Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 70 (4.9.1890)
- Date
- 1890-09-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448092--30670-2478459- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1294 Die sämmtlichen jungen Herren, welche an dem Feste im Carlisle'scheu Hanse theilgeuommen hatten, hielten es für Pflicht, in darauffolgenden Wochen der Familie Carlisle Besuche abzustatten, um sich nach dem Befinden derselben, namentlich aber nach dem des Geburtstagskindes, zu erkundigen. Sie haben diese Anstandspflicht auch durchaus nicht, wie das sonst zuweilen der Fall ist, als einen lästigen, ihnen von der Sitte aufgelegten Zwang betrachtet, sondern dieselbe mit sehr willigem Herzen in Erfüllung gebracht und sogar später jeden passenden Vorwand zur Wiederholung dieser Besuche benutzt. Am eifrigsten und ausdauerndsten zeigte sich in dieser Beziehung Max Kirschner, und dieses um so mehr, als die Eltern Elisen's ihm hierzu geflissentlich oft Anlaß gaben. Die übrigen jungen Herren bemerkten dieses und zogen sich aus strategischen Gründen nach und nach zurück. Sie hatten, ein Jeder für sich, eingesehen, daß ein voreiliger Angriff auf der ganzen Linie zugleich, das heißt aus der im Reiche der Liebe üblichen militärisch-technischen Bezeichnung in allgemein verständliches Deutsch übersetzt: ein Sturm auf die Herzen der Eltern und das Herz der Tochter zu gleicher Zeit, im vorliegenden Falle keine Aussicht auf Erfolg habe, sondern daß es zweckentsprechender sei, sich erst behutsam an einen strategisch wichtigen Punkt heranzuschleichen und diesen in Besitz zu nehmen, um sich eine feste Stellung zu sichern, von welchem aus man dann weiter siegend Vorgehen könne, das heißt wieder in gutem Deutsch: man müsse erst das Herz der Tochter erobert haben, um bei den Eltern auf Erfolg rechnen zu können. Das erstere, meinten sie, ließe sich am besten bei dem ja nunmehr zu hoffenden, öfteren gesellschaftlichen Zusammentreffen in Ausführung bringen. An Bemühungen, dieses Ziel zu erreichen, ließen sie es auch nicht fehlen; wir wollen indessen jetzt schon verrathen, daß sie die Vergeblichkeit dieser j Bemühungen bald einsahen und den Feldzug einstellten. Nicht so leicht ließ sich Max Kirschner von seinen Eroberungsgelüften abbringen. Er befand sich allerdings auch gegen die übrigen Mitstreber in bedeutendem Vortheile. Er wurde von den Eltern der zu seiner Bewerbung Auserkorenen in bevorzugter Weise begünstigt. Auf dieser Seite gesichert, glaubte er auf seinem weitern Eroberungszugc keinen Schwierigkeiten mehr zu begegnen. Er fand sich aber arg getäuscht. An das sich spröde zeigende Herzchen Elisen's ließ sich nicht so leicht herankommen, wie er sich das gedacht hatte. Max Kirschner war von dieser Wahrnehmung nicht wenig verblüfft. Er war daran gewöhnt, daß die Herzen der heirathsfähigen Töchter ans den reichsten Familien ihm nur so entgegenflogen. Er hätte nur zu wählen brauchen! Und hier sollte er auf Widerstand stoßen bei einem Mädchen, auf das er schon seit Jahren sein Augenmerk gerichtet hatte und itm dessen willen er bis jetzt unverheirathet geblieben war! Er hielt sich für so unwiderstehlich, daß cs ihm ganz unerklärlich schien, wie es einem so jungen Mädchen nur möglich sei, sich ihm gegenüber in ihrer Unterhaltung und in ihrem Benehmen stets nur innerhalb der Grenze freundlicher Höflichkeit zu bewegen, ohne sich von ihm, all' seinen Bemühungen zum Trotze, auch nur ein einzigesmal über diese Grenzlinie hinaus in das jenseits derselben liegende Gebiet innigen Gcfühlsaustausches und warmer Herzenssprache bringen zu lassen. Das erregte bei ifym Bewunderung und Aerger zugleich, Bewunderung, wegen der Kraft und Gewandtheit des Geistes, die sie dadurch bekundete, und Aerger, wegen des, wie er glaubte, stolzen Widerstandes ihres Herzens, das sich erst nach langem Liebesmühen öffnen zu wollen schien. (Fortsetzung folgt.) „JSraelit" und „Jeschurun" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindesten» 2 Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, sür's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Auch Handel M bestehen bet E. F. Steinackrr. Leipstg« Doßplatz 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile ober deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., sür's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco ein^nfenden. Inhalt lHauPtblatt): Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Literarischer Bericht. — Zeltungsilachrichlen und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Altona. Emden. Osnabrück. Magdeburg. — Oesterr. Ungar. Monarchie: Wien. Tarnow. — Holland: Amsterdam. — Rußland. — Frankreich: Paris. — England: Cambridge. — Egypten: Kairo: Amerika: New-Aork. — Feuilleton: Eine bekannte Melodie. Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Westerburg. München. — Oesterr.Ungar. Monarchie: Lemberg. — England: Ramsgate. — Brasilien. Inhalt d. „Blätter f. d. isr. Schule": Protokoll der am 2. Juni 1890 im Sitzungssaale der Synagoge zu Hannover stattgefundenen Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Hannover. — Aus Stadt und Land: Aus Oberschlesien. Stuttgart. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.