Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-09-04 · Heft 70 (4.9.1890) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 70 (4.9.1890)
Date
1890-09-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448092--30669-2478458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1293 Feuilleton. Eine beknnnkv Melodie. Eine Erzählung von B. Haus e. (Fortsetzung.) Das Geburtstagsfest verlief ganz programmmäßig. Die einfache und doch vornehme Pracht und Zweckmäßigkeit in der Ausstattung der Gesellschaftssäle, die geschmackvolle Anordnung des Festes und die überaus feine Durchführung desselben, der Empfang und die Bewirthung, alles war in den Formen des feinsten Geschmackes und des vornehmsten Stiles gehalten und erregte die Bewunderung und den Beifall Aller. Die größte Bewunderung aber zog das Geburtstagskind auf sich, als dasselbe in den Festsaal trat unter die in dem großen Raume noch umhergehenden und stehenden Gäste. Es ging mit ihrem Eintritte ein Leuchten durch den Saal, als ob die Sonne plötzlich ihre ganze Strahlenpracht über denselben ausgegossen hätte. Ein leises, bewunderndes „Ah" entwand sich dem Munde eines Jeden der Anwesenden. Fräulein Carlisle war in den anderthalb Jahren, seitdem wir ihre Gestalt zum erstenmale gezeichnet haben, zur vollendeten Jungfrau herangereift. Aus der damaligen vielversprechenden Knospe war eine vollentfaltete, schönheiterfüllte Blume geworden. Sie war noch um einige Zoll gewachsen. Ihre damals noch zarten Körperformen hatten sich kräftiger gestaltet und ihr Angesicht strahlte jetzt in der vollendetsten Schönheit. Das mit einem weißen Spitzenüberkleide überdeckte, aus hellblauem Seidenstoff bestehende Kleid, welches ihre Gestalt umschloß, stand ihr herrlich zu Gesichte. Ihr goldglänzendes Haar war in Zopfgestalt an ihrem Hinterkopse zu einem Knoten geschlungen, an dessen Seite eine blauseidene Schleife angebracht war. Außer einem Paar sehr kleiner Brillantohrringen und einer kleinen Brillantbroche war kein Schmuck an ihr zu sehen. Aller Blicke blieben einen Augenblick bewundernd an ihr haften, dann stürmten Alle beglückwünschend auf sie zu. Sie nahm diese Glückwünsche mit reizender Kindlichkeit dankend entgegen. Daß auch ihren Eltern viel Schmeichelhaftes über ihre Tochter gesagt wurde, versteht sich von selbst. Sie strahlten vor Glück und Freude; doch hätte einem eingewcihten aufmerksamen Beobachter die Bemerkung nicht entgehen können, wie im Gesichte Carlisle's, mitten im größten Freudenglanze, zuweilen plötzlich ein herber Schmerzensausdruck sich bordrängen wollte, aber von ihm mit vieler Selbstbeherrschung jedesmal wieder zurückgedrängt wurde. Es war ein sich ihm heute besonders bei der Betrachtung seiner Tochter jedesmal aufdrängeuder, ungemein peinlicher Gedanke, der diesen Schmerzensausdruck ihm ins Gesicht zu zeichnen suchte, der Gedanke nämlich, daß dieses sein reizendes, von blendender Schönheit umstrahltes Kind, eine Fünfzigmillionenerbin, es sich in den Kopf gesetzt habe, einem Menschen angchören zu wollen, an dem der in seinen Augen ganz unentschuldbare Makel hafte, kein — Millionär zu fein! Als nach aufgehobener Tafel Elise von ihrem Vater aufgefordert wurde, etwas auf dem Clavier vorzutrageu, that sie dieses mit so vollendeter Meisterschaft, daß ihr rauschender Beifall gespendet wurde. Sie hatte sich in den anderthalb Jahren wirklich zur Birtuosin ausgebildet. Gleichen Beifall erntete ihr Gesang, der von tüchtiger Schulung zeigte. Dieser Beifall war kein geschmeichelter und kein Höflichkeitsbeifall, sondern ein vollberechtigter. Um zehn Uhr folgten programmmäßig Gesellschaftsspiele. Max Kirschner hatte sich Elise zur Nachbarin erbeten und auch ihre Bewilligung erhallen. Er sowohl, als auch die anderen jungen Herren hielten sich stets in ihrer Nähe; sie war die Sonne, welche sie anzog. Ein Jeder von ihnen hoffte ihr einen mehr, als blos freundlichen Blick ablocken zu können; ihre Bemühungen waren aber vergeblich. Sie wußte, ihrer heutigen Pflichten als Geburtstagskind gegen ihre Gäste eingedenk, trotz ihrer Jugend einem Jeden der sie umschwärmenden jungen Herren freundliche Aufmerksamkeit zuzuwcnden, ohne doch dabei ihre vornehme Zurückhaltung auch nur einen Augenblick aufzugeben; ebenso verstand sie es, die ihr so freigebig gespendeten Schmeicheleien mit Geist und Gewandtheit von sich abzuwehrcn oder doch in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. Man hätte daran zu zweifeln sich berechtigt glauben können, daß dieses so taktfeste, reizende Kind heute zum erstenmale in großer Gesellschaft erschien. Um zwölf Uhr fuhren die Equipagen vor. Die Gesellschaft rüstete sich zuni Ausbruche und verabschiedete sich unter den üblichen Umständlichkeiten und Förmlichkeiten. Nach Verlauf einer Viertelstunde war es in den eben noch so belebten und hell erleuchteten Räumen still und dunkel geworden. Die Inhaber derselben suchten ihre Schlafzimmer auf und die Gäste befanden sich bereits wieder ein Jeder in seinem Heim, vergnügt, einen so schönen Abend verlebt zu haben. Viele der jungen Herren hatten in der Erinnerung ein Bild mit nach Hause genommen, das in dieser Nacht bei ihnen den Schlaf verscheuchte und die Ruhe ihrer Herzen noch lange Zeit in Störung erhielt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.