Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-09-01 · Heft 69 (1.9.1890) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 69 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448091--30647-2478435
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1272 gesetzes," und es sei frevelhaft, um dieser Kleinigkeit halber von einem wirklichen Gegensatz innerhalb der Judenheit zu reden. Und wo man mit dergleichen Absurditäten keinen Eindruck hervorzubringen hoffen kann, da tritt man mit dem unsinnigen Verlangen auf, die „religiöse Frage" überhaupt aus dem Spiele zu lassen und die vitalsten Anliegen eines jeden religiösen Gemeinwesens, die Lehre und den Gottesdienst zu berathen und zu fördern unter Beiseitelassung des religiösen Moments! Wahrlich, es ist die Tollheit der Verzweiflung, die also das Wort führt, die sich in solchen Ungereimtheiten zu ergehen nicht entblödet. Es würde sich nicht verlohnen, derselben zu erwähnen, wenn nicht leider und fast unbegreiflicher Weise dadurch doch Manche sich düpiren ließen. Wohl ist der Friede ein hohes Gut, für welches der Mensch ein jegliches Opfer bringen soll, nur das Eine nicht: die Wahrheit. Wer aber die Wahrheit preisgiebt, um der Lüge die Herrschaft zuzuerkennen, der ist nicht nur ein Feigling, sondern auch ein Verräther an dem höchsten Gute, der Wahrheit, der ist damit aber auch zugleich ein Feind des Friedens, des wahren, echten Friedens. „Der wahre Frieden der Menschen unter einander," sagt Hirsch in seinem Commentar zu Nummert 25, 12, „beruht auf dem Frieden Aller mit Gott. Wer den Kampf mit dem dem göttlich Guten und Wahren, im Kreise der Menschen Feindlichen, wagt, der ist mitten im Kampf und durch denselben ein Streiter für den ubv ma auf Erden. Wer um des vermeintlichen Friedens willen mit Menschen deren wirklichem Zwiespalt mit Gott schweigend das Terrain läßt, dessen Friedensliebe gesellt sich selber zu denFeinden des d^k' m: auf Erden." Nun ist noch niemals auf Erden ein heiligerer Streit gekämpft worden, als der Kampf, den die Orthodoxie gegen die Reform während der vergangenen fünfzig Jahre unter Gottes gnädigem Beistand siegreich bestanden hat und noch zur Stunde bestehen muß. Handelte es sich doch um nichts Geringeres, als um die Integrität des Jndenthums, als um die Erhaltung der lebenden Generation für das Judenthum. In der Reform waren haßerfüllte, erbitterte Feinde aufgestanden, omai dttdo, die den vollendetsten Abfall vom Judenthum predigten und das ganze Volk zum Treubruch gegen Gott und Sein Gesetz verführen wollten. Sie hatten längst mit dem Judenthum gebrochen, hatten längst in Gesinnung und That den Abfall in sich vollzogen und versuchten nunmehr das Ungeheuerliche, eben diesen Abfall als die wahre Treue, als die echte Erfüllung des Gotteswillens zu verkündigen. Lüge, Entstellung, Fälschung, Verleumdung waren die Waffen, die sie führten. Dagegen galt und gilt es anzukämpfen mit der Wahrheit, mit dem Bekenntniß und der Verwirklichung des alten, einzigen, göttlichen Judenthums. Und da sollten diese Kämpfer für die Wahrheit die Friedensstörer sein $ l Sie, die Reformer, die ganzen und halben Reformer, welche das Gesetz verhöhnen, die Göttlichkeit der Thora leugnen, die Integrität der mündlichen Ueberlieferung in Abrede nehmen, das Prophetenwort umdeuteln, die eine vermeintliche Wissenschaft pflegen, welche auf Lüge und Entstellung basirt, Kanzel und Schule mißbrauchen zur Propaganda für den Verfall, sie sind die Friedenftörer, sie sind Diejenigen, welche „das Gemeindeleben vergiftet," das „Band der Einheit" gelockert und in viele Gemeinden „den Keil der „Spaltung" hineingctrieben haben." (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. Sabbat-, Fest- und Gelegenheitsreden von M. Unna, weil. Lehrer an der israelit. Erziehungs- und Unterrichtsanstalt zu Würzburg. Aus dessen schriftlichen Nachlasse herausgegeben von seinen Söhnen. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmann 1890. LI. Wenn es gestattet ist, aus dem Inhalt von Reden auf den Verfasser zu schließen und wenn so z. V. die Reden von Michael Sachs uns einen erhabenen Charakter, eine begeisterungsfroye Seele zeigen, Jellineks Predigten eine witzige Individualität verrathen, in Joels Reden ein Lapidarphilosoph uns entgegentritt und wir bei Salomon Pleßner einen seltenen Kenner des Midrasch und der Pijutim bewundern dürfen, leuchtet aus den vorliegenden Reden ein goldenes Herz, ein trefflich frommes Gemüth. Wir haben nicht oft eine so warme Glaubensinnigkeit, ein so reiches Wissen und einen so schönen Ausdruck bei einander vereint gefunden. Werden uns doch nur sieben Sabbat- und vier Festreden neben fünf Gelegenheitsreden mitgetheilt — und doch, welch' reicher Schatz von Empfindungen! Die Reden sind in pietätvoller Ehrfurcht von den Söhnen des verstorbenen Vcrf. herausgegeben. Um so schmerzlicher berührt es, im Vorwort zu erfahren, wie es auch diesem edlen Manne nicht an „Neidern und Widersachern fehlte, die ihn aus niedriger Mißgunst auf jede Weise zu verleumden und zu verdächtigen suchtenund wie diese. Kränkungen eine tiefe Mißstimmung in seiner Seele und eine körperliche Zerrüttung veranlaßteu. So starb er, verbittert über undankbare Freunde und heimgesucht von schweren Schicksalsschlägen, in der Blüthe seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.