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Der Israelit · 1890-09-04 · Heft 70 (4.9.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 70 (4.9.1890)
Date
1890-09-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1304 Eine Gemeinschaft, die ihre eigene Vergangenheit nicht kennt, ist wie ein Mensch, dem die Kraft des Gedächtnisses fehlt. Die Gegenwart ist ein Product der Vergangenheit; sie bildet gleichsam die Brücke, die uns aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberführt. Wollen wir die Gegenwart verstehen, so müssen wir die Vergangenheit zu erforschen suchen; wer für die Zukunft wirken will, der muß sich mit den geistigen und sittlichen Mächten vertraut machen, die, wie sie das Leben der Vergangenheit beherrschen, so auch auf die Entwickelung der Zukunft einen bestimmenden Einfluß ausüben werden. Soll daher die Schule, der ihr gesteckten Aufgabe getreu, ein Geschlecht erziehen, das an den idealen Aufgaben der Gegenwart tatkräftig mitwirkt, so muß sie in der Jugend den Sinn und das Verständniß für die geschichtliche Vergangenheit zu erwecken suchen, sie muß die Jugend mit Liebe und Begeisterung zu erfüllen wissen für die heiligen Ideale, die wir als ein Erbe der Vergangenheit übernommen haben und auf die Zukunft fortzupflanzen berufen sind. So muß auch die jüdische Schule, um echte, glaubenstreue und begeisterungsfähige Juden heranzubilden, der ihr anvertrauten Jugend das Verständniß für die geschichtliche Vergangenheit des Judentums erschlossen, sie muß sie durch einen angemessenen geschichtlichen Unterricht für die Aufgaben vorbereiten, die das Judenthum der Gegenwart zu erfüllen hat. Das Judentum ist nach einem Worte Jehuda Halevi's gleichsam das Herz der ganzen Menschheit, so stellt uns die Geschichte des Judenthums die Geschichte des Menschenherzens dar. Und gerade in unseren Tagen ist es mehr als sonst geboten, durch einen wirksamen Unterricht in der jüdischen Geschichte zur Kräftigung und Hebung des jüdischen Bewußtseins beizutragen. Woran es dem Judentum der Gegenwart fehlt, das ist der Stolz, die Bekenntnißfreudigkeit, wie sie aus dem Bewußtsein einer großen geschichtlichen Vergangenheit entspringen. Was weiß unser heutiges Geschlecht von der Heldengröße unseres Stammes, von dem gewaltigen Martyrium, der wunderbaren Standhaftigkei: und Treue, mit der unsere Väter so viele Jahrhunderte hindurch für ihre Ueberzeugungen eingetreten sind? Der Abfall in unseren Reihen, die Geringschätzung, mit der so viele unter uns auf das Judenthum herabblicken, ist eine unausbleibliche Folge dieser Unkenntniß, der in wirksamer Weise abzuhelfen, die jüdische Schule fortan bestrebt sein muß. Was zunächst die Volksschule betrifft, so wird in ihr bei dem Unterricht in der jüdischen Geschichte in derselben Weise wie bei dem Geschichtsunterricht überhaupt zu verfahren sein. Man vermeide alle Namen und Daten, die als todter Ballast nur das Gedächtniß beschweren, ohne dem Kinde eine anschauliche Vorstellung, eine Anregung für das Herz und Gemüth darzubieten und lehne den Unterricht in der jüdischen Geschichte an den Unterricht in der Weltgeschichte an. So wird z. B. der Lehrer seinen Kindern ein Lebensbild Alexanders des Großen vor Augen führen. Warum sollte er, daran anknüpfend, nicht auf das Verhältniß Alexanders zu den Juden, auf die Geschichte der Juden unter den Nachfolgern Alexanders, den Ptolemäern und Seleukiden eingehen und diese etwa bis zum Abschluß der Makkabäerkämpfe fortführen? In der römischen Geschichte werden die Gestalten Schcmaja und Abtaljons, des Hillel und Schammai zu behandeln sein. Selbstverständlich wird man bei Titus der Zerstörung Jerusalems und des Tempels gedenken; daran anschließend wird man ein Lebensbild des Rabbi Jochanan ben Sakkai entwerfen und, die Geschichte bis zum Barkochbakriege in kurzen Zügen fortführend, sie mit dem Lebensbild Rabbi Akiba's zum Abschluß bringen können. Die Geschichte Karls des Großen bietet Veranlassung, auf die Geschichte der Juden in Deutschland, die Geschichte der Kreuzzüge auf die Judenverfolgungen in Deutschland und Frankreich uno im Anschluß an die Sage von der Begegnung Gottfried von Vouillon's mit Raschi auf die Bedeutung dieses hervorragenden Mannes einzugehen. An die Geschichte Rudolfs von Habsburg läßt sich eine Darstellung des Lebens und der Schicksale Meier's von Rothenburg anknüpfen. Bei der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus wird man einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Juden in Spanien geben und die Gestalten eines Jehuda Halevi, eines Mose ben Maimon und eines Isaak Abarbanel hervorheben können. Die Zeit Friedrichs des Großen bietet die Veranlassung dar, die Geschichte der Juden in Preußen und besonders das Lebensbild eines Moses Mendelssohn zu behandeln. So sollte die Weltgeschichte gewissermaßen das Rückgrat bilden, an dem die Thatsachen aus der jüdischen Geschichte einen festen Halt gewinnen und sich in scharfumrissener Form dem Geist der Kinder einprägen könnten. — Eine werthvolle Ergänzung dieses Unterrichts müßte das Lesebuch bieten. Das deutsche Lesebuch ist das Grundbuch der Volksschule; alle Unierrichtsgegenstände sollen in ihm ihre Vertretung finden. Warum in der jüdischen Schule nicht auch die jüdische Geschichte? Es wäre der Mühe der Edelsten werth, einzelne Gestalten aus der jüdischen Geschichte in einzelnen abgerundeten Bildern für das Lesebuch der jüdischen Volksschule zu bearbeiten. Nach beendigtem, gehaltvollen und überaus anregenden Vortrage drückt die Versammlung dem Herrn Redner ihren Dank durch Erheben von den Sitzen aus. Im Laufe der lebhaften, der Wichtigkeit des

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