Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 68 (28.8.1890)
- Date
- 1890-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1245 Gobcsevics hatte deßhalb die christlich-socialen Antisemiten sehr eindringlich aufgefordert, Antheilsscheine für das „große christliche Blatt" 311 zeichnen, und sich bemüht, das Publikum von der Nothwendigkeit eines solchen Organs zu überzeugen. Seine -Bemühungen sind aber von einem wahrhaft kläg- Ilchen Mißerfolge begleitet gewesen, und heute mich er in seinem Blatte eingesteheu, daß die antisemitischen Parteigenossen, an deren Opferwilligkeit er oppellirte, ihn vollständig im Stiche gelassen haben. In der Form einer Zuschrift des betreffenden Konsortiums theilt er mit, daß sich im Ganzen nur „vier Christen gesunden haben, welche sich bereit erklärten, zusammen 220 fl. zu zeichnen." Das sei mehr als beschämend, es sei empörend. Voll Wuth wird in der Zuschrift gegen die „großmäuligen Führer der Antisemiten aller Schattirungen" losgezogen und zugleich dem deutsch-nationalen Antisemiten - Organe der Untergang prophezeit. Zum Schluffe der Zuschrift läßt sich Herr Gopcsevics von dem Consortimn schreiben: „Sie haben Ihre Perlen vor die Säue geworfen und nur Undank geerntet. Bon der Dummheit konnten Sie freilich auch nichts Anderes erwarten." Man muß gestehen, der Mann, der dies geschrieben hat, kennt seine Gesinnungsgenossen genau. Herr Spiridion Gopcscvics selbst erklärt, er'halte es für ganz zwecklos, seine Kräfte einer so undankbaren Sache zu weihen, und ziehe sich von der „Wiener Tagespost" zurück, die als antisemitisches Organ zu erscheinen anfhört. Gräh, 20. Ang. Heute fand hier die feierliche Einweihung der neu erbauten Leichenhalle am jüdischen Friedhofe statt. Es ist das ein recht imposantes Gebäude, das Geschenk des Herrn Jtzig Lamm aus Berlin, eines geborenen Grätzer, der sich darin ein schönes Denkmal errichtet hat. Gegen 4 Uhr Nachmittags versammelte sich die Gemeinde in der Synagoge, wo nruo gebetet wurde. Bon da aus begab sich die zahlreiche Versammlung nach dem Schauplätze der Feier. Hier war schon eine große Menge Festtheilnehmer versammelt, unter denen wir auch den Bürgermeister bemerkten. Mit dem Absingen des ns wurde die Feier eingeleitet. Dann übergab der Stifter, Herr I. L a m m, mit einer warmempfundenen Ansprache dem Gemeinde-Vorstände den Schlüssel. Der erste Vorsteher, Herr A. H e fei d, übernahm denselben und gab dem Danke der Gemeinde in einer gediegenen Rede beredten Ausdruck. Daraus folgte Psalm 16. der vom Cantor, Herrn K 0 l i k 0 w, mit Chorbeglcitung wirkungsvoll vorgetragen wurde. Hernach bestieg der Rabbiner, Herr Dr. F r i e d m a n n, die Kanzel und hielt eine tiefergreifende Predigt, in der er ausführte, daß die neu errichtete Halle einem heiligen Doppelzwecke gewidmei sei: Sie soll eine Stätte der Belehrung und ein Quell des Trostes werden. Mit dem Absingen des rf>iy ihn schloß die schöne Feier. Nächst Herrn Lamm hat sich um das neu errichtete Werk sowohl als um das Gelingen der Feierlichkeit der im Dienste der Gemeinde unermüdliche erste Vorsteher, Herr A. Herzfeld, große Verdienste erworben. Graz. Ein bekannter Arzt und Professor in Graz schickte einen seiner Patienten, der an Wechselfieber litt, zur Erholung nach St. Leonhard in Kärnten, wo aber derselbe eine sehr unangenehme Erfahrung «rächen mußte, die in Folge der damit verbundenen Aufregung auch nachtheilig auf seinen Gesundheitszustand znrückwirtte. Der Fall verdient es, zur Warnung des Publikums bei der Wahl von Sommerausenthaltsorten zur öffentlichen Kenntniß gebracht zu weiden. Einem Schreiben des betreffenden Herrn entnehmen wir Folgendes: Es wurde ihm im Gasthause zu St. Leonhard ein Meldezettel vorgelegt, der nebst den gewöhnlichen gedruckten Rubriken auch noch die geschriebene Clausel „Eonfession" enthielt. Da dies eine ganz unberechtigte und eigenmächtige Erweiterung der behördlich vorgeschriebenen Fragen des Meldzettels war, so fertigte der Gast denselben gar nicht ans. In Folge dessen ersuchte der Gastwirth den Herrn schrisilich, derselbe möge ihm sein Glaubensbekenntnis; mittheilen. Trotz der Unverschämtheit, die in diesem Verlangen lag, lies; sich der Gast herbei, dem Wirthe miizutheilen, daß er Jude sei. Der Wirth entschuldigte sich nun sehr, betheuerte, er selbst sei durchaus kein Antisemit, aber es seien solche unter seinen übrigen Gästen, und von diesen sei er aufgefordert worden, ihnen über die Person und Confessio« des neuen Ankömmlings Auskunft zu geben. So leid es ihm auch sei, so müsse er doch dem Gaste den Aufenthalt in seinem Hause kündigen, da sonst durch dessen Verbleiben sein Interesse als Wirth geschädigt würde. Er wolle aber dem Herrn gestatten, noch zwei Tage zu verweilen, bis dessen Wüsche gewaschen und ihm eine Fahrgelegenheit besorgt sein würde. Es ist natürlich, daß der leidende Curgast durch das rücksichtslose und beleidigende Benehmen deZ Wirthes in die höchste Aufregung versetzt wurde und es vorzog, so bald wie möglich einen Ort zu vrelaffen, wo man ihm mit solcher Brutalität begegnete. Man kann zwar an nehmen, daß der Wirth nicht aus eigenem Antriebe so handelte, sondern von einer Anzahl antisemitischer Hetzer zu dem gemeinen Benehmen gegen den jüdischen Gast veranlaßt worden war. Aber auch in diesem Falle muß man wohl die Frage aufwersen, ob ein Wirth, der ein concessionirtes Gewerbe treibt und durch sein Schild die Fremden zum Besuche seines Gasthauses einladet, berechtigt ist, einen Gast, der sich einge-