Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-09-04 · Heft 70 (4.9.1890) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 70 (4.9.1890)
Date
1890-09-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448092--30667-2478456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1291 Die eben geschilderten Verhältnisse benützte eine Anzahl von 15 Mitgliedern und versuchte eine Separatgemeinde zu bilden. Sie nannten sich unter dem Vorgeben, daß die Gemeinde unerlaubte Reformen im Gottesdienste gestattete, „altjüdische Gemeinde" und verweigerten die Zahlung der auf sie fallenden Beiträge. Diese, in Höhe von 280 Thalern, wurden jedoch vom Magistrat executorisch eingezogen und in Asservation genommen. Das Ministerium entschied dahin, daß hier nur eine, kraft der früheren Gesetzgebung mit corporativen Befugnissen ausgestaltete jüdische Gemeinde bestehe und daß die Mitglieder der sogenannten „alljüdischen Gemeinde" nicht für berechtigt erachtet werden könnten, diejenigen Beiträge und Leistungen zu verweigern, die sie als'Mitglieder jener Corporation zu entrichten hätten. Die in Asservation genommenen Beiträge seien an den Vorstand herauszuzahlen. Damit war diese Angelegenheit erledigt. Die vollkommene Constituirung der Gemeinde erfolgte endlich mit der obrigkeitlichen Genehmigung und Bestätigung des Statutes (11. October 1856). Das Gesetz vom 28. Juli 1876, betr. den Austritt aus den jüdischen Synagogen-Gemeinden, wonach den Juden der Austritt aus dem Synagogen- Verbaude aus consessionellen Bedenken — ohne gleichzeitig aus dem Judenthum auszutreten — ermöglicht ist, hatte in unserer Gemeinde bis jetzt 6 Austrittserklärungen zur Folge. Die Gemeinde hat gegenwärtig acht Wohlthätigkeitsvercine. Die Religionsschule zählt 81 Knaben und 85 Mädchen. Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 15. August. Zur Erinnerung an den vorige Woche verstorbenen Dichter Bauernfeld schreibt Prof. G. Wolf an die „Oesterr. Wochcnschr." : „Meine „Geschichte der Juden in Wien" schrieb ich zum Theile während der Ferien 1875 in Ischl. Es war mir erwünscht, von einem Nichtjnden ein Urtheil über Juden und jüdische Verhältnisse, wie sie anno dazumal in Wien waren, bevor noch von der Gleichberechtigung die Rede war, zu hören. Ich bat daher Bauernfeld, der stets viel mit Juden verkehrte, mir Mittheilungen zu machen. Ervariirte mir kurz und bündig, er hätte diesbezüglich gar nichts zu sagen. „Wir", fügte er hinzu, „verkehrten gerne mit Juden, weil sie Sinn und Berständniß für Kunst und Wissenschaft haben. Die Juden waren politisch bedrückt und wir wunderten uns, daß Staatsmänner so dumm sein konnten, eine solche Summe von Intelligenz brach liegen zu lassen." Tarrrow, 6. August. In der Vorstadt Pogrizdorf brach vorgestern Feuer aus, und auch Juden eilten zur Brandstätte, um sich an den Löscharbeiten zu betheiligen. Unterwegs mußten sie, da gerade die Feuerwehr herangefahren kam, derselben ausweichen und postirten sich einstweilen links der Fahrstraße, gerade dem Barackenlager gegenüber. Da kam der Stationskommandant dahergegangen, näherte sich den Juden und rief ohne jede Veranlassung mit einer wahren Stentorstimme, als gälte es einem Commando: „Elendes Judengesindel übereinand'!". Um jeden Scandal zu vermeiden, unterließen es die Juden, dem General eine Antwort zu geben, die er aber hoffentlich von anderer Seite erhalten wird. Holland. Amsterdam. Die medizinische Facultät der hiesigen Universität hat für das Studienjahr 1890/91 Professor I. He rt s zum Präsidenten und Professor B. I. Stokvis zum Secretär erwählt. Rußland. Aus Rußland, 29. August. Eine Correspondenz aus Rußland kann Ihnen, wenn auch manches Interessante, so doch leider wenig Erquickliches bieten. Die Gerüchte, die von hier in das Ausland dringen, sind manchmal wohl übertrieben und entstellt, es läßt sich indeß nicht in Abrede stellen, daß die Lage der russischen Juden eine höchst gedrückte ist, da die meist unerwarteten Ereignisse jeden Augenblick eintreffen können. Deßhalb freut es mich umsomehr, Ihnen eine angenehme Thatsache mittheilcn zu können, die hier großes Aufsehen erregt hat und die unseren Glaubensgenossen die Hoffnung gibt, daß allmählich die ihnen feindliche Bewegung ein Ende nehmen werde. In den Gouvernementstädten Minsk und Moliew war ein Beschluß gefaßt und bekannt gemacht worden, dem gemäß während der drei nächsten Jahre in die höhere Töchterschule keine Mädchen jüdischer Confession ausgenommen werden sollen. Vergangene Woche nun kam von der kaiserlichen Kanzlei der Befehl nach Minsk und Moliew, auch jüdische Kinder in die Schule aufzunehmen. Entschieden hat zu diesem günstigen Dazwischentreten der kaiserlichen Regierung der Umstand beigetragen, daß der Gouverneur des Moliewer Gouvernements vor kurzer Zeit ein nach mittelalterlichem Schnitte abgefaßtes Gesetz ersonnen hat, das den Juden gebietet, vor jedem Staatsbeamten (also auch den Polizeidienern, Briefträgern 2C.) den $ut zu ziehen. Der kaiserliche Befehl hat wohl zum Ausdruck bringen wollen, daß dieses Treiben in höheren Kreisen Mißbilligung gefunden, und so ist die Hoffnung vielleicht keine eitle, daß bald bessere Tage

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.