Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 70 (4.9.1890)
- Date
- 1890-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1292 anbrechen. Gegen dieses neue Moliewer Judengesetz ist übrigens von jüdischer Seite auf verschiedene bemerkenswertbe energische Weise agirt worden. In einem kleinen Moliewer Städtchen z. B. thaten sich täglich alle Juden.zusammen und verneigten sich in eorxorv vor jedem Beamten, dem sie auf der Straße begegneten, indem sie dafür sorgten, jedesmal von einer anderen Ecke derjenigen Straßen zu kommen, durch welche der Beamte gehen mußte, um ihm so wiederholt dieselbe Huldigung darzubieten. Die so in's Lächerliche gezogene Ehrenbezeugung schien dem Geschmacke der dortigen Beamten nicht zu entsprechen; die betreffenden erschienen wenigstens nach einigen Tagen in Civil-Kleidung. Ein Cirkus, der nach der Stadt Homel kam, wurde von keinem Juden besucht. Als einige, mit den Juden befreundete Magistratspersonen dem dortigen Rabbiner und sonstigen jüd. Notabeln gegenüber über dies Gebühren der Juden ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen, erhielten sie die einfache, doch vielbedeutcnde Antwort, die Juden seien nicht gesonnen, in einem öffentlichen Etablissement, das doch zur Erholung bestimmt sei, sich der Gefahr auszusetzeu, eine schwere Geldstrafe durch die etwaigeNichtachtung anwesender „Staatsbeamter" zu erhalten. Die Folge davon war, daß der Cirkus bereits am dritten Tage Homel wieder verlassen mußte, da in dessen Zuschauerraum allzuviele Aepfel hätten zur Erde fallen können. In Odessa, wo andere nicht gerade philosemitische Maßregeln von der Polizei getroffen sind, belästigen die Juden ebenfalls Theater und sonstige öffentliche Vergnügungslokalitäten nicht mit ihrem Besuche. Diese Zurückhaltung ist natürlich am meisten in den betreffenden Cassen fühlbar. Die energische Haltung der jüdischen Bevölkerung wird wohl das beste Mittel sein, den Judenfressern zu imponiren. Möchten doch auch unsere hohen und höchsten Kreise davon Kenntniß nehmen, damit das erlösende Wort bald gesprochen werde, das von so vielen Tausenden heiß ersehnt wird. L. Frankreich. Paris, 21. August. Unser Glaubensgenosse Herr Lisbonne ist zum zwanzigsten Male zum Präsidenten des Generalraths von Herault gewählt worden. England. Cambridge, 28. August. Im kommenden Semester wird der Lehrstuhl für Hebraica wieder besetzt werden. Bekanntlich wirkte und lehrte hier der sel. Dr. Schiller-Szinessy seit einer Reihe von Jahren, und nun wurde kürzlich, auf Empfehlung des Herrn Dr. Adler und auswärtiger jüdischer Gelehrten, Herr Salamon Sch echter (aus Rumänien gebürtig), zum Lector ernannt. Wir hoffen, daß derselbe Ersprießliches leiste und die Liebe und Begeisterung für jüdische Literatur, welche der sel. Dr. Schiller-Szinessy in das Herz seiner jungen Hörer zu verpflanzen verstand, in gleichem Maße erwecken möge. Ein glänzendes Zeugniß für die Leistungen des seligen Doctors bildet die große Gelehrsamkeit des jungen Mr. Harry Lewis, des Verfassers des hebbräischen Commentars zum Targum Jesaiah, welcher durch den hier in Cambridge erlangten gediegenen Unterricht im Hebräischen sich staunenswcrthe Kenntnisse der hebr. Sprache und vielseitiges Wissen in D'pDisi d"w aneignete. Derselbe ist ein geborener Engländer und war früher Redakteur des orthodoxen Organes „Jewish Standard“. — (Der jetzige Redakteur ist Dr. H i r s ch.) Egypten. Kairo. Am 12. man starb nach zehnmonatlichem Krankenlager der hiesige Oberrabbtner der Sephardim, Herr David Mirkado im Alter von 71 Jahren. Vor dreißig Jahren kam er aus Jerusalem hierher, um als zur Stütze! des damaligen Oberrabbiners Elias Israel zu fungiren. Nachdem Letzterer vor etwa fünf Jahren nach der h. Stadt übergesiedelt, wurde dem Verstorbenen das Rabbinat der sephardischen Gemeinde übertragen, welches er mit der größten Sorgfalt und Aufopferung verwaltete, wobei er sich die ungetheklte Liebe und Hochachtung sämmtlicher Gemeindemitglieder erworben. Zu dem Leichenbegängnisse, dem über 3000 Personen anwohnten und während dessen sämmtliche Läden der Israeliten geschlossen waren, hatte die Regierung eine Abtheilung Reiterei geschickt. Der pn Rabbi und Sir Moses Katavy hielten Trauerreden, bei denen alle Anwesenden in Thränen ausbrachen. irznnn Amerika. New-Uork, 2. August. Der hochherzige Philantrop Herr Jacob H. Schiff hat einen neuen Beweis seiner wahrhaft fürstlichen Wohlthätigkeit und seines opferfreudigen Interesses für unsere eingewanderten russisch-polnischen Glaubensgenossen gegeben. Viele der Letzteren wurden in ihrer Unerfahrenheit durch betrügerische Bankangestellte beschwindelt, viele nach der alten Heimath für zurückgelassene Familien abgesandte kleine Summen wurden unterschlagen, größere Depositen einfach nicht zurückbezahlt u. s. w. Auf Veranlassung und unter Leitung des Herrn Jakob H. Schiff wurde nun jüngstens die Statesbank eröffnet, welche den Leuten Sicherheit und reelle Behandlung garantirt und sie gegen fernere Verluste schützt.