Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-09-08 · Heft 71 (8.9.1890) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 71 (8.9.1890)
Date
1890-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448093--30687-2478477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1310 dem Besuch der Gymnasien und Progymnasien feststellen, so mußte man nicht, wie geschehen, die Bevölkerungsziffer der Juden und Christen im ganzen Staate miteinander in Vergleich bringen, sondern lediglich die städtische Bevölkerungsziffer der verschiedenen Konfessionen. Uns stehen die einschlägigen Zahlen nicht mit der nöthigen Sicherheit zu Gebote, aber Herrn von Goßler sind sie leicht zugänglich, und er wird deßhalb unschwer die Korrektur jener Statistik eintreten lassen können. Da wir einmal die Aeßerung des Herrn von Goßler vom 20. März d. I. citirt haben, wonach „ein großer Theil der jüdischen Mitbürger auf dem flachen Lande sich nicht ansiedeln will, sondern die größeren Städte aufsucht", so wollen wir nicht verfehlen, abermals darauf aufmerksam zu machen, daß unseres Wissens die jüdische Bevölkerung durchaus keine Abneigung hat, sich auf dem flachen Lande anzusiedeln, daß sie nur deshalb dort nicht angesiedelt ist, weil sie sich in früheren Zeiten dort nicht ansiedcln durfte. Daß jetzt bereits achtzehn Prozent sämmtlicher Juden auf dem flachen Lande wohnen, ist ein starker Beweis von einer sehr entschiedenen Neigung der Juden zur landwirthschaftlichen Beschäftigung. Wenn Herr von Goßler sich um eine Unterstützung dieser Neigung verdient machen will, so ist er dazu in der Lage, indem er seine Kollegen im Ministerium veranlaßt, auf die Ansiedlungs-Kommission für Posen und Westpreußeu dahin zu wirken, daß sie die Bewerbungen jüdischer Kolonisten nicht wie bisher zurückweist. Berlin, 22. August. Aus einer vorgestern Abend vom „Antisemitischen Volksverein" nach Hensel's Saal einberufeneu Volksversammlung, in welcher der Abgeordnete Pickenbach einen Vortrag über Antisemiten und Sozialdemokraten hielt, theilen wir charakteristisch nur das Folgende mit. Der Vortrag bezweckte die Aufreizung der Sozialdemokraten gegen die Juden und schloß demgemäß mit dem Rufe: „Nieder mit dem internationalen Judenthum!" Die in Mehrheit anwesenden Antisemiten brüllten Beifall, wogegen die Sozialdemokraten — etwa 100 — „Pfui" dazwischen riefen. Es kommt zu einer scharfen Diskussion, die einen stürmischen Verlauf nimmt. Ein Sozialdemokrat meint, die Antisemiten verherrlichen den Krieg, daher die hohen Steuern. Ein Anderer: Wir machen keinen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Kapitalisten. Klempner Engel (Sozialdemokrat): Es hat mir viel Vergnügen bereitet, für 20 Pf. Entree hier eine Komikervorstellung zu sehen. (Stürmische Entrüstung.) Man muß sich wundern, hier unter erwachsenen Leuten zu sein. v. Nassau (Antisemit): Bei der Komikervorstellung ist der Vorredner, wie es scheint, der Clown. (Große Heiterkeit.) Pickenbach widerlegt, die Vorredner und weist aus der staatsgefährlichen Stellung des Judenthums nach, wie gerade die guten Freunde der Sozialdemokraten schuld sind an unserem hohen Militäretat. Nach weiterem Hin- und Herreden wird von einem Sozialdemokraten die bereits oben gegebene „Resolution" eingebracht: Nachdem Herr Pickenbach die Zurechnungsfähigkeit des Antragstellers bezweifelt hatte, wurde dieselbe von den Antisemiten zwar abgelehnt, aber sämmtliche Sozialdemokraten stimmten unter Hohngelächter dafür. Sie haben in diesem Punkte die Gebildeten aller Länder für sich. Ans der Provinz Posen, 4. Sept. Gestatten Sie, geehrter Herr Redakteur, daß ich in diesen weitverbreiteten Blättern eine Sache in Anregung bringe, die zwar auch schon von anderer Seite erörtert wurde, meiner Ansicht nach indeß niemals so aufgegriffcn worden ist, daß ein größerer und practischer Erfolg damit zu verzeichnen gewesen wäre. Als vor einigen Jahren die Sitte sich bei uns cinbürgerte, mittelst gedruckter Karten Freunden und Bekannten den Nenjahrswunsch zu übermitteln, beschränkte sich diese Gepflogenheit anfangs nur auf das Versenden von Karten an die nächsten Verwandten und die intimsten Freunde. Von Jahr zu Jahr gewann aber die Sache immer mehr an Ausdehnung, die Fabrikanten dieser Karten ersonnen stets „Neuheiten", die oft ganz ansprechend, in vielen Fällen aber höchst geschmacklos und oft dem Ernste des heiligen Festes durchaus nicht angemessen sind. Man begnügte sich nicht mehr wie früher damit, denjenigen, die Einem lieb und theuer, mit diesen Karten zu sagen, daß man in weihevollen Stunden an sie denke, man schickt vielmehr an alle möglichen Leute, an Geschäftsfreunde," Badebekanntschaftcn n. s. w., ja sogar die Mitglieder einer Haushaltung tauschen durch die Post jetzt gegenseitig solche Schabloneuglückwünsche aus. Die Folge davon ist, daß mit dem Herannahen des heiligen Festes uns stets ein gelindes Fieber überfällt bei dem Gedanken, wem und wieviel Karten man zu senden hat und daß selbst bei demjenigen, dessen Verkehr ganz beschränkt ist, sich der Kartenverbrauch auf Hunderte beläuft. Wie gut könnten unsere darbenden Glaubcnsbrüder im heiligen Lande, die sich Tag und Nacht mit dem Erforschen unserer heiligen Thora befassen, den Betrag des oft hier nutzlos verschwendeten Porto's gebrauchen! Ich erlaube mir deßhalb den Vorschlag zu machen: man möge in Zukunft seinen Namen einfach in diesen Blättern veröffentlichen; die Redaktion derselben wird sich wohl gern bereit erklären, speziell für diesen Zweck für die Insertion einen ermäßigten Tarifsatz, etwa 15 Pfennige für die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.