der Gymnasien sind demnach die Evangelischen etwas über dem ihnen zustehenden Prozentsatz, die Katholiken bemerkenswerth unter dem ihrigen und die Juden unverhältnißmäßig stark vertreten. — Auf je 10,000 männliche Mitglieder der einzelnen Glaubensbekenntnisse bezw. Religionsgemeinschaften kommen im Staatsdurchschnitt: bei den Evangelischen 71.7, bei den Katholiken 44.3, bei den sonstigen Christen 47.9; bei den Christen überhaupt 62.2 und bei den Juden 489.3 Gymnasialschüler. An dem Besuch der Gymnasien sind im Staatsdurchschnitt die Evangelischen mit drei Fünftel mehr als die Katholiken und die Juden beinahe 8 Mal so stark als die Christen überhaupt betheiligt. Diese Statistik ist ganz interessant, aber sie führt, weil sie lückenhaft ist, nothwendig zu falschen Schlüssen. Die Statistik ist eine große Helferin, doch muß man sich ihrer Hilfsmittel vollständig bedienen. Wenn man blos einzelne Zahlen herausgreift, so führt die Statistik auf Irrwege. Daß man dies im vorliegenden Falle nicht beachtet hat, nimmt uns in hohem Maße Wunder, weil Herr von Goßler selbst in jener Abgeordnetenhaus-Sitzung vom 20. März d. I. darauf hingewiesen hat, wie groß der Einfluß des Wohnorts auf die Wahl der Bildungsmittel der Bevölkerung sei. Herr von Goßler fügte hinzu, daß er durch diese Angaben überrascht worden sei. Das erklärt sich leicht daraus, daß Herr von Goßler sich mit statistischen Fragen, die ja auch nicht auf seinem eigentlichen Gebiete liegen, wenig beschäftigt hat. Hätte er das früher gethan, so würde er gewußt haben, daß gegenüber dem Moment des Wohnorts alle anderen Erklärungsversuche für die Zahl jüdischer Studirender und Gymnasial-Zöglinge, wenn sie überhaupt zutreffend sind, fast gar nicht in's Gewicht fallen. Gymnasien sind nur in den Städten, und demgemäß besuchen hauptsächlich Kinder der Stadtbewohner die Gymnasien. Wohnten die Juden auf dem flachen Lande so überwiegend, wie sie gegenwärtig in den Städten wohnen, so würde die Zahl der jüdischen Gymnasiasten bei der erschwerten Bildungsgelegenheit sehr zusammenschrumpfen. In der oben mitgetheilten Statistik ist nun hierauf gar keine Rücksicht genommen. Wollte man in objektiver Weise den Antheil der Bevölkerung jüdischen Glaubens an