Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 69 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Israelit «n°> Jeschamn. V«or»LLL<iiv»r ^«^^WKFURT MOS. XXXI. Jahrgang. Mtsthrlst zur FUrderuug jSd. Geistes uud W. Krbeus iu Aus, ßeratinör uaö KGlr. Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudentßum. Begründet von »r. Lehmann in Mainz. M o n t a g, den 1. September 5050 (1800). Leitender Artikel. Der Gegensatz in den Gemeinden. *> Von Isaak Hirsch. (Fortsetzung.) So lange die Reform siegesmuthig war, so lange sie die gänzliche Unterdrückung und Vernichtung des orthodoxen Judenthums als das sicher zu erreichende Ziel ihrer Bestrebungen vor sich sah, da war von einer Nachgiebigkeit ihrerseits keine Rede, da war kein Ausdruck zu schlecht, um das gehaßte Judenthum und dessen Anhänger zu schmähen und verächtlich zu machen. Da war das alte Judenthum finsterster Obskurantismus, da mangelte cs den Orthodoxen an jeglicher Einsicht, da war der orthodoxe Gottesdienst ein wüstes Geschrei, da fehlte den Gesetzestreuen ein jedes reine Ideal, da waren sie in Unbildung und Rohheit versunken. Da galt es als ein Zeichen einer wahrhaft erleuchteten Anschauung und eines edlen, zielbewußten Strebens, rücksichtslos gegen das alte Judenthum und seine Bekenner vorzugehen. Da ward der Regierung der Polizeiftock als das wirksamste und heilsamste Mittel zur Belehrung und Bekehrung der verblendeten orthodoxen Landjuden, die ihre Synagogen den Reformen verschlossen hielten, dringend empfohlen, da ließ man ihnen die Thorarollen durch Gensdarmen confisziren und die Synagogen versiegeln, da erwirkte man den Verlust des Hausir- und Kleinhandelspatents für diejenigen armen jüdischen Landkrämer, welche den Reformgottesdienft nicht regelmäßig besuchten und dabei ihre Andacht nicht nach dem neu eingeführten Gebetbuche verrichteten.**) Die Reform hatte buchstäblich dem alten Judenthum „Krieg bis an's Messer" verkündigt, und keiner trat aus ihren Reihen hervor mit der Mahnung, daß man dem Beispiel der Schulen Hillels und Schammais folgen möge und dem alten Juden- *) Druckfehlerberichtigung. Iu Nr. 67, S. 1226, ist Zeile 11 v. t>., Sp. 2 vor „vermocht" „nicht" einzuschalteu. **) Wir berichten lediglich Thatsachen! thnm die Berechtigung seiner Existenz nicht absprechen dürfe, da n '-on Hm Hu und man nicht auf seiner Meinung beharren dürfe, da war die Parole: keine Nachsicht, keine falsche Sentimentalität, die Constellation ist der Reform günstig, thöricht, ja sündhaft wäre es, diese Gunst der Zeit nicht zu nützen! Heute aber, nachdem die Reform ihrer völligen Impotenz inne geworden, und ihre Führer zur Einsicht gelangt sind, daß es ihr unmöglich ist, ein Gemeinwesen zu bilden und auf die Dauer zu erhalten, so der von ihr geschaffenen Zwangsgemeinde das conservative Element der Gesetzestreue gänzlich entzogen wird, heute aber, da die Orthodoxie als kräftiger, lebensfrischer Faktor dasteht, sucht sie das Feld durch die gleiche, kleinliche Kunst der Lüge und Heuchelei zu behaupten. Da spricht sie zu einer gcsetzestreuen Minorität: Wißt ihr nicht, daß alles Heil nur in dem Frieden beruht, aus dem Zwist nur Unheil entstammt, — beherzigt ihr nicht die Mahnung der alten Lehrer, -nnsn pttnDn bn, „zwischen den Schulen Hillels und Schammais waren eine große Zahl von Gesetzesfragen streitig, und trotzdem wird ihnen nachgerühmt, daß sie in der Praxis sich als gleichberechtigte Bekenner des Glaubens Israels betrachtetenauch im 18. Jahrhundert hat der Streit um die Kabbala, der in dem Kampf zwischen Jakob Emden und Jonathan Eibenschitz akut geworden war, einen großen Theil der deutschen Judenheit in zwei Lager gespalten, ohne daß es dem einen Theil eingefallen wäre, den anderen aus dem Judenthunic auszustoßen." Und man hat den traurigen Muth, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen Reform und Orthodoxie ganz zu leugnen und die ungeheure Kluft, welche zwischen dem Judenthume und dem Wahngebilde der Reform vorhanden ist, zu ignoriren, und, auf die Unwissenheit und Gedankenlosigkeit des Volkes bauend, in gekünstelter Naivität in die Welt hinauszurufen: Die vorhandenen verschiedenen religiösen Anschauungen betreffen ja „eigentlich doch nur die Stellung zu einzelnen Fragen des Ritual-